Bufile 61-7099

Die Akte Einstein Wie das FBI den berühmtesten Wissenschaftler der Welt jagte

An einem Februarmorgen vor über 50 Jahren begann für den amerikanischen Geheimdienst ein neuer Fall. FBI-Direktor J. Edgar Hoover wurde an diesem Morgen wie immer um Punkt acht Uhr 30 abgeholt. Wie gewohnt gabelte der Fahrer anschließend noch Hoovers Vertrauten, Clyde Tolson, auf. Mit großer Wahrscheinlichkeit erreichten die beiden das FBI-Hauptquartier in Washington um genau neun Uhr. Was die beiden im Fond des Wagens in der halben Stunde Fahrtzeit besprochen haben, ist nicht mehr zu recherchieren. Fakt ist aber, dass Hoover seinen engsten Mitarbeitern an diesem Morgen des 13. Februar 1950 einen brisanten Auftrag gab: Das FBI legte das Dokument 61 -7099 an. Die Akte Albert Einstein. Die Jagd auf den berühmtesten Wissenschaftler der Welt hatte begonnen, und sie dauerte fast bis zu seinem Tod. Was hatten die amerikanischen Agenten bei dem zerstreuten Professor gesucht? Und was hatten sie gefunden?

Über Jahrzehnte wusste weltweit nur eine Handvoll Leute, dass Hoover den umjubelten Physiker beschatten ließ. Hoover hatte allerstrengste Geheimhaltung über den Fall verhängt. "Aber es grenzt dennoch an ein Wunder, dass selbst hochrangige FBI- und CIA-Männer noch nie etwas davon gehört hatten", sagt der amerikanische Wissenschaftshistoriker Fred Jerome. Er ist klein und schmal, voller Energie und Humor. Und jeder Satz, den dieser Mann sagt, ist recherchiert. Er sitzt in einem kleinen Büro, am Ende des Flures seiner New Yorker Wohnung. Die Regale sind voller Bücher über Einstein, auf seinem Tisch stapeln sich Zeitungsausschnitte und die kompletten Kopien der brisanten Akte 61-7099. Direkt dahinter an der Wand hängt eine Postkarte mit einem Zitat: "Einstein had a messy desk, too". - Auch Einstein hatte einen chaotischen Schreibtisch.

Vor etwa acht Jahren war dieses Büro wohl noch bedeutend ordentlicher. Fred Jerome hatte ein paar schöne, übersichtliche Aufträge für Artikel und Bücher. Seine tägliche Arbeitszeit bewegte sich etwa bei gemütlichen acht Stunden. Damit war es vorbei, als er im Oktober 1996 in der New York Public Library an der 42sten Straße auf einen winzigen Zeitungsartikel stieß. Fast hätte er den 15-zeiligen Bericht in der New York Times von 1983 einfach übersehen: Versteckt neben der Wetterkarte schmiegte er sich unauffällig in eine Text-Wüste. Die Überschrift lautete: FBI-Akte berichtet von Einsteins Spionagetätigkeit.

Wenn er von seinen Recherchen zu Einstein spricht, vergisst der renommierte Journalist alles um sich herum. Unweigerlich geraten Zuhörer in den Sog seiner Erzählung. Der Kaffee wird kalt über der Geschichte, wie er den Mann anrief, der laut New York Times die Akte Einstein gefunden und als einziger gelesen haben sollte: Richard Schwartz, Englischprofessor an der Florida International University in Miami. Schwartz hatte eine Überraschung parat: Eine Kopie der Akte lag in der Universitätsbibliothek von Miami. Schwartz erklärte ihm auch gleich freimütig, wie er in den Besitz des Geheimreports gelangt war. Er hatte angenommen, dass es die Akte geben müsse. Also hatte er sich auf das amerikanische Informationsgesetz bezogen - den "Freedom-of-Information-Act" und ganz lapidar an das FBI geschrieben: "Bitte händigen Sie mir die Akte Einstein aus". Es dauerte eine Weile bis sie antworteten: "Es gibt 1.500 Seiten. Aber sie müssen 10 Cents pro Seite Kopierkosten bezahlen." Schwartz willigte ein, und bekam drei Jahre später drei Pappkartons mit den Kopien zugeschickt.

Jerome flog so schnell wie sein Terminplan es zuließ nach Miami. In der Mittagssonne eilte er vom palmengesäumten Parkplatz der Universität auf das Hauptportal der Bibliothek zu, kam schließlich schweißgebadet in der Abteilung für "Besondere Sammlungen" an. Hier wartete Richard Schwartz auf ihn. Gemeinsam öffneten sie die drei grauen, unscheinbaren Kartons. Zum Vorschein kamen Zeitungsberichte, Briefe, Listen von Organisationen, Berichte und Agenten-Report. Genau 1.467 unsortierte Seiten, teils gestochen scharf, teils in schmieriger Schreibmaschinen-Schrift. Etliche Passagen waren geschwärzt, Dutzende von Seiten schienen zu fehlen. Trotzdem war Fred Jerome bald klar: Einstein stand tatsächlich unter Spionage-Verdacht. Doch warum genau, ließ sich auf den ersten Blick nicht beurteilen. Als Fred Jerome nach einem langen Tag erschöpft vor den Aktenstapeln saß, ahnte er allmählich, dass gerade das größte Rechercheprojekt seines Lebens begonnen hatte.

Am nächsten Morgen ging er mit Schwartz Einverständnis und den drei Kartons in den nächsten Copy-Shop. Seite für Seite kopierte er, was vor 50 Jahren zum Geheimsten gehörte, was das FBI zu bieten hatte. Zurück in New York versuchte er als erstes, den Papierwust chronologisch zu ordnen. Überrascht stellte er fest, dass die Amerikaner schon über Einsteins Aktivitäten in Deutschland bestens informiert waren. Akribisch und über Dutzende von Seiten werden Einsteins Kontakte zu zahlreichen linken politischen Verbänden aufgezählt, seine Sympathien für den Kommunismus beschrieben. Für Jerome ergibt sich aus den Spionage-Unterlagen bald ein ganz neues Bild des vermeintlich so zerstreuten Professors: Er war - wie es der deutsche Einstein-Experte Jürgen Renn auf den Punkt bringt - ein "Demokrat linker Prägung", verkehrte in kommunistischen Kreisen, verehrte Lenin und war ein Freund Russlands. Gepaart mit der zu dieser Zeit höchst verdächtigen Weltanschauung, besaß er eine Gabe, die schon den Deutschen nicht geheuer war: "Er war jemand, der extrem geschickt mit den Medien umzugehen verstand", erklärt Renn. Der Leiter des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin hat selbst Tausende von Zeitungsartikeln in seinen Archiven, die beweisen: Wo der Mann auftauchte, war auch die Presse nicht weit. Was er sagte, erschien in millionenfacher Auflage. Renn: "Zusammen mit seiner Weltanschauung machte ihn das für die Amerikaner schon zu einer gewissen Gefahr."

Die frühesten Dokumente in Einsteins Akte stammen nicht von ungefähr aus dem Jahr 1933, dem Jahr, als der "Jude Einstein" seiner Heimat den Rücken kehrte und in die USA floh. Jerome findet ellenlange Hetzschriften aus reaktionären Kreisen der USA, die Einstein das Visum verweigern wollten und ihm vorwarfen, "mehr kommunistische Verbindungen zu haben als Lenin selbst". Der Geheimdienst nahm die Briefe ernst, legte sie sorgfältig ab, ergriff jedoch selbst erst viel später die Initiative: Am 13. Februar 1950 schreibt Hoover eine Mitteilung an seine engsten Mitarbeiter in allen FBI-Büros des Landes: "Schicken Sie mir alle Informationen, die Sie bis heute über Einstein haben. Wir legen eine zentrale Akte über ihn an." Was steckte dahinter? Die Akte mit ihren vielen geschwärzten Stellen schien keine Antwort zu geben. Jerome arbeitete sich immer tiefer in die Geschehnisse der Zeit: Kalter Krieg, Angst vor den Russen, Wettrüsten. "Und plötzlich", erinnert sich Jerome, "war es so einfach: Am 12. Februar hatte sich Albert Einstein einen großen Aufritt geleistet."

