Georg Midding
05.04.2011 | 12:45

Bürgerkrieg und Globalisierung

Film Der Vater will Bademeister bleiben und schickt den Sohn in den sicheren Tod als Soldat. „Ein Mann, der schreit“ erzählt eine tückisch einfache Fabel um Schuld und Buße

Wer erwartet, sein Arbeitgeber würde die Verantwortung für den Rest des Lebens übernehmen, verrät einen unbotmäßigen Mangel an Eigenständigkeit. Die Anstellung als Bademeister, die Adam seit Jahrzehnten in einem Hotel in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, innehat, besitzt für ihn indes existenzielle Verbindlichkeit. Ein Leben jenseits des Pools, den er dort überwacht, ist für ihn unvorstellbar. Sogar ein Generationenvertrag ist für ihn damit verbunden: Er hat seinen Sohn Abdel angelernt.

Als die neue Personalchefin des gerade privatisierten Hotels Adam eröffnet, fortan solle Sohn Abdel allein die Aufgabe übernehmen, fühlt Adam seine Identität in Frage gestellt. Nun soll er den Posten des Schrankenwärters einnehmen und empfindet diese Entscheidung als unerträglich. Auf den ersten Blick ist nicht erfindlich, warum diese Dienstleistung entwürdigender sein sollte als die vorherige; die narzisstische Kränkung, die Adam erfährt, ist nicht zu vergleichen mit jener, die Emil Jannings einst in „Der letzte Mann“ durchleiden musste, als er vom Portier zum Toilettenmann degradiert wurde. Aber Adams ganzer Stolz hängt an seiner beruflichen Rolle: Nachdem er vor Jahrzehnten den Meistertitel im Schwimmen gewann, wurde er zum ersten Bademeister im Tschad. Jeder, der ihn auf der Straße erkennt, nennt ihn ehrfürchtig „Champion“.

Beschämter Zeuge

Die Filme von Mahamat-Saleh Haroun (zuletzt lief bei uns „Daratt“) kreisen regelmäßig um Vater-Sohn-Konflikte. Die Väter erscheinen allmächtig und zugleich verantwortungslos: So ist Adam nicht nur tragisches Opfer, sondern begeht auch einen infamen Verrat. Um seinen Posten zurückzugewinnen veranlasst er, dass sein Sohn in die Armee eingezogen wird, die Krieg gegen die Rebellen führt. Dass er damit einen patriotischen Tribut zollt, den ohnehin alle Welt von ihm erwartet, entlastet ihn nicht. Haroun inszeniert die Rekrutierung als eine schäbige, brutale Entführung, deren beschämter Zeuge Adam wird. Er hat seinen Sohn dem sicheren Tod überantwortet.

In „Ein Mann der schreit“ erzählt der Regisseur eine tückisch einfache Fabel um Schuld und Buße, die sich zuverlässig als Parabel (Afrika opfert seine Kinder) lesen lässt, jedoch zusehends an Ambivalenz gewinnt. Von der ersten Szene an, in der Vater und Sohn im Pool einen spielerischen Wettstreit austragen, gibt der Film seine Absichten zu erkennen. Seine Konflikte spitzt er nicht dramatisch zu (die Darsteller sind Laien), sondern entfaltet sie in einem langsamen Rhythmus der Betrachtung. Mit einem gleichsam anstrengungslosen Nachdruck, der nichts beweisen und verurteilen will, eröffnet er immer neue Bedeutungsebenen: Das Schicksal von Adams Familie ist wie selbstverständlich eingebettet in die Zerissenheit des Landes, das seit seiner Gründung nie lange Frieden fand (der Bürgerkrieg gewinnt zunächst auf der Tonspur und später in den Straßenszenen eine zunehmend bedrohliche Präsenz) und unterliegt den neuen Gesetzen einer globalisierten Ökonomie (das Hotel wird von chinesischen Investoren gekauft).

Haroun argumentiert mit der Konkretion des Körperspiels. Der ruhige, gemessene Schritt seines Hauptdarstellers Youssouf Djaoro scheint der Kamera ihren Rhythmus vorzugeben. Sie wird nicht müde, ihm beim Gehen zuzuschauen, bis sein unerschütterlich entspanntes Schritttempo eine moralische Dimension gewinnt: Seine Würde behält Adam auch dann noch, als er sich auf einen fatalen Irrweg begibt.