Café Moskau

Russland Eine Revolution? Nein! Ein russischer Frühling? Vielleicht. Ein neues Lebensgefühl? Das sicher! Im Restaurant "Jean-Jacques" trifft sich der Widerstand gegen Putin

Nach einer Stunde merkt man zum ersten Mal, dass hier alles etwas anders ist, weil man noch immer nicht dazugekommen ist, die Speisekarte zu studieren. Nach zwei Stunden stellt man fest, dass man mit den Leuten am Tisch nebenan schon mehr gesprochen hat als mit seinen Nachbarn zu Hause. Nach vier Stunden fragt man sich, warum man eigentlich nicht müde ist, und irgendwann hofft man nur noch, diese Nacht mit diesen Gästen in diesem verrauchten Bistro möge nie zu Ende gehen.

Es ist Freitagabend, alle Tische sind besetzt, wie immer im Jean-Jacques am Nikitski-Boulevard, keine 20 Fußminuten vom Roten Platz entfernt. Ein Katzensprung für Moskauer Verhältnisse. Draußen hat es zu schneien begonnen, drinnen sitzt die junge Moskauer Boheme, die sich mit ihren Jacketts, ihren starken Zigaretten und löchrigen Bärten älter machen will, als sie ist. Tische werden zusammengerückt, Kellner und Kellnerinnen in weißen Hemden und schwarzen Westen bringen auch noch morgens um vier blutige Steaks und dampfende Suppen. Nicht alles schmeckt nach Paris, doch das spielt keine Rolle, man spricht ja auch nicht stundenlang über den Wein; er wird weder temperiert noch aufwendig dekantiert, er wird einfach nur getrunken. Es geht um mehr als um Hunger und Durst.

Seit fünf Jahren gibt es das Jean-Jacques bereits, von außen ist es nur schwer zu finden, eine rote Tür, sonst nichts. Aber die besten Restaurants hatten noch nie grelle Neonschriftzüge über dem Eingang. Die Grafikerin Muriel Rousseau-Owtschinnikow hat das Lokal gemeinsam mit drei einheimischen Partnern gegründet. Die bodenständige Pariserin, die gut in jeden Chabrol-Film passen würde, ist „wegen der Liebe“ in Russland hängen geblieben. Und weil sie sich heimatlos fühlte in einer Stadt, wo es nur Luxusrestaurants gibt, eröffnete sie ein Lokal für ihre Freunde, „für die Künstler und die Intellektuellen, für die Mittelklasse und die Jungen“, ein kleines Bistro für etwa 120 Gäste mit schwarz-weiß gekacheltem Boden und den klassischen Papiertischtüchern, „damit alle ein kleines Stück Paris haben können“. An der Wand hängen Spiegel und Kreidetafeln für die Plat du jour, die nach den Rezepten von Madame Rousseaus Großmutter gekocht werden. Ihr heimliches Vorbild war das legendäre Bouillon Chartier am Montmartre, wo ihr Großvater seinen persönlichen Serviettenring deponiert hatte.

Ein Restaurant mit Seele

Madame Rousseau, die ihrer Familiensaga nach vom berühmten Philosophen abstammen soll, über dessen zahlreichen Nachwuchs nie genau Buch geführt wurde, nannte das Lokal Les amis de Jean-Jacques Rousseau, oder eben Jean-Jacques. Es war von Anfang an ein Erfolg, „weil es eine Seele hatte“, eine Insel im Moskauer Nachtleben. Es kamen Filmregisseure, Galeristen, junge Anwälte, es wurde immer schon geraucht, gesoffen und über Politik debattiert, und irgendwann standen alle auf und gingen gemeinsam ins nahe Majak, die ehemalige Kantine des Majakowski-Theaters, die inzwischen auch Muriel Rousseau und ihren Partnern gehört, um dort zu tanzen, um zu lieben, um die Trauer über die Zustände im Land zu ertränken. Seither gibt es bereits vier Jean-Jacques in Moskau. Sie sei sich der Gefahr der Kommerzialisierung bewusst, sagt Madame Rousseau, „aber damit das Sozialleben funktioniert, muss zuerst die Buchhaltung stimmen“. Dass sich heute die zornigen Aktivisten dort treffen — tant pis, sagt Muriel Rousseau: geschenkt, bis jetzt hätten sie die Behörden deswegen nicht schikaniert.

Denn seit einem Jahr ist alles anders. Es sei etwas geschehen, hört man die Gäste sagen. Und es liege was in der Luft, jetzt, wenige Wochen vor den Wahlen am 4. März, wenn Putin antritt, um Nachfolger seines Nachfolgers zu werden. Aber wenn man jemanden bittet, diese Etwas genauer zu beschreiben, dann winken die meisten ab – oder weichen aus.

Eine Revolution? Ach was! Das hatten wir doch schon.

Ein russischer Frühling? Vielleicht. Aber Ägypten und Tunesien sind keine Vorbilder für uns, und Libyen schon gar nicht.

Eine neues Lebensgefühl? Ja, das sicher! Wer wisse schon, in welche Richtung es gehe, noch könne alles sofort in sich zusammenfallen — wie der Eischnee auf der Vanillesauce der vorzüglichen Ile Flottante, die man im Jean-Jacques zum Dessert verzehrt. Wir stehen erst am Anfang, sagen alle, sie wollen sich nicht festlegen, so wie frisch Verliebte, die nicht über ihre Gefühle sprechen, weil sie befürchten, es mache alles kaputt.

Einige meinen, es habe mit den Waldbränden vor zwei Jahren zu tun. Als Moskau für Tage unter einer Rauchwolke lag und Rettungskräfte nicht mehr vorankamen, weil sie nicht mal Äxte hatten. Als der Staat versagte und Nachbarn die Hilfe koordinierten und plötzlich merkten: Gemeinsam kann man etwas bewirken. Andere erklären es mit dem Durchbruch von Facebook und Twitter und dem neuen Geist, alles zu teilen, zu kommentieren, zu verlinken. Übers Internet hätten sie gelernt, sich selber zu helfen, sich als Teil von etwas Größerem zu fühlen.

Sicher ist nur: Wladimir Putin hat sie alle zusammengebracht. Am 5. Dezember, am Tag nach den Parlamentswahlen, versammelten sich 50.000 Menschen auf den Straßen Moskaus, um gegen den Wahlbetrug zu demonstrieren. Eine Woche später waren es bereits doppelt so viele. „Wir haben die Angst überwunden, die seit Stalin in unseren Knochen steckt“, sagen die Frauen. „Wir haben die Trägheit endlich besiegt und tun was, statt nur zu reden und zu trinken“, sagen die Männer.

Es ist eine neue Generation, aufgewachsen in relativem Wohlstand, die am 5. Dezember auf die Straße ging. Sie haben im Ausland studiert, verbringen ihren Urlaub in Thailand, doch das reicht ihnen nicht, diese Leute wollen mehr: „Sie wollen ­Gerechtigkeit, Geld haben sie schon“, sagt Ilya Jaschin, einer der bekanntesten Oppositionspolitiker, ein Stammgast im Jean-­Jacques. Es ist der Aufstand der Satten, sagt er in einer Ecke des Bistros, alle drei Minuten summt sein iPhone.

Jaschin war einer der Hauptredner bei der ersten Demonstration und wurde zusammen mit Alexei Navalny, einem Juristen und landesweit bekannten Blogger, 15 Tage ins Gefängnis gesteckt. Seitdem im Februar immer mehr Menschen auf die Straße gegangen sind, ist das kleine Jean-Jacques zum Symbol der Unruhen geworden.

Es ist der richtige Ort zur richtigen Zeit. Seit Margarita Simonyan, Direktorin des Staatsfernsehens Russia Today, den Namen des Bistros in einer Sendung erwähnte, ist es landesweit bekannt. „Diese Demon­stranten“, sagte sie abschätzig, „reden in ihrer eigenen Welt, auf Facebook und Twitter oder in Cafés wie dem Jean-Jacques — mit der Realität in diesem Land haben sie nichts zu tun.“ „Russland“, sagte Margarita Simonyan noch, „ist größer als das Jean-Jacques.“ Das war der Ritterschlag für Madame Rousseaus Bistro.

Alles an Russland ist immer größer als der Moment. Alles Heutige wirkt gegen die Revolutionen von 1917/1918 immer klein, immer nichtig. In der russischen Geschichte sind die Helden zu groß, man kommt nicht gegen sie an. Es gibt nun einmal nichts Schlimmeres als das Leiden unter Stalin, jede Art von Widerstand, von Dissidententum verblasst im Angesicht des stalinschen Schreckens. „Cafés, wo die Moskauer Jeunesse dorée wütende Musik hört und so tut, als bestehe sie aus Dissidenten, gibt es viele“, schreibt A. D . Miller, Korrespondent des Economist, verächtlich in seinem Buch "Snowdrops", einem Thriller im Oligarchen-Milieu.

Alles nur Hipster-Kacke?

Ist auch im Jean-Jacques alles nur Spiel? Nur Zitat? Oder, wie es die Fernsehproduzentin Alja Kirillowa sagt, auch sie Stammgast, „alles nur Hipster-Kacke“, um es gleich zu relativieren: „Im Kopf ist etwas passiert“, auch wenn die Proteste im Februar auf den Straßen erst einmal zu nichts geführt haben. „Ich glaube wieder an die Russen“, sagt sie. Das war nicht immer so.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kam die große Ernüchterung. „Die neue Freiheit war zunächst eine neue Armut. Jeder schaute nur, wie er überleben konnte“, sagt Tichon Dzjadko, ein stadtbekannter Radiomoderator. Dann kam Putin, er brachte Stabilität und Wohlstand, „nur durfte niemand kritisch hinterfragen, woher das ganze Geld kommt. Er hat uns zu Kindern gemacht.“

Die junge Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa beschreibt es so: „Es war eine Art stillschweigende Übereinkunft. Ein Nichtangriffspakt zwischen Putin und seinem Volk. Er schuf die Möglichkeit, ein besseres Leben zu leben. Dafür mussten sich alle aus der Politik fernhalten.“ Wer es wagte, diese Übereinkunft zu verletzen, sich einzumischen und zu stören, riskierte, in Sibirien zu landen oder ermordet zu werden.

"Wir wollen ein neues Russland!" Lesen Sie hier die Porträts der Freunde des Jean-Jacques

Es gab immer wieder solche, die sich nicht an die Abmachungen hielten wie Filipp Dzjadko, der älteste der Dzjadko-Brüder, der seit Jahren in seiner Stadtzeitung Bolschoi Gorod über die Zustände im Land berichtet und den Russen die Augen öffnet, bloß schien die Wahrheit bis vor Kurzem niemanden zu interessieren. So ist die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen in einem Vakuum aufgewachsen, wie unter Beruhigungsdrogen, sagt Alja. Ohne Ideen. Ohne Identität. „Sind wir die Erben der Sowjetunion? Gehören wir zum Westen? Sind wir nur Öl- und Gasproduzenten? Wir wissen nicht, wer wir sind, deshalb gehen die Menschen auf die Straße.“

Und plötzlich sind es Hunderttausende. Wenige, viel zu wenige, um in diesem Riesenland Gewicht zu haben. Es ist eine privilegierte Schicht, die sich Steak frites für 13 Euro leisten kann und Confit de canard für acht, während der Durchschnittslohn in Russland ein bisschen mehr als 200 Euro pro Monat beträgt. Und doch sind die Hunderttausend und ihre Parallelwelt von Facebook, Twitter, Blogs und Internetzeitungen für das Regime eine Bedrohung geworden. Weil sie im Begriff sind, eine Kultur zu entwickeln, eine Identität, ein Selbstbewusstsein in den Ruinen des Sozialismus und der russischen Geschichte. Zivilgesellschaft nennt man das.

Deshalb gehen die Menschen auch ins Jean-Jacques. Es ist wie bei allen guten Restaurants nicht das Essen, nicht das Trinken. Es ist der Austausch, die Verzweiflung, die Wut, die Freude, das intensive Leben. Nicht alle Gäste gehören zur Boheme, nicht alle sind für den Protest. Es gibt junge Beamte, die bei einem Glas Rotwein ihrer Liebsten in die Augen schauen und schweigen, weil sie keine Probleme wollen. Es gibt Skeptische, es gibt Bekehrte, es gibt stille Neugierige. Doch die Seele dieses kleinen Bistros, das sind die Freunde des Jean-Jacques, morgens um vier, wenn sie melancholisch ihre Lieder zu summen beginnen und die Gläser heben: Auf ein neues Russland!

Sacha Batthyany, Jahrgang 1974, und Miklós Gimes, Jahrgang 1950, sind Reporter von das Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers. Gimes arbeitet auch als Dokumentarfilmer, Bad Boy Kummer lief letztes Jahr im Kino.

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07:00 16.02.2012

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