Bunt ist auch nur Schwarz

Memory Im Berliner Martin-Gropius-Bau hat der Schriftsteller Péter Nádas eine Ausstellung zur ungarischen Fotografie kuratiert

Wer Großes schaffen will, der braucht viel Licht. Kaum, dass sich der Vorhang über der Welt gehoben hatte, goss Gott diese Erkenntnis in seine vielleicht berühmtesten drei Worte: "Es werde Licht!". Später sollte man lernen mit der Helligkeit haus zu halten. Denn im langen 20. Jahrhundert sah es um diese Ressource schon sehr viel arger aus. So kommt es nicht von Ungefähr, dass sich der ungarische Schriftsteller Péter Nádas heute bereits mit einem kleinen Funken zufrieden geben mag. "Wenn es Gott gibt, dann kannst du ihn möglicherweise in der kleinsten Menge Licht und einem aufs Äußerste reduzierten Kompositionsprinzip finden".

Das, was Péter Nádas mit diesen Worten als kleinen Gottesbeweis anpreist, ist die Technik der Fotografie. Der Autor des gefeierten Romans Buch der Erinnerung von 1992 ist nämlich nicht nur selbst passionierter Fotograf, er hat jüngst auch eine Ausstellung zur ungarischen Fotografie kuratiert. Unter dem Titel Seelenverwandt war diese zunächst im Den Haager Fotomuseum zu sehen und wird nun im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt. Das für die Fotografie so entscheidende Verhältnis von Licht und Dunkel scheint dabei der Schlüssel zum Betrachten der hier gezeigten Arbeiten zu sein. Bereits in seiner 2001 erschienenen Novelle Schöne Geschichte der Fotografie lässt Nádas eine Fotografin auftreten, die mit den Worten: "Das auch sowenig Licht soviel vermag", das Geleitwort für diese Ausstellung gesprochen zu haben scheint.

Die Geschichte Ungarns jedenfalls war nicht immer mit Licht gesegnet. Nach dem Zusammenbruch der K.u.K.-Monarchie und den Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs schlitterte das Land erst in eine faschistische Diktatur und wurde nach 1945 dem stalinistischen Machtbereich zugeschlagen. Bei soviel Düsternis ist es vielleicht verständlich, dass auch Ungarns renommierte Fotokünstler den abgestuften Grau- und Schwarztönen gegenüber einem unbefleckten Weiß den Vorrang geben. Ungarns Fotografiegeschichte jedenfalls, so wie sie uns Péter Nádas zeigt, ist ein kunterbuntes Dunkel

Besonders Brassaï, der Nachtschwärmer unter den aus Ungarn stammenden Kameramännern, hat seine Bilder vom Pariser Leben, von den Paaren und Vagabunden in den Bars und auf den Boulevards stets mit viel Schwarz angereichert. Ähnliches gilt aber auch für die Fotografien Anrdé Kertészs oder die frühen Bilder des lange vergessenen Martin Munkacsi.

Die Verhältnisse im eigenen Land trieben viele ungarische Fotografen bereits in den 1920er Jahren dazu, ihr Glück an anderen Orten zu versuchen. Nicht wenige verschlug es in das damals so quirlige Berlin. Hier gab es mit Zeitschriften wie dem Uhu oder der Berliner Illustrierten Zeitung sowie mit neuen künstlerischen Stilen wie Bauhaus oder den aus Zürich zurückgekehrten Dadaisten unendliche viele Möglichkeiten. Es war ein buntes künstlerisches Ringelspiel, bei dem zwischen den Fotocollagen eines John Heartfield oder den surrealistischen Solarisationsbildern Man Rays genügend Platz war für die Ausdrucksexperimente von ungarischen Kollegen wie Judit Kárász, Eva Besnyö oder Martin Munkacsi.

Der Mann aber, der die Fotografie der damaligen Zeit vermutlich am weitreichendsten revolutioniert hat, war László Moholy-Nagy. Bevor der Ungar 1925 von Walter Gropius ans Bauhaus berufen wurde, hatte er in Berlin bereits zahlreiche Experimente mit Collagen und Fotogrammen hinter sich gebracht. Sie prägten nicht nur seine späteren theoretischen Reflexionen, sondern auch jene Bildsprache, die bald unter dem Begriff "Neues Sehen" die Geschichte der Fotografie verändern sollte. Mit seinem Ausspruch, dass nicht der Schrift- sondern der Fotografieunkundige der Analphabet der Zukunft sei, hat er zudem einen entscheidenden Denkspruch des heraufdämmerndendämmernden Medienzeitalters geprägt.

