Campi nòmadí oder des Metzgers Plastikwanne

ITALIEN Seit über zehn Jahren müssen Roma-Flüchtlinge aus Bosnien mit Notunterkünften auskommen. In Rimini will ihnen nun ein Stadtrat den Kauf von Land ermöglichen

Etwa 150.000 Roma und Sinti leben in Italien. Den einheimischen, die seit 600 Jahren sess haft sind, geht es trotz Diskriminierung einigermaßen gut. Ganz anders dagegen ist die Lage der Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, die am Rande italienischer Städte gestrandet sind und in den sogenannten Campi nòmadí - den Sammelstellen leben. Während einige Städte wie Bologna oder Rom das Problem der heruntergekommenen Camps lösen, indem sie die Roma einfach in ihre Heimatländer abschieben, versucht Rimini einen anderen Weg. Die Sammelstelle dort soll nun geschlossen werden und die Roma-Gemeinde stattdessen eine finanzielle Hilfe bekommen.

Nicht weit vom Baseball-Stadion - in einer tristen Gegend mitten im Gewerbegebiet von Rimini - findet man den Campo nòmadí di Via Portogallo, die Sammelstelle für Roma in der Portogallo Straße. Zusammen mit zwei jüngeren Frauen steht Rabija Ahmetovic´ in ihren alten bunten Kleidern vor der Baracke am Eingang. Früher befand sich hier ein illegaler Parkplatz. An eine Absperrung gelehnt, die das Lager von der Straße trennt, schaut Ra bija auf dreckige Pfützen, in denen zwei kleine Kinder spielen. »Seit zwölf Jahren leben wir hier wie im Saustall«, erzählt sie in gebrochenem Italienisch, »alle haben uns im Stich gelassen, weil wir die Gesetze nicht kennen.« Die Stadt hatte viel versprochen: Ein neues Refugium, vor allem Arbeit, damit die Kinder nicht wie vor 200 Jahren leben müssen. Doch passiert ist wenig. »Wir fühlen uns wie ein Spielzeug, das fallen gelassen wurde.«

Aus der zweiten Baracke, die links am Rande des Campo gebaut wurde, rufen die Kinder nach Giovanna. Die Nonne wisse einfach alles über die Roma hier in der Via Portogallo. Sie sei inzwischen selbst eine »Zigeunerin«, »il nostro capo« - unser Chef - klärt mich Rabija Ahmetovic´ auf. Seit sieben Jahren lebt Giovanna Fattori im Campo nòmadí, um das Elend der Roma zu teilen. Die zierliche junge Frau eilt auf uns zu und legt sofort los: »Die dürftige Infrastruktur in diesem Campo haben die Roma sich selbst zu verdanken. Ohne den Druck und die freiwillige Unterstützung von Vereinen wie der Comunità Papa Giovanni XXIII hätte die Stadt Rimini keinen Finger gerührt.

Giovanna kommt aus dem Kreis um Don Oreste Benzi. Der Pfarrer aus Rimini ist bekannt für seine Arbeit mit Roma und Sinti, Prostituierten und Obdachlosen, und hat den Campo häufiger besucht. Ein Paar Roma-Familien konnte er in Wohnungen seiner Gemeinde unterbringen. Doch viel mehr habe auch er nicht getan, beklagt sich Rabija Ahmetovic´. - Inzwischen sind wir von einer Schar Mädchen und Jungen umringt, darunter eine junge Mutter mit ihrem Baby auf dem Arm. Sofia Ahmetovic´ ist die Schwiegertochter von Rabija Ahmetovic´. Sie hat fünf Kinder, zwei gehen in die Schule. Wie die Erwachsenen erhält auch sie keine finanzielle Hilfe. Sofia Ahmetovic´ stellt ihren Mann Beko vor und erklärt: »Er ist Gärtner. Im Unterschied zu seinen italienischen Kollegen verdient er nur 500.000 Lire (500 DM - die Red.), nicht einmal die Hälfte eines normalen Gehalts.«