Als an jenem Tag um vier Uhr nachmittags der tiefe NBC-Gong ertönte, wartete jeder Amerikaner, der einen Fernseher besaß, auf den Ehrengast der Sendung: Albert Einstein. Eleanor Roosevelt, die Gattin des ehemaligen Präsidenten, befragte den weltberühmten Physiker zu der Wasserstoffbombe, die in den USA soeben entwickelt wurde. Einstein nahm kein Blatt vor den Mund: Er warnte vor der Vernichtung der ganzen Menschheit und kritisierte offen die amerikanische Regierung, sich auf ein Wettrüsten mit den Russen eingelassen zu haben. Am nächsten Morgen, dem 13. Februar, standen seine Warnungen in allen großen amerikanischen Zeitungen. "Hoover hat morgens vermutlich am Frühstückstisch die Washington Post aufgeschlagen und einen Schlag bekommen", so Jerome. "Das war der Startschuss für die Akte". Plötzlich ging alles sehr schnell. Schon zwei Tage nach Hoovers Schreiben an die FBI-Büros erhielt er von einem Mitarbeiter eine 17-seitige Aufstellung zu Einstein. In dem Kapitel "Kontakte" fand sich eine folgenschwere Notiz: "Nach noch nicht ganz geklärten Informationen hatte Einstein Kontakt zu Emil Klaus Fuchs ..." Mit der Nennung dieses Namens schnappte die Falle zu.

Der deutsche Physiker Emil Klaus Fuchs war 1950 alles andere als eine harmlose Bekanntschaft. Er war soeben, keine zwei Wochen vor Hoovers Schreiben, als sowjetischer Spion verhaftet worden. Er hatte in den Kriegsjahren am geheimsten Militär-Projekt der USA mitgearbeitet: der ersten Atombombe. Kurz nach dem Test der amerikanischen Bombe zündete auch das russische Atomlabor seinen ersten Atomsprengkörper. Er war baugleich mit dem amerikanischen. Als die Spezialisten des FBI einen geheimen russischen Code knackten, flog Fuchs auf: Er hatte sämtliche Baupläne der Bombe an die Russen verraten. Am 2. Februar 1950 wurde Fuchs verhaftet. Wenige Tage später stand auch Einstein unter Verdacht. Der FBI-Mitarbeiter John Fox bestätigt heute: "Es wurde 1950 angenommen, dass Einstein in Spionage für die Russen verwickelt war. Einer der Vorwürfe lautete, dass Einstein persönlich den Spion Klaus Fuchs in das Atombomben-Projekt der Westmächte geschleust haben soll."

Unter Hochdruck und gleichzeitig mit absoluter Diskretion begannen Hoovers Agenten mit der Suche nach Beweisen. Einsteins Haus in Princeton wurde beobachtet, seine Vergangenheit durchkämmt, sein Telefon angezapft, die Post abgefangen und geöffnet. "Sogar seinen Müll durchsuchten sie", sagt Jerome.

Jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Während das FBI belastendes Material gegen Einstein sammelte, wurden bereits vier mutmaßliche Mittäter verhaftet: am 22. Mai 1950 Harry Gold, am 15. Juni David Greenglass, am 17. Juli Julius Rosenberg und am 11. August seine Frau Ethel. Die Beweislage gegen das Ehepaar war umstritten. Doch man wollte ein Exempel statuieren: Sie wurden hingerichtet.

