Burschikos ist gar kein Ausdruck

Kiez-Größe Hauke ist ein Kneipenprofi. Familie erträgt sie nur, solange ein Tresen dazwischen ist

Äußerlich macht Hauke keine Konzessionen an die Weiblichkeit. Sie tritt auf wie ein Mann: Breites Kreuz, stoppelkurzes, ergrauendes Haar, stämmige Beine, eine Taille ist nicht auszumachen. Ihre farblosen Sweatshirts haben Kastenform, ihre Füße stecken in groben Stiefeln. Sie kann einem frisch erlegten Reh "aus der Jacke helfen", Bierfässer stemmen, in ihrer winzigen Küche "astreine" Buffets für 80 Personen fabrizieren, Zündkerzen wechseln, Fassaden verputzen, Möbel abschleifen und sich drastisch ausdrücken.

Auf ihrer Visitenkarte steht als Berufsbezeichnung "Einzelkind", und das trifft es genau, auch wenn Hauke einen Bruder hat. Mit 22 brach sie aus einer hessischen Kleinstadt aus und versucht seitdem, möglichst ohne Verbindlichkeiten auszukommen. Besonders freigiebig mit Informationen über ihre Jugend ist sie nicht, aber es ist leicht vorstellbar, dass man sie schon damals nicht niedlich gefunden hat. In ihrem gerechtigkeitsliebenden Wesen schwingt Zorn und Trotz. Wahrscheinlich war sie ein unglückliches Kind.

Hauke ist ausgesprochen schnell im Kopf, aber eine Ausbildung hat sie nie angesteuert, denn sie konnte sich schon nicht unterordnen, bevor sie sich dessen bewusst war. Ihr Handwerk lernte sie lieber beim Machen. Gleich nach ihrer Ankunft in Berlin-Kreuzberg stellte sie sich hinter einen von vielen Kneipentresen. Der erste stand in der "Roten Harfe", wo "die autonome Szene am schwärzesten" war, wie der Spiegel damals schrieb. Dort zapfte sie, kellnerte, wuchtete Bierkisten, bugsierte Betrunkene hinaus, bediente sich großzügig an den Drogen dieser Zeit und fuhr Motorrad, bis sie reichlich zerschmettert im Krankenhaus landete. Acht Monate laborierte sie an den Folgen des Unfalls. Körperliche Schwerstarbeit war danach nicht mehr drin, aber selbst wenn das Knie schmerzt, empfindet sie es heute noch als Urlaub, vier Wochen auf dem Bau zu schuften. "Man schafft was weg."

Mit 23 fing sie wieder klein an: In einer "Genickschussbar" wie sie die Berliner Eckkneipen nennt, mit Stammgästen, die "zweitausendachthundert Jahre Knast" auf sich versammelten. Deren wehleidige Säufergeschichten zogen durch Haukes Ohren, bis sie auf Durchzug stellte. "Die sollten mich ja ernähren. Also habe ich mir nur mein Teil gedacht." Die Schwielen auf ihrer Seele verdickten sich, denn Sensibilität war in diesem Milieu nicht angebracht. "Burschikos" ist gar kein Ausdruck für Hauke. Um es deutlicher zu sagen: Sie wird von Männern als einer der ihren akzeptiert, denn sie bezieht glasklare Standpunkte, kennt alle Tricks, kann ausdauernd trinken, gnadenlose Witze machen, und ihr Auftreten lässt keine Zweifel daran, dass sie umstandslos zuschlagen könnte, was sie aber nicht tut. Manche Kneipengäste fragen sich, ob sie Frauen liebt, aber dafür gibt es keine Anzeichen. Hauke sucht Zärtlichkeit bei keinem Geschlecht.

Der einzige Mann, den sie geheiratet hat - da war sie 27 -, nannte man in den Schlagzeilen der Berliner Zeitungen den "Kudammkiller". Das eheliche Zusammenleben endete nach drei Monaten und hatte etwas mit einem Messer zu tun. "Mein größter Fehler", sagt sie heute. "Man hätte es gleich annullieren müssen." Seitdem weiß sie jedenfalls, was schon vorher offensichtlich war: "Ständig jemanden um mich zu haben, geht mir auf die Ketten." Sie verschränkt die Arme. Doch damals hat sie Wanda aus dem Tierheim geholt, eine große Mischlingshündin mit dunkel-warmen Augen - Haukes Gefährtin, ihr Gefolge, ihr Kind, 14 Jahre lang, bis sie fast zusammengewachsen waren.

