Stefan Amzoll
11.08.2010 | 10:00

Bürger seiner eigenen Gelehrtenrepublik

Standortsuche Eine persönliche Erinnerung an den Schriftsteller Karl Mickel anlässlich seines 75. Geburtstags

Karl Mickel war Dichter und Gelehrter in einem. Parallele Fälle aus der Gegenwart zu nennen, dürfte schwer fallen. Gleichfalls, diese beiden sich beißenden Sphären zusammen zu denken. Mickel hat Wirtschaftsgeschichte studiert, und zur Dichtung kam er spät, mit 30 Jahren. Neben Karl Marx zählte Eric Hobs­bawm, Erforscher des Banditenwesens, Autor von Das Zeitalter der Extreme und in jungen Jahren Jazzkritiker, zu den Gelehrten, die den Dichter mehr als andere anzogen.

Eben weil Mickel sich selbst als einen Gelehrten begriff. Oder besser: als Bürger seiner selbst kreierten Gelehrtenrepublik. Wie Literatur lief Musik in seinem Leben immer mit: Bach, Mozart, Schubert, Weber, Schönberg, Dessau, Nono, Henze, Schenker. Aufführungen in Oper, Theater, Konzert, die er genoss, der Stücke wie Libretti schrieb, sind nicht zu zählen.

Seine Zeit, wie sie auch wechselte, hielt der alternde Poet, wie er das immer tat, im Blick – nämlich merkwürdig. Presse und Fernsehen interessierten ihn kaum, allenfalls Fußball- und Tennisübertragungen. Was die Jetztwelt im Innersten zerklüftet, teilt, chaotisiert, erschloss er sich durch enges Koproduzieren mit Vergangenem. Am Ende sah er durchaus angstvoll auf die Zeit: Wohin bin ich gekommen?

Odysseus in Ithaka

Seit den sechziger Jahren hat er deutsche Literaturgeschichte mitgeschrieben. Karl Mickel, geboren am 12. August 1935, stammte aus Dresden. Nach dem Studium bei Jürgen Kuczynski und Hans Mottek übersiedelte er 1960 nach Berlin-Friedrichshagen, arbeitete in einem Wirtschaftsverlag und dann als Redakteur der Zeitschrift Junge Kunst. Hernach Tätigkeit am Berliner Ensemble als Dramaturg. Helene Weigel hatte den jungen Dichter ins Brecht-Theater geholt. Seit 1978 lehrte Mickel Diktion an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin. 1992 erfolgte dort seine Berufung zum Professor für Verssprache und Versgeschichte. Mit Adolf Endler, Volker Braun, Peter Gosse und Heinz Czechowski gehörte er zu den Begründern der Sächsischen Dichterschule. Er starb am 20. Juni 2000 in Berlin.

Ein Schlüsselgedicht von Karl Mickel, für Karl Mickel ist Odysseus in Ithaka. Es entstand 1965 „für Georg Mauer in herzlicher Verehrung“, so der Untertitel. Ein Reclam-Bändchen von 1976, das Mickel-Gedichte aus den Jahren von 1957 bis 1974 versammelt, ist damit überschrieben:

Wo bin ich? Das ist nicht Ithaka. Die Berge

Sind blau in Ithaka, die Ebenen geräumig

Das Blattwerk grün, o Wechselspiel der Schatten

Auf Wechsellicht lebendiger Gewässer!

Jahrzehnte später, als ich ihn im Oktober 1995 zum Interview traf, kam der Dichter darauf zu sprechen: „Das ist, wenn ich es heute im Rückblick sehe, ein programmatisches Gedicht, und es war für mich damals ein ganz wichtiges Gedicht. Im Jahre 1965 geriet ich durch innere und äußere Umstände in eine sehr kritische Situation, und mit diesem Gedicht konnte ich mich meiner Kräfte vergewissern und habe, denke ich heute auch, in sehr schwierigen Umständen eine Selbstheilung in Gang gesetzt.“

Wo bin ich? Das Motiv der Selbstverortung taucht öfters auf. Zum Beispiel in dem Gedicht Dresdner Häuser, das ebenfalls 1965 entstand. Und wer stellt, wer durchdenkt, wer weiß womöglich von Grund auf und am genauesten Antwort auf diese Frage? Eben Mickel:

Die großen Kunstwerke

sind Leitfossilien ihrer Zeitalter.

Sie beantworten die Frage:

Wo bin ich?

Stefan Amzoll ist Musik- und Theaterkritiker