Bushs Big Bang

Hiroshima 1945, Bagdad 2003 Atomwaffeneinsatz denkbar

Wer im offiziellen Washington vor dem Horror eines Nuklearkrieges warnt, muss sich geradezu altmodisch vorkommen. Mit atemberaubender Selbstverständlichkeit sprechen Regierungsvertreter vom möglicherweise "notwendigen" Einsatz von Atomwaffen gegen den Irak. Natürlich nur, um amerikanische Streitkräfte oder die USA vor den angeblich vorhandenen irakischen Waffenvernichtungswaffen zu schützen. Wie Andrew Card, der Stabschef im Weißen Haus, am Sonntag in einer Talk Show formulierte: Saddam Hussein solle wissen, dass die USA "alle notwendigen Schritte ergreifen werden, um die Welt vor einem Holocaust zu schützen". Nachgefragt, ob das einen Einsatz von Atomwaffen bedeute, erläuterte Card, er wolle die nukleare Option "nicht ins Gespräch bringen, aber auch nicht vom Tisch nehmen". Und es wird geplant für einen möglichen Einsatz der Atomwaffen.

George W. Bushs nuklearpolitische Leitlinien von 2002, die unter anderem contingency plans für Atomwaffeneinsätze gegen Irak, Iran, Nordkorea, China, Libyen, Russland und Syrien anfordern, nehmen nun konkretere Formen an. Für den Irak-Krieg lasse Verteidigungsminister Rumsfeld schon einmal Pläne schmieden, für alle Fälle, berichtete der gewöhnlich gut informierte Militärwissenschaftler William Arkin in der Los Angeles Times: Atomwaffen erstens gegen tief im Boden vergrabene Kommandozentralen, und zweitens, um irakische Streitkräfte vom Einsatz chemischer und biologischer Waffen abzuhalten. Zu Papier gebracht würden diese Eventualitäten vom US Strategic Command (STRATCOM) und in "Planungszellen in Büros der Vereinigten Stabschefs". Und das sei gefährlich, warnte Arkin. STRATCOM sei im Kalten Krieg nur für technische Einsatzfragen zuständig gewesen und habe keinerlei Erfahrung mit politischen Entscheidungen über Kernwaffeneinsätze, und die "Planungszellen" arbeiteten im Geheimen und umgingen möglicherweise kritische Stimmen in den Streitkräften.

Präsident Bush hat die nukleare Hemmschwelle deutlich abgesenkt. Und das zu einer Zeit, in der die US-Streitkräfte stolz sind auf die zunehmende Zielgenauigkeit und Stärke ihrer konventionellen Bomben und Raketen - was eigentlich die "Notwendigkeit" eines nuklearen Einsatzes verringern sollte. Dieses Akzeptabel-Machen der Nuklearwaffen findet ohne Debatte im US-Kongress und fast ganz ohne öffentliche Diskussion statt. Das sind offensichtlich die Kosten, die einer Nation erwachsen, will sie ein unantastbares Imperium aufbauen. Hiroshima und Nagasaki im August 1945 - Historiker zweifeln heute an den damals angeführten Beweggründen, ohne die Bombe wären zahllose amerikanische Soldaten und japanische Zivilisten bei einer Invasion umgekommen - waren ein Startschuss für den Kalten Krieg. Gerichtet auch an Stalins Regime in Moskau. Bagdad im Februar oder März 2003? Für die Männer an der Macht in Washington nicht mehr undenkbar. Gerichtet wäre die Atomwaffe freilich nicht nur an Saddam. Im Gegensatz zu den verweichlichten Europäern kann sich Amerika verteidigen.

Mittlerweile streuen "Pentagonquellen" auch Berichte über den geplanten konventionellen Angriff auf den Irak aus. Man müsse mit den gewaltigsten Luftangriffen in der Geschichte der Menschheit rechnen, heißt es. 500 bis 700 Flugzeuge, ausgerüstet mit modernsten "smart bombs" und "neuen Geheimwaffen" würden zu Beginn des Krieges etwa eine Woche lang bis zu 1.500 Einsätze fliegen. 300 bis 400 Marschflugkörper würden am ersten Kriegstag abgeschossen, um den Irak "zu schockieren und Ehrfurcht einzuflößen", wusste der Fernsehsender CBS. Da fragt sich der Laie: Diese Cruise Missiles und diese Bomben werden doch irgendwo landen. Irgendwo, wo auch Menschen leben und lebensnotwendige Infrastrukturen stehen, Wasserwerke, Elektrizitätswerke, Hospitäler, Lebensmitteldepots und so weiter. Von oben wird es aussehen wie ein Star-Wars-Computerspiel.

00:00 31.01.2003

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