Fred Jerome erzählt die ganze Geschichte in einem Zug, die Figuren, die Zeit erstehen wieder auf, wenn er bis ins kleinste Detail die Geschehnisse beschreibt. Wenn man ihn unterbricht, macht er ein Gesicht, als müsste er kurz überlegen, wo er ist. Kann er sich wirklich vorstellen, dass man Einstein verhaftet hätte? Da überlegt er lange. Man sieht ihm an, wie er seine Worte abwägt: "Es ist schwer, sich in diese Zeit zurückzuversetzen. Sicher, man denkt: Wer hätte denn Einstein Handschellen angelegt? Aber das war eine unglaublich hysterische Zeit."

Am 7. September 1950 erhält das FBI unverhofft einen neuen Geheimreport. Der Informant mit dem Decknamen "SOURCE" - die Quelle - hatte über Einstein ausgepackt. Der Bericht versetzte das FBI in höchste Aufregung. Er führte zurück ins Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre - und zu Einsteins Wohnhaus in der Haberlandstraße. Hier sollen fünf Agenten ein und aus gegangen sein, die Telegramme abholten. Die Schlüsselfigur: Richard Großkopf. Er war laut Report Spion und Passfälscher. Wie ein Ausschnitt aus einem Agentenfilm mutet die Szene an, die Fred Jerome aus den Reporten der Akte zusammengetragen hat: An Einsteins Wohnungstür öffnet dem Spion Großkopf Helen Dukas, Einsteins Sekretärin und rechte Hand. Sie soll laut "SOURCE" mit Einsteins Einverständnis enge Verbindung zu KPD-Agenten gehabt haben. Dukas lässt den Mann einen Moment allein im Hausflur stehen und kommt mit einem Bündel Telegramme zurück. Diese Telegramme waren auf Einsteins internationale Telegramm-Adresse ausgestellt und wurden von den Spionen zum Nachrichtenaustausch benutzt. Die Adresse lautete angeblich: "Einstein Berlin". Oder "Albert Einstein Berlin".

Fred Jerome versuchte, den erstaunlich detaillierten Bericht des Informanten "SOURCE" zu recherchieren, aber in den USA suchte er vergebens nach neuen Erkenntnissen. Schließlich fasste er den Entschluss, sich in Deutschland nach Hilfe umzusehen. Er kontaktierte den Wissenschaftshistoriker Siegfried Grundmann, einen deutschen Experten für Einsteins Berliner Zeit, und schickte ihm den 15-seitigen Einstein-Report von "SOURCE".

Der Berliner Professor begann sofort zu recherchieren. Fasziniert prüfte er jede einzelne Information des Berichtes. Grundmann, der das Projekt nach inzwischen über acht Jahren noch immer nicht abgeschlossen hat, erinnert sich sehr gut an die ersten Nachforschungen: "Je mehr ich recherchiert hatte, umso mehr musste ich feststellen, es stimmt, was in diesen Berichten von SOURCE steht. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass diese Quelle hervorragend informiert war."

Bald spitzten sich Grundmanns Nachforschungen zu. Vier Schlüsselfragen standen dabei im Mittelpunkt: Wer war Richard Großkopf? Gab es diesen Agenten tatsächlich? Hatte Einsteins Sekretärin Helen Dukas wirklich Kontakte zum Geheimdienst? Und schließlich: Stimmt die angegebene Telegramm-Adresse?

Vor allem Richard Großkopf suchte Grundmann lange. Doch dann hatte er Glück. In den unerschöpflichen Kellern des Bundesarchivs in Berlin fand er eine Gefangenenakte: Richard Großkopf war 1933 von der Gestapo verhaftet worden, als eine Fälscherwerkstatt ausgehoben wurde. Es gab ihn also tatsächlich. Und Passfälscher war er auch - genau wie "SOURCE" es behauptet hatte. Doch dann, nach weiteren sorgfältigen Nachforschungen, konnte Siegfried Grundmann Jerome eine entscheidende Unstimmigkeit mitteilen: "Einstein hatte definitiv keine internationale Telegramm-Adresse."

Das FBI mit seinen großen Recherche-Teams prüfte die Telegramm-Adresse nicht nach. Die Ermittler vertrauten "SOURCE". Zu gut passten seine Aussagen zu ihrem Verdacht. Ein Verfahren lief an, um Einstein die amerikanische Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Fred Jerome entdeckte die steckbriefähnlichen Unterlagen in der FBI-Akte. "Das war der erste Schritt, um ihn auszuweisen".