Als renommierter Schriftsteller dürfte Kurator Nádas das sicher etwas anders sehen. Für ihn bilden Schreiben und Fotografie zwar keine unauflösliche Einheit. Aus seiner Biografie aber sind beide Tätigkeiten nicht wegzudenken. Zumindest als Einbahnstraße haben sie sich befruchtet. "Beim Schreiben", so sagt er, "verwende ich, was ich fotografiert habe. Beim Fotografieren ist das anders. Da vergesse ich meine Literatur".

Dabei ist es eigentlich schon einige Dekaden her, dass Nádas sich als hauptberuflicher Bildermacher hervor getan hat. 1961, lange vor seinen ersten Erfolgen als Schriftsteller, begann er für eine große ungarische Zeitschrift zu fotografieren. Auf den ersten Blich oft gewöhnliche Landschafts- und Porträtaufnahmen, lenkten diese Bilder jedoch schon früh das Misstrauen der Zensur auf den späteren Schriftsteller. Denn statt der verordneten sozialistischen Ästhetik, bevorzugte er ein naturalistisches Sehen. Statt fröhlicher, singender Menschen gab es da nicht selten elegisch Schauende und freudlose Malocher zu sehen.

Viele dieser frühen Bilder sind im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Unauffällig hat Nádas sie zwischen die Abzüge der großen Landsmänner gehängt. Man muss sich nicht sehr bemühen, thematische wie stilistische Verwandtschaften zu erkennen. Da schmiegt sich eine Nádas-Fotografie von einem Paar in einer Geisterbahn wohltuend an Robert Capas 1935 entstandenem Bild eines Kettenkarussels auf der Osterkirmes in Sevilla. Ein Selbstporträt mit Rolleiflex von 1963 hängt neben einem älteren Bild Eva Besnyös, das die Fotografin in gleicher Pose und mit gleichem Kameratyp zeigt. Fast ist diese Ausstellung wie ein großes Memory-Spiel, bei dem mindestens je zwei Bilder zueinander passen. Zwei Bilder von zwei Fotografen, die sich meistens nicht einmal kannten, die aber das waren, was der Ausstellungstitel verspricht: Seelenverwandt.

Einprägsam auch die zahlreichen Fotos von Schwimmbädern und Badenden. Ob Martin Munkacsi, László Moholy-Nagy oder Eva Besnyö: Kein ungarischer Fotograf, der nicht wenigstens einmal seine Kamera ans kühle Nass des Balatons getragen hätte. Am auffrischendsten dürfte in dieser Reihe ein Bild Károl Eschers aus dem Jahr 1938 sein. Es trägt den einprägsamen Titel Badender Bankdirektor. Fett und feist planscht dort ein Koloss im Wasser; die Miene selbstzufrieden und die Plautze speckig. Inhaltlich wirkt hier das Schwarzweiss dieser beeindruckenden Bilderschau am heutigsten. Was sich auf diesem Foto verdichtet, ist Kapitalismus eisgekühlt.

Etwas bunter wird diese Ausstellung lediglich in ihrem letzten Raum. Hier hat Nádas die 507 Polaroids seines vor drei Jahren erschienenen Buches Der eigene Tod ausgestellt. Es sind Bilder, die er über ein Jahr lang von einem Wildbrinbaum in seinem Garten gemacht hat. Kleine Impressionen über Wandel und Vergehen, über Sterben und Werden. 2002 hat er sie zusammen mit einem Text publiziert, in dem er detailliert seine eigene Nahtoderfahrung beschrieben hat. Selbst die zartesten Farben scheinen also bei einen wie Nádas trügerisch. Blasses Bunt ist für diesen Literaten auch nur Schwarz. Denn wer die Fotos der ungarischen Fotografie richtig betrachten will, für den hat Péter Nádas einen hilfreichen Tipp: "Du musst ins tiefe Dunkel hineinblicken. Du musst das Schwarze vom Schwarzen unterscheiden können".

Seelenverwandt. Ungarische Fotografen 1914 - 2003. Martin-Gropius-Bau. Berlin. Noch bis zum 29. August 2005. Zur Ausstellung ist im Nicolai Verlag ein Katalog erschienen. 14,90 EUR


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00:00 08.07.2005

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