Während Rabija redet, stolpert ein Kind über das Elektrizitätskabel, das zu einer Baracke führt. »Die Waschmaschine funktioniert, allerdings steht uns nur ein Kilowatt pro Stunde zu. Und ganz gleich wie hoch der Verbrauch ist, zahlen wir monatlich pauschal 220.000 Lire im Winter und 130.000 im Sommer«, beteuert Beko. »Eine italienische Familie bekommt das Dreifache an Strom und zahlt in zwei Monaten nur 200.000. Der reinste Betrug«, ist Giovanna überzeugt. Wenn Beko das Geld für Strom und Wasser abzählt, bleibt ihm kaum etwas übrig, seine siebenköpfige Familie zu ernähren. Das monatliche Lebensmittelpaket der Stadt mit vier Kilogramm Suppe, drei Kilogramm Reis, fünf Litern Milch und zwei Litern Öl reicht nur zwei Wochen.

Im Frühjahr 1988 zogen die Ahmetovic´s zusammen mit anderen Roma aus Sarajevo hierher. Als dann der Krieg in ihrer Heimat ausbrach, entschieden sie sich, in Rimini zu bleiben. 20 Familien, insgesamt etwa 130 Leute aus Bosnien-Herzegowina, leben hier seitdem zusammengepfercht in alten Wohnwagen und selbstgebauten Baracken. Da sie sich bereits vor dem Ausbruch des Krieges in Italien befanden, wurden sie nicht als Flüchtlinge anerkannt. Die Stadt Rimini duldet die Roma, auf dem vor zwölf Jahren illegal besetzten Parkplatz in der Via Portogallo. Erst 1993 erhielt der Campo Elektrizität und Wasser. Die Stadt ließ insgesamt acht Plumpsklos bauen. Viele Kinder können die nur mit Mühe benutzen, und so liegt Kot in jeder Ecke. Duschen gibt es keine. Manchmal baden die Kleinen in alten Plastikwannen, mit denen italienische Metzger Fleisch transportieren.

Arbeiten dürfen die meisten Roma nicht. Dafür bräuchten sie eine Aufenthaltsgenehmigung. Die wiederum erhalten sie nur gegen Vorlage entsprechender Papiere. Eine un überwindliche Hürde. Ohne Arbeitserlaubnis dürfen sie nicht einmal ihre traditionell geschmiedeten Kupfertöpfe verkaufen. Doch nicht jeder ist bereit, sein Handwerk abzulegen. Der junge Adriano zeigt stolz auf die »Werkstatt« seines Onkels, einen kleinen Verschlag mit Blechdach. Er selbst besucht zusammen mit anderen Jugendlichen das Zentrum Zavatta, wo er Kleinarbeiten als Mechaniker oder Elektriker für umgerechnet drei Mark die Stunde erledigt.

Seit mehr als zehn Jahren wohnt Adriano im Campo, doch von Rimini »per bene« - von der anständigen Seite der Stadt - kennt er so gut wie gar nichts. Nicht weit vom laboratorio steht Adrianos Wohnwagen. Im Gegensatz zu den anderen, die spärlich eingerichtet sind, hat er seinen mit Gegenständen vollgestopft: Bunte Decken, viele Kissen unterschiedlicher Größe, eine alte Stereoanlage, ein kleiner Fernseher mit Videorecorder. Unerwartet geht Adriano dazu über, Deutsch zu sprechen. Er hat es in der Realschule und bei seinen Verwandten in einer Sammelstelle für Roma in Hannover gelernt.

Dort habe es ihm gut gefallen, die Menschen seien viel stiller als die Italiener. »Die haben oft nichts Besseres zu tun, als Roma auf der Straße zu beschimpfen.« Er schließt die Tür seines Wohnwagens ab und geht zur »piazza« des Campo: Ein paar Quadratmeter Asphalt, umgeben von Pappkartonhäuschen und Wohnwagen. Davor Rosenpflanzen in Plastikeimern, tropfende Wasserschläuche, eine weiße Plastikplane als Sonnenschutz. Wenn Adriano überhaupt kein Geld mehr hat, dann zieht er durch die Stadt und bittet die Passanten um etwas Kleingeld.

Betteln wird geduldet, offiziell erlaubt ist es nicht. Es liegt im Ermessen eines jedes Carabinieri, Zigeuner wegen Bettelei vor den Richter zu bringen. Aber nicht allein deshalb leben die Menschen des Campo in der Via Portogallo in ständiger Angst vor der italienischen Justiz. In den vergangenen Wochen haben die konservativen Stadtverwaltungen von Rom und Bologna viele Roma, die nicht im Besitz einer Aufenthaltsgenehmigung waren, einfach nach Bosnien abgeschoben. Zwar wird Rimini von einem Mitte-Links-Bündnis regiert, doch Vertrauen in die Politiker haben die Roma deshalb noch lange nicht. Seit zwölf Jahren schon verspricht die Administration, ihrem Elend ein Ende zu setzen. Doch Pläne, die Roma in Häuser umzusiedeln, ihnen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu geben, blieben leere Versprechungen. Erst seit ein paar Wochen scheint eine Lösung in Sicht. Stefano Vitali - Riminis neuer junger Stadtrat für soziale Angelegenheiten - kündigte auf einer Pressekonferenz an, er wolle die Sammelstelle noch in diesem Jahr schließen.

Die 500 Millionen Lire (500.000 Mark), die jährlich für den Erhalt des Lagers ausgegeben werden, sollen unter die Roma-Familien verteilt werden. Das wären etwa 25.000 Mark für jede. Das Geld würde gerade reichen, um ein Stück Land anzuzahlen, auf dem die Wohnwagen ein neues Domizil finden könnten. Wenn es nach Stefano Vitali gegangen wäre, hätten die Roma in so genannten »microaree« - in kleinen Gruppen mit zwei oder drei Familien - im ganzen Umland verteilt werden können. Dafür hatte er geworben. Doch er scheiterte am Widerstand der anderen Städte in der Provinz. Dort will man keine Zigeuner. Der Vorschlag des jungen Stadtrates, den Roma Gelder zu geben, provoziert heftige Kritik, auch in seiner eigen Partei Asinello (*): man gewinne den Eindruck, die Roma würden wie alte Autos behandelt, abgegeben für wenig Geld. Einige Zeitungen beschimpfen Vitali als Rassisten.

Doch der lässt sich nicht entmutigen: »Die Roma selbst haben es vorgeschlagen. Wir versuchen alles so schnell wie möglich in die Wege zu leiten«, wiederholt er immer wieder. Er werde den Roma das Geld geben, gleichzeitig zwei kleinere Sammelstellen aufbauen, die Situation sei in der Tat unerträglich. Er wolle nicht wie seine Vorgänger einfach nur abwarten.

Santino Spinelli, italienischer Roma und Mitbegründer von Them Romanò - einem Verein, der sich seit Jahren für die Rechte der Roma in Italien einsetzt - hält die Idee des Stadtrates für Stückwerk. Er plädiert statt dessen für die Schließung sämtlicher Sammelstellen: »Der Begriff Campo muss überwunden werden«, betont er. »Campo erinnert an Campo di concentramento und bedeutet Ghetto.« Jede ethnische Gruppe, die gezwungen werde, ausgestoßen und ghettoisiert zu leben, werde aussterben, weil sie psychisch, moralisch und kulturell verkomme. Die Sammelstellen seien außerdem ein politisches Mittel des Staates, um Roma und Sinti unter Kuratel zu halten, ihre Kultur und ihre Würde zu unterdrücken. Helfer wie Don Oreste Benzi oder die Nonne Giovanna seien ihm »als verlängerter Arm des Staates« suspekt.

Die Roma des Campo in Rimini stehen der Entscheidung von Stefano Vitali zwiespältig gegenüber. Sofia Ahmetovic´ fragt sich, wie sie mit dem Geld zurecht kommen soll. »Vitali ist gut für die Zigeuner, aber was macht man mit 25 Millionen Lire? Ein Stück Land kostet 70 bis 80 Millionen.« Einige Familien haben sich deshalb entschieden, den Boden gemeinsam zu erwerben. Kemo Ahmetovic´ weiß noch nicht wie die Zukunft seiner Familie aussehen wird. Er träumt von der Zeit, als er noch ein Haus in Bosnien besaß. Er wünsche sich für seine Kinder, dass sie in die Schule gehen und später eine Arbeit finden: »Sie sollen einen Grund haben zu leben.«

(*) Linksdemokratische Partei des ehemaligen Ministerpräsidenten Romano Prodi.

00:00 08.09.2000

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare