Bye bye, Homo Sapiens

Paläontologie Das ambitionierte Projekt "Fossil Record 2" des britischen Wissenschaftlers Michael Boulter zeichnet die Entwicklung der Artenvielfalt der vergangenen 550 Millionen Jahre nach

Die destruktiven Eingriffe des Menschen in seine natürliche Umwelt, die uns heute Sorgen bereiten, datieren nicht erst seit der industriellen Revolution mit ihrer massiven Plünderung natürlicher Ressourcen und Energiequellen. Aus den Daten der fossilen Entwicklung lesen Michael Boulter, Paläontologe an der Universität East London, und seine Fachkollegen ein Verfallsmuster heraus, das in die Anfänge der Eroberung des Planeten durch Homo sapiens zurückreicht: Vor über 10´000 Jahren schon wurden Höhlenbären, Säbelzahntiger, Mammuts und andere große Säugetiere von ihren schlauen Verwandten ausgerottet. In einem nächsten Schritt entzog die Ausbreitung der Landwirtschaft in der "neolithischen Revolution" durch die Veränderung der Ökosysteme immer mehr Tier- und Pflanzenarten die Lebensgrundlage. Bevölkerungswachstum, industrielle Entwicklung, Urbanisierung und Tourismus, Umweltverschmutzung und Abfalllawinen der Jetztzeit geben der Natur nurmehr den Rest.

Fünf große Massensterben

Die Paläontologie verzeichnet nach Jack Sepkoski, der 1993 ein berühmtes Diagramm veröffentlichte, bisher fünf große Massensterben: Das erste bekannte Massensterben vor 439 Millionen Jahren markiert die Grenze zwischen Ordovicium und Silur, jenes von vor 367 Millionen Jahren trennt den Devon und das Karbon-Zeitalter, das uns seine mächtigen Wälder in der Form von Kohle hinterlassen hat. Vor 245 Millionen Jahren fand das größte bekannte Massensterben statt und markiert die geologische Grenze zwischen Perm und Trias; vor 208 Millionen trennte ein weiteres Aussterbeereignis die Welt des Trias vom Jura-Zeitalter, das vor 65 Millionen Jahren schließlich von einem mächtigen Asteroideneinschlag im heutigen Mexiko beendet wurde. Das damit verbundene "Dino-Sterben" ist dabei lediglich das jüngste und bekannteste der Massensterben, es war bei weitem nicht das größte. Und auch nicht das letzte, wie Michael Boulter meint: "Heute sind wir mit einer anderen Katastrophe des Massen-Aussterbens konfrontiert, verursacht durch eine Tierart: uns."

In einer Gemeinschaftsarbeit mit rund 100 WissenschafterInnen bauten Michael Boulter und Michael Benton die ausführlichste Datensammlung der bekannten Evolutionsgeschichte der letzten 500 Millionen Jahre auf - Fossil Record 2. Die Evolution, suggerieren die fossilen Reste, folgt einem sich stets wiederholenden Muster: exponentielles Wachstum der Artenvielfalt, gefolgt von einem dramatischen Zusammenbruch. Insofern ist der Verlauf der Menschheitsgeschichte aller Gattungseitelkeit zum Trotz nur zu naturkonform: Exponentielles Wachstum hat in unserer Gesellschaft als geradezu religiöses Glaubensbekenntnis Platz genommen; die unvermeidliche Kehrseite - der katastrophische Zusammenbruch - wird hingegen tabuisiert.

Die stehende Metapher für selbstorganisierte Prozesse wie die biologische Evolution ist der Sandhaufen in einer Sanduhr: Der herabrieselnde Sand lässt den Haufen wachsen. Der scheinbar stetige Prozess des Wachstum wird von kleineren Rutschern gebremst, von großen Lawinen gar zurückgeworfen. Und nun "hat sich erstmals eine Säugetierart entwickelt, die ihre Umwelt verändern kann; was mehr ist, wir verändern sie dramatisch, schnell und egoistisch. Wenn Habitate verloren gehen, sterben Arten aus, und wenn das während einer hinreichend langen Zeit im großen Maßstab geschieht, wird der Lawineneffekt sehr mächtig."

Die Erkenntnisse aus der Analyse der biologischen Vergangenheit führen Boulter zum Schluss, dass die Bedrohung der Artenvielfalt nicht erst seit der Globalisierung von Technik und Wirtschaft einsetzte, sondern schon mit der intensiven Besiedelung Europas und Amerikas nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 13´000 Jahren: "Die Fossilien liefern einen statistisch signifikanten Beweis, dass etwa ein Drittel der Säugetier-Familien ausgestorben sind. Mehr noch: die Aggression des modernen Menschen war die ursprüngliche Ursache des gegenwärtigen Massensterbe-Ereignisses, das am Ende der letzten Eiszeit begann."

Folgen des Klimawechsels

Als besonders bedrohlich beurteilt Boulter den Klimawandel durch das Verheizen der Kohle- und Ölvorräte des Planeten. Die natürlichen Klimaschwankungen prozyklisch zu beschleunigen - wir befinden uns gerade auf dem Höhepunkt einer Warmphase -, könnte sich als fatal für unsere industrielle Zivilisation auswirken, denn es ist mit einem ebenso beschleunigten Rückkopplungseffekt zu rechnen - dem Absturz in eine neue Eiszeit. Ein wichtiges Indiz dafür ist der Schwund der Golfstromdynamik. Die Erwärmung der Nordpolregion stört die physikalischen Abläufe des Nordatlantischen Wasserzirkulation. Sollte der Golfstrom, der fast nur noch die Hälfte der früheren Warmwassermenge in den hohen Norden schiebt, gänzlich ausfallen, würde dies ein rapides Absinken der Temperaturen innerhalb weniger Jahrzehnte zur Folge haben: Eine neue Eiszeit würde mit langen Wintern und vergletscherndem Schnee das nördliche Eurasien unter sich begraben.

Die Prognose, die Boulter aus dem gefilterten Datenrauschen der evolutionären Vergangenheit herausliest, kann nicht als der Katastrophismus eines Berufspessimisten abgetan werden; dazu ist Boulter ganz einfach zu gut informiert. Umso trister der Ausblick, denn für den Paläontologen ist es längst nicht mehr "fünf vor zwölf", sondern - gerechnet vom Erscheinen der berühmten Club-of-Rome-Studie über die "Grenzen des Wachstums" 1972 - eher 30 Jahre nach zwölf: "Es gab schon unzählige Geschichten vom Untergang des Menschen auf diesem Planeten. Nun liegt der Witz, wie es scheint, darin, dass wir allein ganz gut zurecht kommen, allein durch unseren Gebrauch fossiler Energie. Atomwaffen oder die Erfindungen von Science Fiction-Autoren sind überflüssig. Es unser eigener aggressiver Egoismus, der zu unserem Lebensstil geführt hat, und dieser hat sein eigenes politisches System entwickelt, um den Staus quo aufrecht zu erhalten. Jetzt ist es zu spät zur Umkehr und wir können uns selbst nicht Einhalt gebieten. Ich mutmaße: Unser System, außer Kontrolle geraten, befindet sich im freien Fall."

Das "Ende des Menschen" bedeutet natürlich nicht das Ende des Lebens. Im Gegenteil: "Das Aussterbeereignis, das wir heute erleben, könnte zu einer zweiten Diversifikation führen, wenn die großen Säugetiere, insbesondere wir Menschen, verschwunden sind." Dann, so Boulter, würden wieder der "Frieden" und die "Ruhe" auf dem Planeten einkehren, die für nicht-katastrophische Normalzeiten der Evolution typisch sind, und den vom Homo-sapiens-Schock verschonten Tier- und Pflanzenarten neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.

Weitere Informationen:

www.biodiversity.org.uk/fossilrecord2

www.biodiversity.org.uk/ibs/palaeo/benton

Michael Boulter: Extinction. Evolution and the End of Man. London 2003.

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00:00 24.10.2003

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