Casa della Cultura

Graue Eminenz In ihrer Autobiografie "Die Tochter des 20. Jahrhunderts" liefert Rossana Rossanda aufschlussreiche Innenansichten des italienischen Eurokommunismus

Rossana Rossandas Erinnerungen Die Tochter des 20. Jahrhunderts waren in Italien ein Bestseller. In der Bundesrepublik ist es kaum vorstellbar, dass die Memoiren einer Linken zum viel verkauften und diskutierten Buch werden. Aber Rossanda ist auch nicht irgendeine Linke, sondern eine der wichtigsten europäischen Linksintellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Die Vielseitigkeit der gelernten Kultur- und Literaturwissenschaftlerin ist legendär. Im politischen Bereich erlangte sie Berühmtheit mit ihren Werken über Marxismus, Feminismus und Fragen linker Politikorganisation. Im kulturellen Bereich tat sie sich durch Übersetzungen von Heinrich Kleist und Thomas Mann hervor, wie durch weitere Bücher und Editionen im Bereich der europäischen Literatur.

Die beiden Leidenschaften, die für die Politik wie für die Kultur, prägten Rossanda Leben und damit auch ihre Autobiografie. Mit dem eigenwilligen Titel trotz sie den Moden des italienischen Politik- und Kulturbetriebes, in dem die linken Themen und Konflikte des 20. Jahrhunderts oft vorgestrig, eben als dem "letzten Jahrhundert" (so der italienische Originaltitel) zugehörig bezeichnet werden.

Dabei haben ihre Erinnerungen in der politischen Gegenwart des Jahres 2008 durchaus Aktualität. Sie erzählen zwar eine sehr italienische Geschichte, sind aber auch für Nichtitaliener interessant, denn sie geben unter anderem Auskunft über 1968 in Italien, wo die Bewegung so ganz anders war als nördlich der Alpen.

Der zweite wichtige Punkt ist der Rückblick auf die vierziger und fünfziger Jahre, als die eurokommunistische italienische Linke trotz widriger Bedingungen noch so manchen schönen Erfolg erzielen konnte, was hoffen lässt, dass sie sich auch aus der gegenwärtigen Misere doch irgendwann herausarbeiten kann.

Ein väterlicher Freund

Wie jede Autobiografie fängt auch Die Tochter des 20. Jahrhunderts mit dem Anfang an, das heißt mit der Kindheit und Jugend, die die 1924 geborene Intellektuelle in Istrien, Venedig und Mailand verbrachte. Ab 1941 studiert sie in Mailand Kunstgeschichte und Literatur und wird leidenschaftliche Leserin gerade auch der deutschen Literatur. Die Empörung über deutsche Besatzung und Faschismus bringt die junge Studentin aus unpolitischem Elternhaus dazu, Kontakt zur Resistenza zu suchen. Dieser wird schliesslich über ihren Lehrer, den Philosophie-Professor Antonio Banfi hergestellt.

Mit viel Wärme gedenkt Rossanda ihrem Lehrer, der für ihre kulturelle und politische Entwicklung entscheidend gewesen ist. Hochgebildet, berühmt und fachlich einflussreich vertritt Banfi in der Nachkriegszeit den PCI, die Italienische Kommunistische Partei, im italienischen Senat und wird in den fünfziger Jahren sogar Mitglied des ZK des PCI. Der väterliche Freund Banfi hat ihr geholfen, sich in der Männerwelt der damaligen Kommunistischen Partei durchzusetzen, für die sie ab 1947 hauptberuflich arbeitete.

Die Kämpfe und Herausforderungen, die ihr schneller Aufstieg in der Funktionärshierarchie des PCI mit sich brachten, werden mit viel Diskretion und manchmal übertriebener Bescheidenheit erzählt. Die Autorin steht zu ihrer eigenen subjektiven Sicht der Dinge, nimmt aber anderseits die eigene Person gelegentlich sehr zurück. Persönliches spielt eine untergeordnete Rolle, es geht um Politik und politische Kultur. Die Erzählhaltung der kühlen politischen Intellektuellen verlässt sie nur gelegentlich, zum Beispiel wenn sie die Reisen beschreibt, die sie in hochrangigen PCI Delegationen in sozialistische Brüderländer unternommen hat.

Bei der Schilderung der Delegationen nach Moskau, Osteuropa und Kuba kommt Rossandas Lust am Erzählen zum tragen, es entstehen atmosphärisch dichte Schilderungen von sozialistischer Tristesse im Ostblock und karibisch-burlesken Kommunismus. Immer ist ihre Selbstdarstellung gänzlich unheroisch und auch oft selbstkritisch, besonders wenn es um die eigene Rolle in politisch problematischen Zeiten wie etwa 1956 geht.

Der Wind des Kalten Krieges

In der Nachkriegszeit selber war sie zu sehr mit italienischen Problemen beschäftigt, um sich viele Gedanken über problematische Entwicklungen in Osteuropa zu machen, sagt Rossanda. Denn die Nachkriegszeit in Italien war für Kommunisten alles andere als einfach, nach der Befreiung hatten Linke und Kommunisten wegen ihres Anteil an Widerstand und Partisanenkampf Aufwind, aber nach dem christdemokratischen Wahlsieg 1948 wehte ihnen der eisige Wind des Kalten Krieges mächtig ins Gesicht.

Trotz freiheitlich-demokratischer Verfassung waren die Versammlungsgesetze der Mussolini Jahre noch in Kraft, was dazu führte, dass der PCI in einem Klima der beschränkten Legalität arbeiten musste, was Rossanda als kommunistische Funktionärin besonders zu spüren bekam. Allerdings schafften es der PCI in Norditalien mit diesen Widrigkeiten fertig zu werden und selbst das eisige Klima zu seinen Gunsten zu wenden, denn es schloss die Reihen fest zusammen.

Faszinierend sind Passagen, in denen Rossanda schildert, wie der PCI es schaffte, die Boomregion Nordwestitalien zu organisieren, in der das italienische Wirtschaftswunder stattfand. Nicht nur politisch profilierten sich die Mailänder PCI Genossen als vorwärtsweisend, auch ihre Kulturpolitik war von großer Offenheit gegenüber den Avantgarden bestimmt, wofür im wesentlichen Rossanda verantwortlich war, die die Kulturarbeit in Mailand leitete.

Nicht ohne Stolz schildert sie, wie in ihrer Casa della Cultura sich in- und ausländische Literaten und Intellektuelle die Klinke in die Hand gaben, unter anderem waren Lukacs, Adorno oder Brecht zu Gast. Die Doktrin des sozialistischen Realismus spielte keine Rolle, wie der eurokommunistische PCI insgesamt nicht sonderlich interessiert an Moskauer Vorgaben war.

In Revision ihrer eigenen Kritik der siebziger Jahre lobt sie Parteichef Palmiro Togliatti dafür, diese Offenheit ermöglicht zu haben. Als Gramscianer war er daran interessiert, dass die Partei Rückhalt in Zivilgesellschaft und Kultur hatte, auch wenn die Moderne eigentlich nicht nach seinem Geschmack war. 1964, nach Togliattis plötzlichem Tod, war es mit der Offenheit des PCI vorbei, was Rossanda, die 1963 Leiterin der nationalen Kulturabteilung sowie Mitglied im ZK des PCI geworden war, viele Schwierigkeiten bereitete.

Fall ins Nichts

Eindringlich und anschaulich beschreibt sie, wie schwer sich die PCI-Führung mit dem modernen Italien der sechziger Jahre tat. Die kulturelle und intellektuelle Anziehungskraft des PCI habe bereits nach 1956 nachgelassen, denn die Partei symbolisierte nicht länger den gesellschaftlichen Fortschritt, sondern stand diesbezüglich in Konkurrenz zur neuen Linken.

Im PCI Zentralkomitee kam es in den folgenden Jahren verstärkt zu Konflikten zwischen dem rechten Flügel um Berlinguer, Natta und Napoletano auf der einen und dem linken Flügel um Rossanda, Trentin und Ingrao auf der anderen Seite. Rossandas Schilderung jener rebellischen Jahre und innerparteilichen Konflikte ist anzumerken, dass ihr diese immer noch nahe gehen, denn sie endeten 1969 damit, dass sie zusammen mit den hochrangigen PCI Mitgliedern Luigi Pintor, Luciana Castellina und Aldo Natoli wegen parteischädigendem Verhalten ausgeschlossen wurde. Grund war die Gründung der Zeitung Il Manifesto, die aber allen Beteiligten eine neue politische Perspektive gab:

„Wir vom ‚Manifesto’ fielen nicht ins Nichts, wie die meisten, die die PCI verlassen hatten. Wir fielen mitten in die Krise der Universitäten und Arbeitskämpfe. Wir hofften, eine Brücke zwischen den Vorstellungen dieser Jungen und der Weisheit der alten Linken bauen zu können, die glorreiche Zeiten erlebt hat. Es hat nicht funktioniert. Aber das ist eine andere Geschichte.“

Mit diesen Worten endet nicht nur die eindringliche Schilderung der schwerwiegenden politischen und persönlichen Konflikte der Jahre 1968/69, damit enden auch Rossandas Erinnerungen. Ihre Schluss-These vom Nichtfunktionieren Il Manifestos hat viel Widerspruch hervorgerufen, denn im Unterschied zum PCI existiert die Zeitung bis heute. Rossanda ist weiterhin so etwas wie ihre graue Eminenz und ist mindestens einmal wöchentlich mit einer Kolumne vertreten. Ob sie diese „andere Geschichte“, das heißt die nächsten vierzig Jahre ihres Lebens, die untrennbar verbunden sind, mit der Geschichte von Il Manifesto und der außerparlamentarischen Linken, in einem weiteren Band beschreiben wird, hat sie bisher offen gelassen.

Wie auch immer Rossanda sich entscheiden wird, die vorliegenden Erinnerungen geben faszinierende Einblicke in das Innenleben des italienischen Eurokommunismus und das politische Leben einer seiner interessantesten Protagonistinnen.

Die Tochter des 20. Jahrhunderts Rossana Rossanda, Aus dem Italienischen von Friedrike Haussmann und Maja Pflug. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 475 S., S., 26, 80

12:55 10.08.2009

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