Am 5. August 1953 bekam Hoover das brisanteste Dokument seit Beginn von Einsteins Überwachung in die Hände: Der Report eines hochrangigen FBI-Mitarbeiters, der sich auf Aussagen eines Top-Spions stützte. Er führte endlich wieder von Einstein zu Klaus Fuchs. Und wieder zurück ins Berlin der zwanziger Jahre. In der pulsierenden Metropole lernte der junge Albert Einstein den Wirtschaftswissenschaftler Robert R. Kuczynski kennen. Kuczynskis Sohn Jürgen wurde später russischer Spion und immigrierte Ende der zwanziger Jahre in die USA.

Mit Einstein hatte er laut FBI-Informationen regelmäßigen Kontakt. Gleichzeitig pflegte Kuczynski einen weiteren brisanten Umgang: Er führte Klaus Fuchs in Spionagekreise ein. "Hoover glaubte sich nun ganz nah dran", fasst Jerome den Stand der Dinge zusammen. Doch Beweise für Einsteins Schuld gab es noch immer nicht. Schließlich fasste Hoover einen gewagten Entschluss: Er hob die strenge Geheimhaltung auf. Am 23. Februar 1955, wenige Wochen vor Einsteins Tod, schickte er zwei Agenten zu Helen Dukas, um sie verhören zu lassen. Die Einstein-Getreue gab sich mit liebenswürdiger Naivität völlig ahnungslos. Im Protokoll, das in der Akte enthalten ist, haben die Agenten ihre Antwort notiert: "Ich kann mich an nichts erinnern. Ich selber bin Jüdin. Ich habe zu solchen Leuten keinen Kontakt."

Die Agenten glaubten der freundlichen Dame. Doch erst als es dem 75-jährigen Einstein gesundheitlich plötzlich schlecht ging, ließ Hoover den Fall ruhen. Beinahe hätte sich die Spur von Einsteins angeblicher Spionagetätigkeit hier verloren. Hätte nicht Siegfried Grundmann eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Stasi, der nicht genannt werden will, hatte ihm einen Tipp gegeben: Er solle im Archiv für Stasi-Unterlagen nach einer gewissen Luise Kraushaar suchen. Siegfried Grundmann hatte den Namen noch nie gehört. Skeptisch durchsuchte er die über fünfzig Stasi-Akten, in die ihm die Behörde Einblick gewährt hatte. Schließlich fand er, wovon der Informant gesprochen hatte: Die entscheidenden Seiten des so genannten "Lebensberichtes" an die Stasi von Luise Kraushaar. Der Bericht warf ein neues Licht auf Helen Dukas.

Luise Kraushaar war um 1930 KPD-Sekretärin mit besonderen Aufgaben. Sie dechiffrierte Spionagebotschaften, tippte Namenslisten und Berichte. Und Luise Kraushaar erledigte ihren heiklen Job nicht irgendwo. Sie arbeitete "bei Einsteins Sekretärin" - die KPD hatte ein Zimmer bei Helen Dukas gemietet. Den Schlüssel zu Dukas Wohnung hatten neben Luise Kraushaar einige hochrangige KPD-Männer. Grundmann kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: "So unbedarft wie sich Helen Dukas gegeben hat, war sie nicht. Sie hat die FBI-Beamten belogen nach allen Regeln der Kunst."

Doch wusste auch Albert Einstein davon? Hatte auch er mit den Spionen zu tun? Fest steht: Einstein kannte Kommunisten, Geheimdienstler und Spione. Aber war er deshalb selber einer? Fred Jerome und Siegfried Grundmann haben sich diese Frage in den letzten Jahren wohl täglich gestellt und bis heute keine eindeutige Antwort gefunden. Aber irgendwann gibt es ja so ein Gefühl, das zum inneren Zünglein an der Waage wird. "Nach so langen Recherchen nichts zu finden, das heißt für mich, er war kein Spion", fasst Fred Jerome nach langem Überlegen zusammen. "Aber überzeugen Sie mich vom Gegenteil, wenn Sie wollen."

