Andrea Diener
Ausgabe 0416 | 10.02.2016 | 06:00

Bye, dear old Britain

Alte Welt Eine Ära geht zu Ende. Die sechste Staffel der englischen Serie „Downton Abbey“ ist die letzte. Ach, wie werden wir alle vermissen!

Natürlich wird am Ende (fast) alles gut – obwohl man schon sehr mit der stets vom Pech verfolgten Lady Edith bangt, die bei allem Unglück auch noch den notorischen Spott der schönen Schwester aushalten muss, welcher sie, so denkt man heimlich, nicht immer unverdient ereilt.

Die über alle Maßen erfolgreiche britische Serie Downton Abbey funktionierte von Anfang an wie ein später viktorianischer Unterhaltungsroman, und da wird auch immer alles gut, zumindest für die, die nicht tragisch auf der Strecke bleiben. Lady Sybil! Matthew! Aber auch das kennen wir aus viktorianischen Romanen: Sie reduzieren ihr Personal so lange, bis die Verbliebenen in Frieden leben können. Viele dieser Romane wurden in Magazinen in Fortsetzungen gedruckt und mussten die Spannung mit möglichst vielen dramatischen Höhepunkten von Folge zu Folge halten. Genau so funktioniert auch eine Fernsehserie mit gut einstündigen Folgen wie Downton Abbey: Ein Konflikt reicht nicht, ein Thema ist zu wenig, und am besten, irgendjemand taucht aus der Vergangenheit auf und erpresst noch ein bisschen. Das wirkt bisweilen, besonders in dieser letzten Staffel, wie eine Soap-Opera, denn vieles muss gebündelt und gelöst werden. Eingefleischte Fans stört das kaum.

Im Herbst 2010 wurde die erste Staffel in Großbritannien ausgestrahlt. Downton Abbey geriet zu einem Megaerfolg, gewann mehrere Emmys und Golden Globes. Die Serie wurde in mehr als 200 Länder oder Regionen verkauft und lockt angeblich in China regelmäßig 160 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm.

Seit 2010 also liebten und intrigierten, hofften und darbten die Figuren im Rahmen von penibel inszenierten Dinnerpartys, Landpartien und Teenachmittagen (die Dienerschaft im Souterrain) Folge um Folge ziemlich dekorativ und stets korrekt gekleidet durch die stürmischen Zeitläufte. Unvorstellbar eigentlich, dass der überkorrekte Butler Mr. Carson sogar in seinem eigenen Heim niemals fünfe grade sein lässt. Ja, er verbietet sich einmal sogar das Weinchen am Abend, weil Lord Grantham ein Magenproblem hat. Es ist doch hoffentlich nichts Ernstes?

Dass es so korrekt zugeht, hat vor allem mit dem Erfinder und einzigen Autor der Serie, Julian Fellowes, zu tun, der sehr genau weiß, wovon er da schreibt. Er navigiert seine Figuren gekonnt durch ein komplexes Schicklichkeitslabyrinth, das kaum jemand nachvollziehen kann, der einst nicht selbst dabei war. Hollywoodkarrieren gibt es hier nicht. Das bedeutet nicht, dass man als Küchenmagd nicht dennoch glücklich werden kann, nur eben im Rahmen der sozialen Möglichkeiten. Man mag das als Realismus auslegen oder darauf verweisen, dass Fellowes eben der konservative Peer mit Oberhaussitz ist, der er eben ist. Man kann ihm jedoch nicht absprechen, ein Autor mit gutem Händchen für Figuren und hintergründigem Humor zu sein, der besonders seiner Countess Dowager (Maggie Smith) Bemerkungen von anbetungswürdiger Trockenheit in den Mund legt. Diese One-Liner scheinen ihm nie auszugehen.

Auf Augenhöhe mit dem Adel

Doch im Laufe der Serie werden die starren Grenzen zwischen den Schichten poröser, und auch ein Konservativer wie Fellowes muss sein Personal langsam von der Leine lassen. Das zeigt die ehemalige Haushaltshilfe Gwen, die in der ersten Staffel das Haus verließ, um Sekretärin zu werden. Nun, sechs Staffeln und dreizehn Erzähljahre später, sitzt sie – einst undenkbar! – auf Augenhöhe mit Lord- und Ladyschaft am Tisch, peinlich darauf bedacht, niemandem aufzufallen. Der Moment, in dem ihre Vergangenheit ans Licht kommt – und alles kommt ja immer irgendwie ans Licht –, ist für sämtliche Beteiligten überraschend und befreiend – obwohl Lady Marys Blick sicher töten könnte.

Gleichzeitig ist die sechste Staffel diejenige, die am wenigsten Verweise auf äußere historische Ereignisse zu bieten hat. Kein Weltkrieg, keine frühen Nazis und kein Sozialismus brechen über die Crawleys herein, stattdessen kämpfen sie mit wirtschaftlichen Unbilden und ständig steigenden Löhnen. Aber wir hätten es nicht mit Downton Abbey zu tun, wenn nicht auch so ein undankbares Thema wie Strukturreform und Personalabbau äußerst unterhaltsam abgehandelt würde. Große Teile der Dienerschaft arbeiten mittlerweile an einem Plan B, einer Berufstätigkeit außerhalb des Hauses. Köchin Mrs Patmore (Lesley Nicol) eröffnet eine Frühstückspension, Küchenhilfe Daisy (Sophie McShera), in der ersten Staffel noch als „blöd wie ein Ziegelstein“ bezeichnet, macht einen Schulabschluss, der sonst so linkische Butler Mr Molesley (Kevin Doyle) hat dann doch ein Talent, er arbeitet sich zum Hilfslehrer an der Dorfschule hoch. Nur der ewig unglückliche Thomas Barrow (Rob James-Collier), im Laufe der Jahre heimgesucht von Drogenabhängigkeit, unordentlichen Begierden und allgemeiner Menschenfeindlichkeit, erweist sich als derjenige, der emotional am stärksten an das Haus gekettet ist.

Nicht nur Downstairs, auch oben in den Herrschaftsräumen gerät einiges in Bewegung. Die sechste Staffel ist vor allem eine Staffel des weiblichen Personals, es sind kleine Geschichten über Selbstermächtigung und Emanzipation. Die älteste Tochter Lady Mary (Michelle Dockery) schmeißt Haus und Ländereien. Lady Cora (Elizabeth McGovern) organisiert das lokale Krankenhaus, Edith (Laura Carmichael) ist mit ihrer Zeitschrift in London beschäftigt, für die sie eine weibliche Chefredakteurin einstellt. Maggie Smith als Countess Dowager Violet und Penelope Wilton als Isobel Crawley liegen sich, das Schicksal der Klinik verhandelnd, stets unterhaltsam in den Haaren – Violet als Befürworterin des Konservativen, Isobel als reformatorische Antagonistin im Zeichen des Fortschritts. Den Lords und Gatten bleibt derweil nur die Aufgabe, nicht allzu unnütz im Weg herumzustehen. Man lässt sie mit Autos oder Hunden spielen, damit sie beschäftigt sind. Ein Mann legt sich gar ein weibliches Pseudonym zu, um als Autor in Ediths Magazin Erfolg zu haben. Es ist eine ganz bemerkenswerte Wandlung, die die Gesellschaft in den Serienjahren von der ersten Staffel, die im Jahr 1912 spielt, bis zur letzten Folge im Dezember 1925 durchläuft. Die Figuren müssten diese Tatsache nicht ständig konstatieren, man merkt es auch so.

Mr Carson bleibt sich treu

Und dennoch wird am Ende alles gut. Mr Carson (Jim Carter) und Mrs Hughes (Phyllis Logan) bekommen ein paar sehr komische Szenen ihre Eheschließung betreffend, über die man als anständiger Mensch nicht in allen körperlichen Details verhandeln kann, weil es bedeutete, dass man Dinge ausspricht, die man nicht aussprechen darf. Der einstige Chauffeur und Witwer der Lady Sibyl, Tom Branson (Allen Leech), hat sich zur Erleichterung aller den Sozialismus abgewöhnt (nicht aber den Gerechtigkeitssinn). Mary ist verliebt, Isobel ebenso und Lord Crawley (Hugh Bonneville) hat einen neuen Hund. Sogar die ewigen Sorgenkinder Thomas Barrow und Lady Edith können nach den üblichen dramatischen Verwicklungen wieder ein wenig lachen.

Nein, Downton Abbey ersetzt kein kulturgeschichtliches Werk, es ist nicht immer kritisch, es färbt vieles schön, andererseits: Es ist schon vergleichsweise subtil gemacht, wie der gute Butler Mr Carson das Gesellschaftssystem für gegeben hält und keinesfalls hinterfragt. Downton Abbey entstaubte das muffige Genre des Kostümdramas, hat tragische und immer wieder sehr komische Momente und Figuren, die einem ans Herz wachsen können. Kurz: großartiges Fernsehen. Und wer Downton Abbey zu sehr vermisst, dem bleibt als Trost die Aussicht, dass Julian Fellowes derzeit für den Sender NBC die Serie The Gilded Age entwickelt, zu Deutsch etwa „Das vergoldete Zeitalter“ – das bezeichnet die Epoche, in der Amerika so richtig zu Geld kam. Sie soll von New Yorker Millionären um das Jahr 1880 handeln. Man darf also elaborierte Sets, detailschöne Kostüme, gut aussehende Menschen und ein Heer dienstbarer Geister erwarten. Kürzlich lief die vierte Staffel von Downton Abbey hierzulande im Free-TV, besser gesagt, sie wurde erst im ZDF versendet (nachmittags), dann zu ZDFneo abgeschoben. Die sechste Staffel kann man bei den bekannten Anbietern nun käuflich erweben. Möglichst in der Originalfassung.

Info

Downton Abbey: Staffel 6 Julian Fellowes erhältlich etwa über Itunes und Amazon

Andrea Diener hat für den Freitag schon den Sozialismus in Downton Abbey näher untersucht (Nr. 18/2015)

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/16.