Bürgertum in Ballbesitz

Integration durch Mythos Ehrliche Fans und überbezahlte Stars - wie zusammenhält, was nicht zusammengehört, und warum das früher kaum anders war. Das Beispiel von Schalke 04

Ist das noch Fußball?


Seit langem wirft die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer ihre Schatten voraus. Mit einer kleinen Serie versuchen wir, bis zum Eröffnungsspiel Licht auf jene Aspekte des Sports zu werfen, die gewöhnlich im Dunkel der Liga-Berichterstattung verbleiben. Markus Stauff hatte im Januar argumentiert, die mediale Darstellung des Sports sei eine seiner Voraussetzungen. (Freitag 3/06). Nun widmet sich Torsten Haselbauer mit Blick auf die Historie einem scheinbaren Paradox des Fußballs: dem Verhältnis von Akteuren und Anhängern als geglückter Verbindung von "ihr da oben, wir hier unten".

Am 18. Januar dieses Jahres besuchten die Fußballprofis des FC Schalke 04 mit ihrem neuen Trainer Mirko Slomka die Kumpels unter Tage. Mehr als 1.200 Meter tief ging die Grubenfahrt der Fußballstars bis zu einem Abbaubetrieb, wo sie den schwitzenden und dreckigen Bergleuten bei ihrer immer noch harten und gefährlichen Arbeit zusehen durften. "Respekt vor den Jungs, ich möchte das nicht jeden Tag machen", sagte der 27-jährige Schalker Fußballnationalspieler Gerald Asamoah. Er muss es ja auch nicht. Selbst die Kumpels schienen begeistert von dem Abstecher ihrer Fußballidole nach ganz unten, den die Schalker Ausflugsabteilung als eine Strategie des team building in schöner Regelmäßigkeit organisiert. Nichts war zu hören von der Dauerkrise des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet und den berechtigten Arbeitsplatzängsten der Bergleute.

Der Besuch im Bergwerk zum Anfang des Jahres war wohl durchdacht. Er sorgte einmal mehr dafür, den Mythos der großen, oft zitierten "Schalker Familie" lebendig zu halten und wenn es irgendwie geht, auch erfolgreich zu vermarkten. Wie kein anderes modernes Fußballunternehmen im bezahlten deutschen Fußball versteht sich der FC Schalke 04 auf dieses professionelle Stimmungsmanagement. Egal wo, im Bergwerk, im Stadion oder anderswo. Gleichzeitig jedoch weist kein anderer Fußballklub in Deutschland eine solche innige Beziehung zu seinen Fans auf wie der FC Schalke 04 - und das schon über ein Jahrhundert lang. Das lässt selbst einen erfolgsverwöhnten Verein wie den FC Bayern München neidvoll ins Ruhrgebiet schauen. Wie passt das eigentlich alles zusammen, das mit dem FC Schalke und all seinen Widersprüchen, Skandalen, großen Erfolgen und Niederlagen, Abschieden und Neuanfängen, dem Millionenumsatz und seinen unglaublichen Fans?

Der Mythos des Gelsenkirchener Vereins aus dem Stadtteil Schalke speist sich, wie so vieles beim FC Schalke 04, aus den Gründerjahren des Klubs. Sie dienen dem Verein und seinen Anhängern heute noch als eine Art Fundus zur Sinnstiftung in den modernen, durchkapitalisierten und ziemlich unübersichtlichen Fußballzeiten. Es waren halbstarke Jungbergleute und Fabriklehrlinge, aus einer Arbeitersiedlung stammend, die im Mai 1904 den Verein Westfalia Schalke gründeten. Erst 20 Jahre später kamen die Schalker zu ihrem heutigen Namen und zu den Vereinsfarben Blau und Weiß. In diesen ersten Jahren des Vereins bildete der Gelsenkirchener Ortsteil Schalke eine fast geschlossene Lebenseinheit von Arbeit, Wohnen, Erholung und selbstverständlich Fußball. Schnell wuchs in dem dichten, funktionierenden sozialen Gefüge die besondere Beziehung der Mannschaft zu den Bewohnern der von Fördertürmen und düsteren Straßen geprägten Region. Die Spieler entsprangen aus demselben Arbeitermilieu wie die Zuschauer an der Seitenlinie. Sätze wie: "Mit dem habe ich noch auf der Straße Fußball gespielt", oder: "Mit dem habe ich mich in der Zechenkaue gemeinsam umgezogen und nach der Schicht ein Pils getrunken", waren in Schalke noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg zu hören. Auch wenn die Zeiten tatsächlicher Verbundenheit vorbei sind: Der Geist solcher Aussagen lebt fort als gefühlte Nähe, die den Kitt zwischen den einfachen Fans und dem riesigen Fußballunternehmen bildet. Keiner illustriert die Integrationskraft des Mythos besser als der scheidende Präsident Gerhard Rehberg. Seine erfolgreiche Karriere, die ihn 1979 als Bürgermeister für ein Vierteljahrhundert ins Rathaus von Gelsenkirchen führte, begann Rehberg, der seit 1994 dem FC Schalke vorsteht, als Lehrling im Bergwerk.

Die meist aus Masuren stammenden Einwandererkinder, die in der Schalker Mannschaft zusammenspielten, beherrschten schon ab dem Ende der zwanziger Jahre den deutschen Fußball. Zielstrebig wie kaum ein anderes Team errangen die politisch unangepassten Schalker Knappen vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus eine deutsche Meisterschaft nach der anderen. Allein zwischen 1934 und 1942 sechsmal. Sie waren das erste Team in Deutschland, das sich in einer Saison das begehrte Double holte (Meisterschaft und Pokalsieg im Jahre 1937). Doch während die Fußballer des FC Schalke 04 von einem nationalen Erfolg zum anderen eilten, verlor der Ortsteil Schalke und die Stadt Gelsenkirchen nach dem Zweiten Weltkrieg den Anschluss an das moderne Industriezeitalter. Deshalb hat Schalke noch heute eine sehr berühmte Fußballmannschaft, ist aber selbst ein Ort geblieben, den in Deutschland fast niemand kennt.

Der FC Schalke 04 wurde schon 20 Jahre nach seiner Gründung im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig, das heißt nach bürgerlichen Maßstäben, rentierlich. Bürgerliche Zechenangestellte, Bankangestellte und andere Sozialaufsteiger entdeckten den Verein, der mit seinen damaligen Erfolgen wie heute eine große Attraktivität auf die aufstiegsorientierten gesellschaftlichen Schichten ausübte. Beim Arbeiter- und Zechenverein Schalke 04 machten schnell die Bürger das Spiel. Vor allem da, wo entschieden wird, nämlich in der Vorstandsetage. Der Liebe der Fans in Gelsenkirchen und im gesamten Revier zu ihren lokalen Helden der Arbeiterklasse, der Identifikation mit ihnen, tat das indes keinen Abbruch. Denn eigentlich agierten die Ruhrpottkicker auf den Fußballplätzen nicht anders als früher an den Werkbänken in der Schalker Herdfabrik Küppersbusch oder unter Tage auf der Zeche Consolidation oder Graf Bismarck, dort also, wo die meisten von ihnen noch einen "richtigen" Beruf erlernt hatten. Die Söhne der ehemaligen Wanderarbeiter aus Polen waren mit einer äußerst dynamischen Leistungsethik ausgestattet und erkannten schnell, dass sie einzig durch "ehrliche" (Fußball-)Arbeit der schlecht bezahlten unsicheren Maloche entkamen. Den Schalker Spielern gelang mit dieser wettbewerbsorientierten, zielstrebigen Ideologie durch den Fußballsport der Aufstieg in eine bessere Welt. Dem Stadtteil und seinem Verein blieben sie dennoch treu. Das ist so etwas wie der Schlüssel zum Verständnis des Wir-Gefühls und der bedingungslosen Loyalität der Fans mit den Spielern und dem Verein Schalke 04. Die Schalker Tore der Arbeitermannschaft waren damals schon eine Art Stellvertretertore. Sie standen für den Traum "der von politischen und individuellen Niederlagen gedemütigten Arbeiter nach gesellschaftlicher Anerkennung", wie der Publizist Hartmut Hering in seiner Fußball-Geschichte des Ruhrgebietes Im Land der tausend Derbys schreibt. Warum soll das im Jahre 2006 eigentlich anders sein?

"Uns interessierte nur Arbeit und Fußball", sagte einmal das Schalker Idol Ernst Kuzorra, und beides gab es damals in Schalke noch zu genüge. Fragt man heute am längst verwaisten Schalker Markt die wenigen dort verbliebenen Bewohner nach ihren Inhalten im Leben, hört man nichts anderes. Nur hat ihr Schalke nichts mehr mit dem einst lebendigen Ort des Bergbaus und der eisenverarbeitenden Industrie gemein. Längst ist dieser Stadtteil, sogar die ganze Stadt Gelsenkirchen, in der medialen Wahrnehmung zu einem Sinnbild für einen von Deindustriealisierung gekennzeichneten Standort ohne Zukunft verkommen. Nicht völlig zu unrecht. Schalke ist mit einer Arbeitslosigkeit von annähernd 20 Prozent prognostiziert und einem voraussichtlichen Bevölkerungsrückgang bis zum Jahr 2030 von rund 30 Prozent. Schon am frühen Morgen belagern Rationalisierungsverlierer, Hartz-IV-Empfänger und andere durch das soziale Netz gefallene Menschen mit einer Bierflasche in der Hand die wenig einladenden öffentlichen Räume des Stadtteils - und reden zumeist über Fußball. Sie und die paar noch in Arbeit stehenden Bergleute und Stahlarbeiter des Stadtteils wirken wie Fossilien aus der Vergangenheit des Ruhrgebietes. Und doch würde in Schalke niemand auf die Idee kommen, die treuen Anhänger aus der "Familie" auszuschließen, nur weil sie in dem Wirtschaftsunternehmen Schalke mit einem Jahresumsatz von 100 Millionen Euro ein schlechtes Bild abgeben. Dafür ist der Verein oft genug selbst in seiner Geschichte abgestürzt. Und immer wieder aufgestanden. Wo Bayern München Erfolg seit 30 Jahren konserviert hat, scheitert Schalke immer wieder. Im Theater wäre das das interessantere Stück.

Die Schalker sind über die Jahre leidensfähig geworden. Selbst den ersten großen stadtplanerischen Schritt, der den Stadtteil Schalke nachhaltig veränderte, ließen die Fans ohne großes Murren über sich ergehen. Seit 1973 spielten die Fußballer des Vereins nämlich nicht mehr in der nahezu klassenlosen und legendären Glück-auf-Kampfbahn inmitten eines gewachsenen urbanen Raumes. Ersetzt wurde das kleine, atmosphärisch dichte Stadion, das den alten Bergmannsgruß als Namen trug, durch eine charakterlose, kalte Betonschüssel mit Autobahnanschluss im auf vornehm getrimmten Gelsenkirchener Stadtteil Buer, das Parkstadion. Es waren schreckliche, (bestechungs)skandalträchtige, durch Auf- und Abstiege geprägte Jahre in dieser für alle abweisenden Fußballarchitektur. Vor fünf Jahren schließlich folgten auch die Schalker Strategen in der Führungsetage des Vereins dem unerbittlichen Trend der Vorweltmeisterschaftzeit und bauten die mittlerweile in Veltins-Arena Auf Schalke getaufte Spielstätte. Es handelt sich um den üblichen Themenpark der Mittelklasse, der für gute Unterhaltung am Samstagnachmittag garantieren soll. Dennoch überkommt einen selbst hier nie das Gefühl, dass der echte Schalker Fan, ausgestattet mit Trompete, Vereinsfahne und Kutte, lediglich zu einer für Stimmung sorgenden Kulisse degradiert wurde - wie in vielen anderen zur Weltmeisterschaft gebauten Arenen in der Bundesliga. In der Schalker Arena - vielleicht auch noch beim nicht sonderlich geliebten Nachbarschaftsverein Borussia Dortmund, dessen Westfalenstadion bald den unsäglichen Sponsorennamen Signal Iduna trägt - scheinen die Spieler den Fans nicht so weit entrückt zu sein wie in München, Wolfsburg oder anderswo. So nimmt in Schalke kaum ein Fan Anstoß an den protzigen Aufsteigerinsignien der Spieler, wie sie beispielsweise als teure Sport- oder Geländewagen auf dem Autoparkplatz vor dem Trainingsgelände stehen und damit nichts weiter als die eigene oft kleinbürgerliche Vergangenheit der Kicker vergessen machen sollen. Nichts anderes steckt im Großmannstreben der letzten Jahre: Trotz aggressiver Einkaufspolitik und höchsten sportlichen Ambitionen behält der Verein sein "menschliches" Antlitz, weil das "Unten" im Hoffen auf "Oben" erkennbar bleibt.

Was zu Schalke nicht passt, sind selbstverwirklichungsorientierte "Diven" wie der in der vergangenen Spielzeit als Torjäger verpflichtete Ailton. Der Brasilianer hatte sich schon vor seinem Wechsel von Werder Bremen zu Schalke 04 in der Öffentlichkeit abschätzig über die vermeintliche Unattraktivität der Stadt Gelsenkirchen ausgelassen. Ein Fehler, den die Schalker Fans nicht verziehen. Der Brasilianer hatte den immer noch funktionierenden Mythos Schalke nicht begriffen oder schlichtweg unterschätzt.

Ansonsten hat das Schalker Management bei seiner Einkaufspolitik ein fast immer glückliches Händchen gehabt. Geprägt war der Verein in den vergangenen zehn Jahren durch Manager Rudi Assauer. Der kam zwar in seinem öffentlichen Auftreten nicht anders daher als die populistischen Stahl- und Zechenbarone der industriellen Bourgeoisie in den schlimmen Raubritterzeiten des Kapitalismus am Schalker Markt, zeigte sich damit auf eine gewisse Art aber auch verbunden mit dem mythischen Milieu des Revierklubs. Außerdem wird, wer Schalke zum Erfolg verhilft, geachtet. Assauer kaufte zumeist Spieler, die mit dem schwierigen, aber letztlich homogenen Schalker Sozialmilieu kompatibel waren. Fußballer also mit soliden, gediegenen Eigenschaften, Malocher wie Marc Wilmots, der den Beinamen "Kampfschwein" trug. Typen, die spröde schienen, aber nicht seelenlos waren, wie am deutlichsten verkörpert durch den tschechischen Nationalspieler Jiri Nemec. Nemec, ein kompromissloser, schweigsamer Kämpfer mit eiserner Kondition, wurde in seiner Zeit von 1993 bis 2002 von den Schalkern Fans ehrfurchtsvoll "Meister" genannt. Diese Bezeichnung hätte er, ob seines unprätentiösen Äußeren, auch unter Tage tragen können, in 1.200 Meter Tiefe.


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00:00 24.02.2006

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