Bunter als tiefschwarz

Verhängnis Sein Schicksal könnte überschaubar sein: Rossi ist ein schlichtes Gemüt, wie es viele gibt. Fatal aber ist sein großes Ego. „The Big O“ erinnert famos an den Film „Fargo“
Joachim Feldmann | Ausgabe 16/2016

Kurz vor seiner Haftentlassung hat Rossi Francis Assisi Callaghan eine seiner grandiosen Geschäftsideen. Mit einem Rehabilitationszentrum für ehemalige Strafgefangene lasse sich eine Menge Kohle machen, zumal es „alle möglichen Steuervergünstigungen“ gebe. Nun müsse man nur noch die nötigen Spendengelder eintreiben. So erklärt er die Sache seinem Zellengenossen bei einem kräftigen Joint. Dass es aber gar nicht so einfach ist, wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukehren, stellt er schon bei seinen ersten Schritten in der Freiheit fest. Weil die Verkäuferin bei Oxfam den „Zweireiher mit breiten Nadelstreifen“ partout nicht umsonst hergeben will, muss er auf seine gewohnten Druckmittel zurückgreifen. Doch ein Überfall auf einen Wohltätigkeitsladen ist kein guter Start ins neue Leben, das sollte selbst einem kleinen Gangster mit riesigem Ego klar sein, hieße er nicht Rossi Francis Assisi Callaghan.

Das unverhältnismäßig große Ego macht Rossi besonders gefährlich, wie seine ehemalige Freundin Karen, die tagsüber als Sprechstundenhilfe bei einem Schönheitschirurgen jobbt und am Wochenende übrigens Raubüberfälle begeht, berichten kann. Sie schuldet ihrem Ex noch ein Motorrad und die 44er Magnum, es spricht also viel dafür, dass Rossi bei ihr auftaucht, oh mein Gott. Ihre Zeit mit dem Gernegroß gehört zu den übleren Episoden ihres an leidvollen Erfahrungen satten Lebens. Karens Boss Frank, Spezialist für misslungene Körperoptimierungen, ist eine ähnliche intellektuelle Leuchte wie Rossi.

Wer Fargo, die tiefschwarze Komödie der Coen-Brüder von 1996 gesehen hat, weiß, dass vorgetäuschte Entführungen auf haarsträubende Weise schiefgehen können. Franks Plan, seine Noch-Ehefrau Madge kidnappen zu lassen und auf diese Weise ein halbe Million von der Versicherung zu kassieren, ist also schon zum Scheitern verurteilt, bevor er die richtigen Fachkräfte für das Unternehmen angeheuert hat.

Declan Burkes Kriminalburleske The Big O, 2007 im Original erschienen und nun von Robert Brack adäquat ins Deutsche übertragen, setzt auf das populärkulturelle Gedächtnis seines Lesepublikums. Tatsächlich kommen einem die Figuren, mit denen der irische Schriftsteller seinen Roman bevölkert, bekannt vor, Genreklassiker wie Elmore Leonard und Donald E. Westlake lassen grüßen. Die Kunst besteht darin, jede von ihnen mit Eigenschaften auszustatten, die ihre Verwicklung in einen Plot von grotesker Komplexität plausibel erscheinen lassen.

Kapriolen mit Ernüchterung

Das Ensemble ist, was The Big O betrifft, auch noch nicht vollständig. Den beiden lächerlichen Männerfiguren wird ein Geschlechtsgenosse gegenübergestellt, dessen Weste zwar auch nicht blütenrein ist, der sich aber eine gewisse Anständigkeit bewahrt hat, und als Vertreterin der bürgerlichen Ordnung tritt eine frustrierte Polizistin auf. Auch Anna (von Rossi „Stalin“ genannt) sollte nicht vergessen werden, schließlich ist die kaum domestizierte Kreuzung von Wolf und Husky für das blutige Ende des Romans unverzichtbar.

Erzählt wird die Geschichte in zwei bis vier Seiten kurzen, jeweils einem der Protagonisten zugeordneten Kapiteln. Burke hat ein erkennbares Vergnügen daran, sich in die verquere Sichtweise und Erfahrungswelt seiner Kreaturen einzufühlen. Und das kann richtig wehtun. Selten hat man Männer mehr unter ihrem unberechenbaren Geschlechtsorgan leiden sehen wie in diesem Roman. Es nutzt Frank nichts, dass sein nach der Einnahme von Viagra, Vitamin C und einem Antidepressivum stark geschwollenes Glied „wie ein junger Hund“ gegen seinen Bauch drückt, wenn sich die im wahrsten Sinne des Wortes teure Geliebte unwillig zeigt. Noch ärger ist Rossi dran, der in einem unbedachten Moment den Reißverschluss hochzieht, bevor er sein erigiertes Gemächt ordentlich verstaut hat. Männer sind halt sehr verletzlich. Doch das Mitleid hält sich in engen Grenzen, dafür sorgen schon die weiblichen Figuren, deren Erfahrungen mit sexueller Gewalt brutal realistisch geschildert werden.

So ist The Big O, allen Kapriolen des Plots zum Trotz, durchaus ein Roman von ernüchterndem Ernst. Und auch, so widersprüchlich das in diesem Kontext klingen mag, von einer gewissen selbst gewählten Künstlichkeit. Oft scheinen die Figuren in provisorischen Kulissen zu agieren, die sie selbst mitgebracht haben. Sorgfältig wird jeder genauere topografische Hinweis vermieden. Wenn dann irgendwann in der Mitte des Romans Irland als Ort der Handlung genannt wird, ist man als Leser, zumal diese Information folgenlos bleibt, seltsam berührt.

Offensichtlich ging es dem Autor um etwas anderes. In einem Gespräch mit seinem Schriftstellerkollegen Tony Black hat Burke die Arbeit an The Big O als eine Art Erzählexperiment geschildert. Er habe Stil und Plottechnik, wie sie der von ihm geschätzte Elmore Leonard perfektioniert hat, erproben wollen. Das ist ihm auf virtuose Weise gelungen, wenn auch um den Preis jener Sterilität, wie sie gerade meisterhaften Kopien eigen ist.

Info

The Big O Declan Burke Robert Brack (Übers.), Edition Nautilus 2016, 326 S., 18,00 €

Joachim Feldmann ist Herausgeber der Literaturzeitschrift Am Erker, die seit 1978 erscheint. Wer das verschollene erste Sonderheft zufällig besitzt, bitte melden!

Über die Bilder des Krimi Spezials

Die Illustratorin Lisa Rock hat diese Beilage exklusiv für den Freitag bebildert. Als Vorlage für ihre Tusche­zeichnungen verwendet sie Fotos von realen Tatorten. Lisa Rock lebt in Berlin und arbeitet für Magazine, Zeitungen und Verlage

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06:00 25.04.2016

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