Bühne frei

Aber schön müssen sie sein In der populären Musik stehen Frauen ganz vorn, auch in den Charts - über Ideale, Körperkult und Rollenerwartungen auf der Bühne

Einer der angesagtesten Musikclubs in Berlin, das WMF, liegt in einer ruhigen Straße in Mitte und ist nur durch die Schlangen vor der Tür zu erkennen. Massen drängelten sich dort auch, als vor mehr als einem Jahr die Sängerin Peaches mit einer provokanten Show ihre erste CD-Veröffentlichung präsentierte. Ihr selbstgewählter Künstlername spielt auf ein äußeres Merkmal der Musikperformerin an, nämlich auf ihren prallen Po. Und den gab es nach drei elektronischen Rock-Songs in schlampigen Hip-Hopper-Hosen dann auch zu sehen: zur Freude des Publikums ließ Peaches pinkfarbene Hotpants leuchten.
Während in der klassischen Musik die Frauenquote noch immer erschreckend niedrig ist, sind Frauen in der populären Musik allgegenwärtig. Lediglich fünf Prozent der Tonträger auf dem deutschen Klassikmarkt stammen von Frauen, wie das Zentrum für Kulturforschung (ZfKf) für das Jahr 1999 berechnete. Dirigentinnen sind nach wie vor Ausnahmen - die Künstlerliste des Verbandes der Konzertdirektionen verzeichnet für das Jahr 2000 nicht mal eine Einzige. Popsängerinnen dagegen setzen sich besser durch. Waren 1995 in den US-Top 20 Album Charts zu 42 Prozent Frauen und zu 58 Prozent Männer vertreten, so hat sich das Verhältnis innerhalb von zwei Jahren umgekehrt. Bereits 1997 stammten 60 Prozent der 20 meistverkauften Alben in den USA von Musikerinnen. Ob sie ihre Lieder selbst komponieren oder als Instrumentalistinnen auftreten, lässt sich daraus allerdings nicht ablesen.
Eines verbindet die Erfolgsfrauen im Popmusikgeschäft: Sie sind jung und schön und verkörpern - zugegebenermaßen sehr verschiedene - Ideale von Weiblichkeit. Vom Model Jennifer Lopez über die Self-Made-Frau Madonna bis hin zu den frechen Girls No Angels lässt sich "Frausein" darstellen. Nicht zuletzt das Musikfernsehen hat seit Mitte der achtziger Jahre massiv dazu beigetragen, dass sich die Rollen, die Frauen offen stehen, vervielfältigt haben. Allerdings bleibt der Rahmen eng gesteckt, denn das Aussehen muss immer stimmen. "Im Mainstream ist der Körperkult besonders schlimm, und das trifft Männer gleichermaßen, denn die MTV-Politik verlangt Sichtbarkeit", sagt Dagmar Brunow, Pressesprecherin des Frauenmusikzentrums Hamburg. Für junge Mädchen ist das Identifikationspotenzial der gut aussehenden weiblichen Vorbilder hoch, wie Brunow erläutert: "Die Musikindustrie hat Mädchen als Konsumentinnen entdeckt. Britney Spears hat ein überwiegend weibliches Publikum und wird von ihren Fans als große Schwester betrachtet. Auch die No Angels haben als Identifikationsfiguren funktioniert."
Auf der Bühne im WMF ereignen sich derweil merkwürdige Dinge. Peaches spielt alle Gender-Rollen durch: Sie zitiert das Macho-Gehabe der Siebzigerjahre-Rocker, hängt sich zwei Silberbälle vors Schambein, reibt sich am Verstärkerkabel zwischen den Beinen, benutzt ihren Mitmusiker als Mikroständer und heiratet mal eben eine Frau. Das männliche Publikum ist irritiert, während das weibliche Publikum genussvoll beobachtet, wie Peaches sich einen Mann dressiert und auf seinen Schultern durch den Saal reitet.
Dabei ist ihre Show nicht mehr ganz neu. Ihre Vorgängerinnen hat sie in der Riot Grrl Szene, die dem Punk entwachsen ist und seit den neunziger Jahren gegen die herkömmlichen Frauenbilder rebelliert. Die Antiästhetik der Riot Grrls hat die Funktion, Schönheitsideale zu zerstören, die Sängerinnen dreschen voller Energie aufs Schlagzeug ein - und erobern damit eine Männerdomäne, denn wie es scheint, haben Musikinstrumente ihr eigenes Geschlecht. Das Zentrum für Kulturforschung stellt für den Bereich der klassischen Orchester einen Gesamtfrauenanteil von 22 Prozent fest. Davon blasen nur drei Prozent auf den Blechinstrumenten, aber acht von neun Harfenisten sind weiblich. Für die populäre Musik liegen kaum Zahlen vor. In einer Umfrage unter Rockmusikerinnen gab jedoch die Hälfte der Befragten als Hauptinstrument "Gesang" an. An Gitarre, Bass und Schlagzeug sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Das ZfKf kommt zu folgendem Ergebnis: "Die Frauen dürfen singen, die Instrumente sind in dieser Branche den Männern vorbehalten." Dagegen sind die Riot Grrls angetreten.
Größeren Bekanntheitsgrad als Komponistin, Sängerin und Instrumentalistin in einer Person haben einige Frauen aus der Sparte Singing/Songwriting erlangt. In diesem Bereich, der die Wurzeln des Folk und Country längst überschritten hat, spielt die Stimme nicht nur zum Texttransport, sondern auch als Instrument eine wichtige Rolle. Körperkult und Kleiderordnung stehen nicht im Vordergrund. "Ganz alltäglich gekleidet auf die Bühne zu gehen, das könnten Frauen im Mainstreampop nie", nimmt Dagmar Brunow an. "Es funktioniert aber im Singing/Songwriting. Ausdruck und Aussage zählen hier mehr als Aussehen." Das zeigt sich an aktuellen Songwriterinnen wie Wanda Shephard oder PJ Harvey und geht zurück bis zu Patty Smith, Joan Baez und Marianne Faithful.
Peaches hat gerade mal die 30-Jahres-Grenze überschritten. In diesem Alter hat sie den Höhepunkt ihrer sexuellen Entwicklung erreicht, das beschäftigt sie, und das drückt sie in ihren Texten und Performances aus, sagt die Kanadierin. Sie will kein Riot Grrl sein, sondern sieht Sex einfach als das unterhaltsamste Grundbedürfnis an, das sie auch als Entertainerin äußert. Zur Bühnenshow flimmern selbstgedrehte Super-8-Filme über die Bildschirme, die sie mit ihren Freunden realisiert, allen voran mit dem in der Independent-Szene bekannten Gonzales. Dazu Dagmar Brunow: "In einer männlich dominierten Musikbranche muss Vitamin B männlich sein."

Zum Thema:
testcard. Beiträge zur Popgeschichte Nr. 8: Gender - Geschlechterverhältnisse im Pop, Ventil-Verlag, Mainz 2000, 300 S., 14,30 Euro
www.espressiva.de (Homepage des Frauenmusikzentrums Hamburg)
www.frauenmusikbuero.de (vernetzt Musikerinnen in der populären Musik)
www.melodiva.de, www.rocksie.de (Populärmusikerinnen-Netzwerk)

00:00 28.03.2002

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