Am 18. April 1955 starb Einstein. Seine Akte wurde vier Wochen später geschlossen. Teile der Akte über den Physiker stellte der Geheimdienst auf seine Internetseite. Ganze Passagen darin noch immer geschwärzt.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Der russische Physiker und Nobelpreisträger Vitaly L. Ginzburg über Albert Einstein

Albert Einstein war eine vollkommen außergewöhnliche Persönlichkeit, groß unter Großen. Für mich persönlich steht er sogar an erster Stelle in der Geschichte der Wissenschaft und in der gesamten menschlichen Kultur. Hier ist es sicher wichtig, dass ich als Physiker den bedeutendsten Verdienst Einsteins beurteilen kann - seinen Beitrag zur Physik oder vielmehr zu allen Naturwissenschaften. Natürlich würde das ein Biologe anders sehen und jemand anderen in Betracht ziehen, etwa Charles Darwin.

Die Entwicklung der allgemeinen Relativitätstheorie, die entscheidende Rolle bei der Aufstellung der speziellen Relativitätstheorie, außerordentliche Studien auf dem Gebiet der Quantentheorie sowie der statistischen Physik - all dies gehört zu Einstein, und ohne diese Leistungen wäre die moderne Physik nicht vorstellbar. Wenn man über Menschen dieser Kategorie spricht, erscheint das Geburtsdatum unbedeutend. Die Physik steht in jeder Epoche vor großen und wichtigen Problemen. Für Talente kann es außerordentlich wichtig sein, wenn sie sich an einem bestimmten Entwicklungspunkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort befinden. Das Genie aber, auch wenn es sich auf seine Vorgänger stützt, geht ganz neue Wege.

Der ungewöhnliche Ruf, den Einstein in weiten Kreisen genießt, beruht neben seinen entscheidenden wissenschaftlichen Leistungen auch auf seiner anhaltenden fortschrittlichen sozialen Einstellung und seiner großen Begabung für öffentlichkeitswirksame Auftritte. Wer Einsteins Biographie und seine Briefwechsel gut kennt, ist hingerissen von der tiefen Menschlichkeit seines Charakters. Als 1905 nacheinander die berühmten Arbeiten über die spezielle Relativitätstheorie, die Quantentheorie und die Brownsche Bewegungstheorie erschienen, verdiente er seinen Lebensunterhalt als technischer Berater im Patentamt von Bern - sieben Jahre lang, sechs Tage in der Woche, acht Stunden pro Tag. Gibt es in der Wissenschaftsgeschichte ein vergleichbares Beispiel?

Anhand der veröffentlichten Artikel und besonders der Briefe lässt sich ersehen, wie sehr er das alltägliche Leben verstanden hat (und, zumindest teilweise, die politische Realität), wie gut er sich in der Wissenschaftsgeschichte auskannte und wie unkompliziert, freundlich und verantwortungsbewusst er war. All das bedeutet nicht, dass Einstein nie Fehler machte. Ja, im Wissenschaftlichen wie in der Einschätzung von Lebensumständen lag er manchmal falsch. Aber es gab wenige Menschen, die derart selbstkritisch waren. So schrieb er gegen Ende seines Lebens, berühmt wie wenige, an einen Freund: "Du glaubst, dass ich auf die Ergebnisse meines Lebens mit dem Gefühl der vollen Befriedigung blicke. In Wirklichkeit sieht es ganz anders aus. Es gibt kein Konzept, bei dem ich sicher wäre, dass es unverändert bleiben kann. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt auf dem richtigen Weg bin."

Trotz dieser Einschätzung wissen wir heute, bestätigt durch das Leben wie die Wissenschaft, dass Albert Einstein während des überwiegenden Teils seines außergewöhnlichen Lebens auf dem richtigen Weg war.

Übersetzung: Georg Kasch

00:00 22.04.2005

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