Im Kiez um die Kreuzung Mittenwalder-, Fürbringerstraße stellt Hauke eine feste Größe dar. Vor zehn Jahren hat sie sich hier mit einer Kneipe selbstständig machen wollen, hatte viel Geld hineingesteckt und alles verloren. Danach bewirtschaftete sie acht Jahre lang das Too Dark gleich um die Ecke und wohnte im gleichen Haus. Das Too Dark ist eine Kellerkneipe und lebt von Stammgästen aus der Nachbarschaft. Auch wenn Hauke der Laden nicht gehörte, hat niemand je daran gezweifelt, wer hier alles unter Kontrolle hatte.

Sechs Stufen in den Keller runter, oder im Sommer auch draußen vor der Tür, saß Hauke als Spinne in ihrem Beziehungsnetz, servierte Apfelschorle oder Rotwein und webte und webte, bis sie das wandelnde Schwarze Brett der Straße wurde, mit Bekannten in jedem Mietshaus. Straßauf, straßab kannte kein Mensch so viele Anwohner. Hockte man an der Bar, stellte sie die ewig gleiche Frage: "Möch´st noch was?", und man nickte und bekam sein zweites Bier. An jede Kaffeetasse legte sie zwei Kekse, und alle wussten, dass einer davon für Wanda war. Wanda wusste es auch und stand schon schwanzwedelnd dabei.

Die Straßenkreuzung ist ein Mikrokosmos, in dem sich auf 500 Meter im Umkreis die ganze Welt abspielt, inklusive Tod und Liebe, Aufstieg, Fall und U-Bahn-Station. Wie viele, die hier wohnen, hat Hauke den Bezirk kaum je verlassen, vermutlich nicht einmal das Reichtagsgebäude gesehen, und die letzte Urlaubsreise liegt 16 Jahre zurück. Ihre Freunde und Bekannte rekrutierte sie aus den Kneipengästen, die wie sie mit der Obrigkeit möglichst nichts zu tun haben. Es sind Bauarbeiter und Freizeit-Jäger, Architekten, türkische Trödelladenbesitzer, Frauen aus der Lesbenszene mit kurzgeschorenen Haaren, alleinerziehende Mütter, die Sozialhilfe beziehen, Büroangestellte, Zahnärzte, Halbwelt- und Grauzonen-Erscheinungen sowie Rechtsanwälte, die Drehbücher schreiben. Sie leben hier hemmungslos durcheinander, tauschen Wohnungen und Werkzeuge, zeugen zusammen Kinder, feiern Juleclub im Too Dark, lassen anschreiben, wenn der Monat länger ist als das Geld reicht, und manche sacken jeden Abend über ihrem Schnaps zusammen. Zwischen ihnen und Hauke stand als einzige Barriere der Tresen, ansonsten war alles familiär.

Kunde, Freund, Saufkumpan, Bekannter, Feind, seelischer Mülleimer, Störenfried, Wohnungsnachbar - die Beziehungsfäden verhedderten sich langsam, denn Hauke öffnete schon um vier Uhr nachmittags statt um sechs und sagte: "Ich mache es für Euch." Auch an ihren freien Tagen saß sie von da an auf ihrem Stammplatz vor der Tür, blickte Passanten freudig entgegen, zog sie mit einem lockeren Spruch an den Tisch. Ganze Tage verbrachte sie dort und leistete sich die gleichen Abstürze, wie die verhassten Saufnasen es taten, die zu später Stunde die Bar umlagerten, füllte sich selbst mit steif gemixten Caipirinhas ab, torkelte im Morgengrauen in ihre Wohnung im ersten Stock des Hinterhauses, erzählte es am folgenden Tag dem Kneipenpublikum als Heldentat.

