Buntheit benebelt die Sinne

Fotografie So paradox es klingt: Schwarz-Weiß hat eine ganz eigene Farbigkeit. Ein Plädoyer für die Urform des fotografischen Verfahrens
Regina Schmeken | Ausgabe 52/2013 7

Vor Jahren fotografierte ich für eine Reportage einen autistischen Jugendlichen beim Unterricht an einem bayerischen Gymnasium. Beim Abschied fragte er mich, ob ich ihm nicht einige Aufnahmen schicken könne. Zum Dank für die Bilder, die ich wie immer in Schwarz-Weiß aufgenommen hatte, bekam ich einen Brief von ihm. Die Fotografien beschrieb er nicht nur als schön und lebendig, sondern auch als bunt. Das überraschte mich, aber als Fotografin, die nur in Schwarz-Weiß arbeitet, konnte ich seine Worte nachempfinden. Denn mit Schwarz-Weiß-Malerei hat mein Medium nichts zu tun. Es gibt viele Nuancen, Grauwerte, die sich zwischen den Polen Schwarz und Weiß mehr oder weniger entfalten und betont werden können. Das Licht spielt die entscheidende Rolle. Es wird dosiert und gelenkt, früher traditionell bei der Bearbeitung der Fotografie in der Dunkelkammer, heute mit digitalen Werkzeugen.

Die Schwarz-Weiß-Fotografie ist die Urform des fotografischen Verfahrens. Sie ist in der Lage, die Wirklichkeit zu verdichten und zu abstrahieren. Keine diffuse Farbigkeit steht der Wahrnehmung im Wege. Das Schreiben mit Licht – denn nichts anderes bedeutet Fotografie – erzeugt ein vielschichtiges Bild. Schwarz-Weiß hat durchaus, auch wenn es paradox klingt, eine eigene Farbigkeit; es bietet viel Platz für die Vorstellungskraft des Betrachters. Bevor ich die Farben der Wirklichkeit nachahme, lasse ich sie lieber ganz beiseite, und übersetze sie in das Spektrum der Töne zwischen hellstem Weiß und tiefstem Schwarz.

Natürlich wurde ich im Laufe der Jahre mit der um sich greifenden Vorliebe für die farbige Darstellung in den Medien in der Zeitung konfrontiert. Man forderte mich auf, mir endlich Farbfilme zu kaufen – so der Appell eines Chefredakteurs. Aber mein Stil, den ich mir jahrelang erarbeitet habe, lässt sich nicht mithilfe einer anderen Emulsion auf die Farbfotografie übertragen. Schwarz-Weiß ist in seiner Wirkung ein völlig anderes Medium, für das ich mich bewusst entschieden habe.

Besonders in den Jahren, in denen die Medien vor Farbigkeit nur so strotzten und Schwarz-Weiß-Aufnahmen zur Ausnahme wurden, begegnete ich immer wieder Menschen, die meinen Eigensinn schätzten und sagten, dass sie die Schwarz-Weiß-Fotografie „eigentlich viel schöner“ fanden. Ja, sie sehnten sich geradezu nach dieser Art der Darstellung. Auch einige Fotografen-Kollegen ließen oft durchblicken, sie würden viel lieber mit dem guten alten Medium arbeiten.

Mittlerweile kann man beobachten, dass immer mehr junge Menschen wieder positiv auf die schwarz-weißen Bilder reagieren. Vielleicht, weil sie der die Sinne benebelnden Buntheit überdrüssig geworden sind. Sie schätzen die Abstraktion, Klarheit und Konzentration des schwarz-weißen Bildes wieder. Auch die Werbefotografie setzt auf diesen Effekt. Ein Plakat, auf dem hell dargestellte Objekte vor dunklem Hintergrund erscheinen, zieht die Blicke mit Sicherheit mehr auf sich als die grellsten Farbtöne. Schwarz-Weiß gelingt es trotz der Konkurrenz durch die Farbigkeit des Lebens, den Blick des Betrachters zu bannen. Nicht umsonst spricht man von dessen Magie. Für mich gilt deshalb: I believe it, when I see it in black and white.

Regina Schmeken fotografiert seit vielen Jahren für die Süddeutsche Zeitung. Ihre Werke waren in vielen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen

06:00 07.01.2014

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