Carles Puyols Handtuch

Medientagebuch Oder was von der Weltmeisterschaft in Südafrika bleiben wird: Amateuraufnahmen via neue Medien, die sich der Bild-Diktatur der FIFA entziehen

Aus! Aus! Aus! – möchte man sich selbst zurufen. Aber es hilft nichts: Die schlimmsten Sym­ptome des Entzugs müssen nun unter dem Deckmantel der Nachbereitung bekämpft werden. Was also hat uns diese WM gebracht?

Wenn man das Gesehene in Gedanken zurückspult, entdeckt man die Bilderkrise. Auf der einen Seite besitzen die mit über 30 Kameras gefilmten Spiele inzwischen eine Big-Brother-­hafte Perfektion, die Spieler, Publikum und Schiedsrichter auf je verschiedene Weise beschämt – wobei letztere vom Platz schleichen, ein ums andere Mal widerlegt und ins Unrecht gesetzt. Auf der anderen Seite geht diese Perfektion in all ihrer Vielwinkligkeit mit einer Bilderverknappung einher. Immer mehr beschleicht einen das Gefühl, dass der Zuschauer nur noch das zu sehen bekommt, was, wann und wie es die Fifa wünscht.

Völlig ausgestorben etwa scheint der kreative Umgang mit Spielszenen, wie er sich unter dem Titel „Fußballballett“ in die Erinnerung der Babyboomer­generation geprägt hat. Statt dessen: After-Match-Interviews, die in ihrer Gleichförmigkeit, mit stereotypen Formulierungen und einer Messestand-­Atmosphäre wirken, als kämen sie von einem darauf spezialisierten Fließband.

Ein Grillfest im Garten

Nun aber war dies zugleich die erste WM des Twitter-Zeitalters, und tatsächlich erreichte von dort den nach „echten“ Bildern hungernden Zuschauer eine frohe Botschaft. Der Uruguayer ­Diego Forlán, nicht umsonst zum Spieler des Turniers gekürt, wird wohl auch als der Spieler der WM in die Geschichte eingehen, der sich herausnahm, die Fifa-Bild-Politik zu unterlaufen: Auf seiner Twitterseite lud er kleine Handyfilme mit Eindrücken aus dem uruguayischen Quartier hoch. Es sind Aufnahmen ohne jeden Filmemacherehrgeiz, unter einer Minute lang, Miniaturimpressionen, die ­einen mit ihrer Beiläufigkeit und „Rauheit“ aber für die Glätte und den Atmosphäremangel der Fifa-Bilder entschädigen. Die singende südafrikanische Hotelbelegschaft, den betrunkenen Jubeltanz der Mannschaft nach dem Viertelfinalsieg, ein Grillfest im Garten – diese Einblicke ins „Innere“ dieser WM lösten mehr Blog-Kommentare und eine größere emotionale ­Reaktion aus als so manche Torszene des Turniers.


Und Forlán war nicht der einzige Spieler, der mit Handykamera unterwegs war: Dem Spanier Pepe Reina gelang mit seiner Aufnahme des Besuchs von Königin Sofia in der Kabine nach dem Halbfinalsieg über die Deutschen eine echte Youtube-Perle: Man sieht, wie die auf dem Platz so souveränen Fußballstars auf einmal zur Schulklasse werden, als die Frau im roten Kostüm eintritt. Der Zwiespalt von Etikette, ­Entblößungsangst und unbändiger Freude bestimmt das Weitere: Während die einen sich nicht schämen, der Königin auch mit nacktem Oberkörper die Hand zu schütteln, ziehen die anderen noch schnell was über. Diskret versuchen die Spieler die herumliegenden nass geschwitzten Klamotten und Schuhe aus dem Weg zu kicken – in einer so sympathischen wie humorvollen Variante ihres gepriesenen „Tiki-Taki“.

Höhepunkt der Aufzeichnung aber ist der Auftritt von Siegtorschütze ­Puyol, der aus der Dusche kommt, mit nur einem Handtuch bekleidet. Die Königin lässt es sich trotzdem nicht nehmen, auch ihn mit Handschlag zu adeln. Besser als alle offiziellen Bilder zeigt diese Aufnahme, wie Freude und Stolz sämtliche Peinlichkeiten überwinden, bei den Spielern wie bei der Königin. Man kann sich den Film Dutzende Male anschauen und wird immer neue Details entdecken. Und das Schönste ist: Die Fifa kann einen nicht daran hindern!


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11:45 14.07.2010

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