Immer häufiger klagte sie: "Ich könnte Bücher schreiben über sie. Sie sind erwachsen, aber sie lernen nichts mehr. Sie gucken nicht nach rechts oder links oder nach vorn. Ich weiß genau, worüber sie in fünf Jahren reden. Ich kann das Gesocks nicht mehr sehen." Wer nun das Too Dark betrat, konnte sich plötzlich der düsteren, abwehrenden Stimmung, die Hauke verbreitete, nicht mehr erwehren. Sie begann, Gäste launisch und aggressiv zu behandeln, und es mehrten sich die Stimmen, die das nicht gerechtfertigt fanden. Bis sie ihre Arbeitszeit auf die Hälfte reduziert hatte und schwor, privat keinen Fuß mehr ins Too Dark zu setzen, gab es ein Jahr harter Konfrontationen mit dem "Gesocks", das noch immer auf den gleichen Kneipenstühlen herumrutschte, nur mit älteren Gesichtern. Nun hatte sie sich selbst ausgestoßen, und wenn sie aus dem Haus trat, wandte sie sich nicht mehr nach links. Aber wohin sollte sie gehen? Der alte Traum von der eigenen Kneipe war schon vor Jahren in Konkurs gegangen und taugte auch als wiederbelebtes Ziel nicht mehr. Sie saß in ihrer Wohnung, beklebte Postkarten, die eine Freundin verkaufte, schliff alte Schränke ab, veranstaltete Essen für zehn Personen an ihrem großen Eichentisch, grübelte.

Ende letzten Jahres bot ihr dann ein befreundeter Hausbesitzer aus der Mittenwalder Straße eine heruntergekommene, ehemalige Pizzeria an: "Mach doch ein Restaurant auf!" Mietfreiheit während der Renovierung, danach ein sehr langsam ansteigender Zins - großzügige Bedingungen. "Kriegt nicht jeder, kriegst nur Du", sagte er.

Hauke besaß "komplett kein Geld" und auch nicht die Absicht, irgendeine Stelle um ein Existenzgründungsdarlehen anzugehen, aber als sie bei der Besichtigung entdeckte, dass der Tresen im Restaurant ganz hinten in der Ecke bei den Toiletten lag und nicht einmal Barhocker davor passten, griff sie entschlossen zu. Sie war 37, sie hatte in den letzten Jahren immer häufiger Buffets für Partys organisiert, sie würde nicht zulassen, dass man in ihrem Restaurant bis in die Nacht hockte, um zu saufen, und sie besaß ein Startkapital, das im Kiez mehr zählte als Geld: jahrelang gewachsene, gute Beziehungen.

Letztendlich war wohl auch Hauke überrascht, welche Ernte sie einfuhr: Monatelang werkelten verschiedene Menschen im Laden, die alle nichts daran verdienen, und die meisten hatten sich freiwillig gemeldet. Es sind sogar Stammgäste aus dem Too Dark dabei, die ihr gelegentliche Anraunzer verziehen haben. Der Architekt macht die Planung, der Handwerker zieht Decken ein, Haukes Bruder und ein guter Freund halten sie während der Renovierung mit zinslosen Krediten über Wasser. Hauke wurde mit ihrem größten Problem konfrontiert: "Ich kann ganz schlecht ›Bitte‹ sagen und arbeite lieber selbst 80 Stunden, damit ich mich nicht bedanken muss." Tatsächlich hat es gelegentlich den Anschein, als müsse man ihr Hilfe geradezu aufdrängen, als sei es ihr lieber, von aller Welt verlassen zu sein.

Der Tag der Fertigstellung rückte näher und schaffte Verbindlichkeiten, die nicht mehr so leicht zu lösen sind wie ein Kneipenjob. Hauke übernimmt das erste Mal Verantwortung für eine Arbeitskraft: Der neue Koch kommt aus Süddeutschland und weiß nichts von ihrer Vergangenheit.

Genau diese freundliche Distanz will sie von nun an zu ihren Gästen einhalten. Es wird eine ständig wechselnde deutsche Küche geben, mit einem anständigen Eintopf und Wildschwein, "wenn Thomas eins schießt", oder frischem Fisch aus Nordfriesland. Nicht teuer, damit sich auch wirklich Kiezbewohner an "Langs Tafel" setzen. Vom Too Dark bewegt sich Hauke nur 100 Meter weg, doch von ihrem alten Leben soll das Restaurant weit entfernt liegen. "Es gibt nicht nur Säufer auf dem Kiez, sondern auch richtig nette Leute, die mehr im Kopp haben." Die würde Hauke in ihrem Restaurant gern empfangen. "Aber am Tresen stehen nur ich und mein Hund."

00:00 26.09.2003
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare