Camp und Rauch

Nichtangriffspakt Anmerkungen zu den zwei neuen Pop-Dandys Rufus Wainwright und Jens Friebe

Mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, lohnt sich ja angeblich nicht. Aber manchmal kann es von hohem Erkenntniswert sein. Wenden wir uns, die Spatzen in der Hinterhand, zunächst der Kanone zu. Und bestaunen also ein Feuerwerk, das den Pophimmel mit Fixsternen beschenkt. Denn von Rufus Wainwright zu sprechen, heißt in Superlativen zu sprechen. Alles, was er tut, speist sich aus einem gnadenlosen Überschuss an Begabung, Stil und Willen.

Der 1973 geborene New Yorker sog Harmonielehre und Bühnenpräsenz bereits mit der Muttermilch ein. "Rufus Is A Tit Man", so besang denn auch Vater Loudon Wainwright III, eine Art spaßiger Bob Dylan, in einem Folksong seine orale Eifersucht auf den nuckelnden Sprössling und wusste noch manch andere Intimität in Gitarrenmusik zu packen, bevor die Familie lautstark zerbrach. Die Frage, was "authentisch" ist und was öffentlicher Effekt, erübrigt sich so schon vor allem Anfang. Rufus tourte von Kindesbeinen an mit Mutter, Tante und Schwester als "The McGarrigle Sisters and Family" und entdeckte frühzeitig, dass er ironischerweise alles andere als ein "Tit Man" ist. Opernleidenschaft und eine offensiv ausagierte Homosexualität gehören seitdem zur Grundlage seiner Kunst. Für eigene Arbeiten wurde der 17-Jährige sogleich mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Die ersten beiden Alben kündeten von einem Crooner neuen Typs, Singer, Songwriter und preziöse Diva zugleich, alles "a little bit sweeter, a little bit fatter" als bei anderen, wie es auf dem zweiten Album Poses heißt, aber auch "a little bit harmful" und "a little bit deadly". Nach temporärer, drogenbedingter Erblindung folgte die Entzugsanstalt.

"Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz: alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz." Der höchste Kitsch, in diesem Fall der Goethes, muss her, will man die Qualität der beiden inzwischen auch in Deutschland bestsellenden Alben Want One (2003) und Want Two (2004) fassen. Die Schmerzen und Freuden des heiligen Rufus werden, opulent arrangiert, zu einer schillernden Oper aufbereitet, die den Hörer nach erstem Zuckerschock nichts weniger als süchtig macht. Denn Wainwright weiß seinen Hang zum Melodram nicht nur in orchestrale Inszenierungen voller Schmacht, Schwulst und Weltschmerz zu gießen, sondern auch in reduzierteren Formen wie Ballade oder Gitarrenlied aufzuheben, ohne dass ein Bruch zwischen den diversen Ausdrucksweisen festzustellen wäre. Der Eklektizismus ist als solcher nicht mehr zu erkennen, so organisch schmiegen sich die Einflüsse zusammen. Das Reduzierte wirkt dabei nie verkleinernd; noch der winzigste Takt atmet Handwerk und Leidenschaft.

Wainwright, dessen Stimme bisweilen an einen wie Radiohead-Star Thom Yorke mit klassischer Ausbildung erinnert, ist nicht nur der Poseur expressiver Vaudeville-Gesten. Auch den kleinen Dingen des Lebens widmet er sich mit eleganter Intensität. Überall scheinen Tragik oder Glücksversprechen auf, ob nun angesichts des süßlich besungenen Vibrationsstatus eines Handys, ob am Rand einer überfüllten Tanzfläche oder beim Dinner mit dem Vater, dem man in schmerzhafter Entfremdung gegenübersitzt. Dass Wainwright innerhalb dieses herzzerreißenden Traumes aus Pop und Manierismus noch zu politischen Fragen Stellung nimmt, ohne seinen artifiziellen Sockel zu verlassen, ist nur mit der schlafwandlerischen Sicherheit eines Genies zu erklären, das sich der steten Verfeinerung seiner Kunst eh gewiss ist.

Durch Verschränkung von christlichen und orientalischen Motiven wird im Gebet Agnus Dei die Trauer über die menschliche Katastrophe des Irak-Krieges spürbar. Und dass schwule und christliche Metaphoriken schon immer eine fruchtbare Allianz eingingen, macht sich der Song Gay Messiah zunutze. Die Repression, die den Homosexuellen in Bushs Amerika entgegenschlägt, wird in ihrer Umkehrung zugespitzt. Mit der Vision eines schwulen Gegenmessias, der im Geiste des Studio 54 und aus Siebzigerpornos auferstehen und alle unsere Sünden vergelten wird, zeigt sich, wie raffiniert und stilsicher Protest und Provokation sein können. Es geht nicht um Toleranz - es geht um das jüngste Gericht. Und Wainwright? Ist er nicht schon längst dieser Messias? "Rufus the Baptist I be" singt der Begnadete - und zwinkert uns zu in seinem Traum.


Einen Schwindel erregenden Zoom später, aus dem Pophimmel geradewegs hinunter in den Prenzlauer Berg und aus dem Traum ins Denken, begegnen wir Jens Friebe, dem "einzigen deutschen Popstar", wie eine bekannte deutsche Sonntagszeitung kürzlich schrieb. Seltsam aber, dass dieselbe Zeitung denselben Künstler noch vor einem Jahr zu einer völkisch-nationalen "Opferschmerz"-Pop-Melasse zählte. Dabei ist Friebe ein nachweislich linker Texter, der über derlei Unterstellungen erhaben ist. Warum sind sie dann passiert? Könnte es sein, dass das gewollt Diffuse, das geziert Unentschiedene, die schrägen Dunkelmetaphern auf seinem ersten Album ein schiefes Bild begünstigten?

Der Popstarvorwurf ist massiver, weil von Friebe selbst erhoben. Wir sollen sein Bühnen-Ich lieben, weil es ein Star sei - so jedenfalls ist es zu hören auf dem Album Vorher Nachher Bilder. Mit dem Nachfolger In Hypnose wird sich das Starlet nun der eigenen Fallhöhe bewusst: "Ihr müsst sie feiern, wie sie fallen / Ihr müsst mich feiern, wie ich fall / Wie die Schönste von allen / Auf dem Abschiedsball" singt er in dem Song Kennedy. Und schon wieder, wir glauben es kaum, lösen sich irgendwelche Schüsse. Aber das ist ja nur der Kennedymetapher gedankt und sowieso Maske hinter Maske und erst auf der Metaebene wieder echt. Oder wie?

Jens Friebe ist ein reflektierter Journalist und Bühnenkünstler, der mit Gespenster und Bring mich zum Wagen zwei bestechende Songs geschrieben hat und auf seinen Konzerten zu überzeugen weiß. Bis vor kurzem konnte man in ihm eine lokale Alternative zum grassierenden Niedlichkeitsrock sehen. Er war ein funkelndes Sternchen, ein Dandy, der sich eifrig in Theorie und Praxis der urbanen Szene eingearbeitet hatte, dann Glam und Provinz, Großstadtclub und Dorfdisco zusammendachte und das Ergebnis mit Hilfe von Lipgloss zu einer kleinen Campblüte hochstilisierte. Aber ein Popstar?

Es ist der werkimplizite Journalist Friebe, der den Popstar Friebe auf seinem zweiten Album zu Fall bringt. Man hört förmlich das Papierrascheln und Szenegetuschel, das jede originelle Songidee im Keim erstickt. Statt seiner Reflexionskraft und Intuition zu vertrauen, hat Friebe sich dem deutschen Missverständnis ergeben, welches Pop hartnäckig mit avancierter Regression gleichsetzt. "Uoh-oh-oh", "Lalala" und "Baby, es ist nur Rauch" sind die Versatzstücke, die über Ideenlosigkeit und fehlende Haltung hinwegtäuschen sollen. Dieses Gefake schlägt sich in kruden Texten nieder, die auf Oberfläche getrimmt sind, um alles anzudeuten und nichts zu meinen. Und wenn sie etwas meinen, ist es Gesinnungskitsch wie in Theke mit den Toten oder "Blümchen"-Quatsch: "Wir zwei an einem Bungee-Seil / Wär das nicht geil?" raspelt Friebe mit dünner Stimme, und der Hörer geht in Deckung, denn wo ein "Bungee-Seil" baumelt, kommt womöglich auch noch der "Boom-Boom-Boomerang" geflogen. Musikalisch grüßen hier Euro-Trash und Neunziger-Jahre-Viva. Aber das ist ja nur der Rummelplatzmetapher gedankt und sowieso Maske hinter Maske. Oder ist es "echt"?

Nicht jede Form von Pop muss einen Traum oder ein Freiheitsversprechen bergen. Aber bei Friebe herrschen Kleinmut und Enge aus Diskursgehorsam. Die Vieldeutigkeit ist Selbstschutz, die musikalische Collage beliebig und bieder. Ob dann letztlich die Slidegitarren grooven oder die Rhythmusmaschinen plackern, spielt keine Rolle mehr, denn wir befinden uns in einem Reich, in dem die Musik von den Codes an den Rand gedrängt wurde. Friebes Pop ist ein blutleeres Konstrukt, das sein aufgesammeltes Wissen nicht in Form bringt und in seichter Hipness verweilt, um Fehler tunlichst zu vermeiden. Dass die Journalisten ihren "Star" fast durchweg in höchsten Tönen loben, seinen "Ansatz" umständlich analysieren und sich dem Booklet manchmal eindringlicher als der Musik widmen, offenbart eine weitere Misere. Die Künstler und ihre Interpreten treffen sich in harmonischer Mitte (Friebe als Bewohner beider Welten steht hier paradigmatisch), und zwar tun sie dies aus der albernen Angst, beim Nicht-auf-der-Höhe-Sein ertappt zu werden und womöglich eine Windung in der Endlosspirale des Diskurses verpasst zu haben. So verharren sie im Nichtangriffspakt, gelähmt in Fraternisierung, und schütteln einander die leeren Hände. Angst und Nähe aber korrumpieren. Wen kümmert der Ansatz, wenn Musik und Texte verkümmert sind?

Man muss ja nicht gleich Popstar sein. Brot und Miete im Mischgewerbe zu verdienen, ist eine ehrenwerte Beschäftigung. Aber wie immer es auch weitergeht - mit solch einer Mogelpackung möge Jens Friebe uns zukünftig bitte verschonen. Vielleicht bündelt er ja Kräfte und Talent und bringt in zwei, drei Jahren ein vielschichtiges Album heraus. Es wäre ihm zuzutrauen. Und uns zu wünschen. Nur weil es Kanonen gibt, müssen die Spatzen noch lange nicht verstummen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 07.10.2005

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare