Harte Schatten

Ausstellung Carrie Mae Weems ist eine der einflussreichsten Künstlerinnen der USA. Ihr Werk ist nun erstmals in Deutschland in einer umfassenden Ausstellung zu sehen

Drei Frauen aus drei Generationen, vereint in Trauer: Sie halten sich aneinander fest, suchen die körperliche Nähe der jeweils anderen, die Jüngste von ihnen, ein Mädchen im weißen Kleid, das Haar zu Zöpfen geflochten, kniet auf dem Boden. Eine Wange hat sie auf dem Knie der Großmutter abgelegt, die ihre Hände umklammert. Schauplatz der Szene ist diesmal keine Trauerhalle, sondern ein Klassenzimmer. Wer genau hinschaut, der sieht die Uhr, die dort an der Wand hängt – fast verdeckt vom Schleier, der das gesenkte Haupt der Großmutter umhüllt. Der Boden, auf den die hölzernen Stühle harte Schatten werfen, besteht aus einem Podest, das als Bühne fungiert, die drei darauf in Szene gesetzten Figuren strahlt ein gleißender Scheinwerfer an.

Mourning heißt dieses Bild, das Verlust und Trauer als eine zentrale Erfahrung Schwarzer Befindlichkeit in den USA aufruft und doch zugleich als universellen Affekt verallgemeinert. Denn die Tragödie, auf die das Motiv sich bezieht, bleibt unbestimmt. Carrie Mae Weems’ Fotografie bezieht absichtlich die Umgebung, in der sie entstanden ist, mit ein: Schienen für den Dolly und das Stativ für die Kamera, mit der gleichzeitig ein Video gefilmt wurde, fassen das Podest ein und unterstreichen die Künstlichkeit der Inszenierung. Es ist Teil der Reihe Constructing History – einem Versuch von Weems, in Zusammenarbeit mit Studierenden geschichtliche Ereignisse neu auferstehen zu lassen, indem sie sich ikonisches Bildmaterial aneignet, es in szenischen Anordnungen nachstellt und so in der Gegenwart neu zur Diskussion bringt.

Verborgene Machtstrukturen

The Evidence of Things Not Seen – der Titel ist von dem Schriftsteller und Aktivisten James Baldwin entlehnt – im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart ist die erste umfassende Einzelausstellung von Carrie Mae Weems in Deutschland. Die Kraft des Unsichtbaren ist – darauf spielt der Titel an – in den Werken von Weems allgegenwärtig: Unsichtbar sind nicht nur die übersehenen und verdrängten Geschichten indigener und marginalisierter Bevölkerungen, unsichtbar sind eben auch jene verborgenen Strukturen der Macht, die dominante Narrative in Büchern, Archiven und Institutionen verankern und immer neu reproduzieren. Und die Weems seit Jahrzehnten mit allen erdenklichen Mitteln herausfordert und hinterfragt.

Weems, Jahrgang 1953, ist mittlerweile eine der einflussreichsten und bekanntesten zeitgenössischen Künstlerinnen der USA. Acht großformatige Fotografien, zu denen auch Mourning gehört, sind entlang der Mittelachse im Ausstellungsraum an Säulen aufgereiht und bilden so etwas wie das Rückgrat der umfangreichen Präsentation. Das Projekt Constructing History untersucht Momente politischer Gewalt – von der atomaren Zerstörung von Hiroshima über die Ermordungen von Martin Luther King oder Malcolm X bis zum Attentat auf Benazir Bhutto 2007, die als Rückschläge emanzipatorischer Prozesse und positiver gesellschaftlicher Veränderungen markiert werden, auf eindringliche Weise. Es verschiebt so die dokumentarische Wirklichkeit in einen Raum neuer Möglichkeiten: Die Bilder, die rund um das eigentliche Geschehen entstanden sind, werden durch die Neuinterpretation des Vergangenen – auch gerade im Setting eines Unterrichtsraums – zur hypothetischen Grundlage einer besseren Zukunft und ringen der allzeit drohenden Verzweiflung an rassistischer, sexistischer oder klassistischer Diskriminierung das Recht auf Hoffnung ab.

Im Zentrum stehen thematisch, wenn auch nicht ausschließlich, das Leid und der anhaltende Widerstand der Schwarzen Bevölkerung der USA. Immer wieder tauchen Motive aus den Bürgerrechtsbewegungen der 1960er Jahre auf, etwa in der raumfüllenden Installation Land of Broken Dreams: A Case Study Room, die eine Mischung aus Wohn- und Klassenzimmer aus Tischen, Regalen, Skulpturen und Wandbildern erschafft und die Ikonografie der Black-Power-Bewegung aufgreift. Each One Teach One – die Weitergabe von Wissen ist auch eine Aufforderung an die Schwarzen Communitys, die nächsten Generationen in ihre Kämpfe miteinzubeziehen. Doch die Kunst von Weems ist viel zu komplex und ästhetisch ausgefeilt, um selbst pädagogisch zu sein. Den Tableaux Vivants von Constructing History stehen Abbildungen gegenüber, die teilweise aus wissenschaftlichen Sammlungen des 19. Jahrhunderts stammen: Daguerreotypien etwa, die rassistische Theorien über die angebliche Unterlegenheit Schwarzer Menschen stützen sollten. From Here I Saw What Happened and I Cried heißt diese Serie von 33 Fotografien, die Weems rot filtert und als Rundbilder fasst, die eigene, in die Glasrahmen sandgestrahlte Texte überlagern. In The Kitchen Table Series wiederum, einer fotografischen Schwarz-Weiß-Serie von 1990, wird der Küchentisch zum Mittelpunkt des Lebens einer Frau in unterschiedlichen sozialen Rollen: Weems agiert hier als Geliebte, Mutter, Freundin oder Nachbarin, die Texte dazu kreisen vielstimmig um feministische Themen.

Die Kunst von Carrie Mae Weems ist ebenso interdisziplinär wie radikal politisch, sie bezieht Video, Klang und Text mit ein. Oft tritt Weems selbst darin auf und setzt ihren eigenen verletzlichen Körper in Beziehung zu Architektur oder Denkmälern oder besetzt als Schwarze Frau öffentliche Räume. Bleibt die Frage, wieso das ebenso kraft- wie schmerzvolle Werk von Carrie Mae Weems in Deutschland erst jetzt in größerem Umfang entdeckt wird.

Info

Carrie Mae Weems. The Evidence of Things Not Seen Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, bis 10. Juli 2022

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