Fußballfans rebellieren nicht, obwohl Ticketpreise explodieren

Bundesliga 10 Prozent in der Bundesliga, 18 in Holland, 32 in England, in Belgien sogar 55 Prozent: Fußball-Tickets werden immer teurer. Und die Fans machen mit. Warum?
Fußballfans rebellieren nicht, obwohl Ticketpreise explodieren

Illustration: Carolin Nonnenmacher

Alles wird teurer – auch die Ablenkung davon, dass sich die Welt so entwickelt, dass man sich offenbar in Bälde immer weniger von ihr wird leisten können. Nach Sonnenblumenöl, Rohstoffen, Strom und Treibstoff zieht nun auch der Fußball in seinen Preisen an. Diese eilen der Inflation voraus, um fast zehn Prozent haben sie sich in Deutschland innerhalb von fünf Jahren nach oben entwickelt. Und jetzt, so befürchten viele, geht es erst richtig los. Noch hallt uns ja Uli Hoeneß mit seiner Tirade von der FC-Bayern-Jahreshauptversammlung 2008 in den Ohren: „Für sieben Euro in der Südkurve, das ist dann nicht mehr zu machen.“

Die legendären sieben Euro waren freilich ein Subventionspreis, schon vor 14 Jahren. Auf besagten Betrag kam nur, wer für die Südkurve im Müchner Stadion eine Stehplatz-Jahreskarte hatte und sie für alle 17 Bundesliga-Heimspiele nutzte. Der Rabatt war möglich, weil der FC Bayern in seinen VIP-Bereichen unverschämt viel Geld umsetzte. Man hätte fast verlangen können, dass die sogenannten aktiven Fans dafür entlohnt werden müssten, dass sie für das Spektakel eine Kulisse bilden.

Den auf die vergangenen fünf Jahre berechneten Preisanstieg bei Fußball-Tickets dürfte die Corona-Pandemie zunächst abgefedert haben. Es gab Phasen – zu Beginn der Saison 2020/21 und 2021/22 nach Aufhebung der Geisterspiel-Verordnungen –, in denen die Klubs es ihrer Kundschaft schmackhaft machen mussten, überhaupt ins Stadion zu kommen. Die Kapazitäten waren verringert, Stehplätze durften gar nicht genutzt werden, das Publikum sollte möglichst im Schachbrettmuster sitzen. Vereine fürchteten die Blamage, selbst eingeschränkte Ticketkontingente nicht vollends absetzen zu können – und so Daten zu liefern, die auf ein großflächig nachlassendes Interesse am Premiumprodukt Fußball schließen lassen würden. 50-Euro-Karten kosteten auf einmal nur noch 15 Euro, gerne wurden auch Preise genommen, in denen sich die Tradition eines Klubs ausdrückte. Zum 1909 gegründeten Ballspielverein Borussia Dortmund zu gehen, kostete 19,09 Euro.

Dauerkarten oft ungenutzt

Doch dieses Entgegenkommen endet jetzt. Die Bundesliga wird sich Großzügigkeit nicht mehr leisten können. Sie muss ja irgendwo ausgleichen, dass sie zwei Corona-Jahre lang kaum Spieltagserlöse erzielen konnte. Die Fans, die ins Stadion kommen, sind ja auch Kundschaft in anderen Bereichen, am Kiosk, im Souvenirshop. Im Wirtschaftsbetrieb Bundesliga ist einiges zum Erliegen gekommen, es besteht insofern ein Aufholbedarf. Außerdem: Die stärkste Säule des Geschäftsmodells hat auch ein paar Risse abbekommen. Beim neuen Vertrag über Fernseh- und Medienerlöse gab es kein Wachstum mehr, sondern einen leichten Rückgang. Der Gürtel wird enger geschnallt – wenngleich an einem dicken Bauch.

Es wird aber kaum zu einer Fan-Rebellion kommen, auch dann nicht, wenn die Ticketpreise weiter steigen. Die deutsche Bundesliga bietet im europäischen Vergleich, vor allem dem mit dem überteuerten England, immer noch ein gesundes Verhältnis.

Ob das auch woanders gilt? In England sind die Preise nach einer Umschau des Reiseanbieters Flugladen binnen fünf Jahren um satte 32 Prozent gestiegen, in den Niederlanden um 18 und in der obersten belgischen Liga gar um astronomische 55 Prozent. Doch Fans sind nun einmal großzügig im Umgang mit ihren Klubs. Das äußerte sich schon in der Pandemie, als es das Recht gab, sich die Dauerkarten auszahlen zu lassen, weil man sie nicht nutzen konnte. Zumindest hierzulande haben viele darauf verzichtet. Sie durften sich dann als kleine Sponsoren fühlen, die den Betrieb am Laufen hielten.

Ohnehin hat sich die Zuschauerschaft von der Vorstellung verabschiedet, ein Stadion-Abonnement auch immer komplett ausreizen zu müssen. Eine Dauerkarte hat man inzwischen, um bei den Topspielen garantiert ins Stadion zu gelangen. Partien gegen die grauen Mäuse lässt man schon seit längerer Zeit gern mal ausfallen. Den Vereinen ist diese Rosinenpickerei längst aufgefallen, sie lassen die Besucherdaten analysieren. Vor der Pandemie hatte sich in den deutschen Stadien die „No-Show-Rate“ auf zehn Prozent eingependelt. Auch dort, wo die Sprecher stolz „restlos ausverkauft“ verkündeten. Sogar in Fanklubs des FC Bayern München wird oft händeringend nach Leuten gesucht, die eine Dauerkarte nutzen wollen.

Ja, alles wird teurer. Der Fußball hat den Vorteil, dass man sich über ihn nicht empören wird. 90 Minuten Eskapismus werden auch weiter eine Drittel Tankfüllung wert sein.

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