Casting für den Tag X

Iraks Opposition unter US-Kuratel Einen überzeugenden Kandidaten für die künftige Präsidentschaft in Bagdad bleibt Washington bislang schuldig

Im dezenten Tenue de ville westlicher Designer präsentiert sich ein Teil der irakischen Opposition Anfang August in Washington zu Gesprächen mit der US-Regierung. Mit fehlerfreiem Oxford-Englisch erobert mancher Exilant die Prime Time bei CNN oder ABC. Vertreter der schiitischen Muslime des Irak sitzen im traditionellen Turban-Outfit am gleichen ovalen Tisch. Nicht nur äußerlich bunt und teilweise konträr wirken die "wichtigsten Vertreter der irakischen Opposition", wie sie Colin Powell hofiert, auch inhaltlich eint sie lediglich der Wunsch, dass Saddam Hussein endlich verschwinden möge. Die USA suchen fieberhaft einen Nachfolger, einen Regenten für die Post-Saddam-Ära, und können ihn nicht finden. Wer garantiert Ruhe, Ordnung und Stabilität - Konzilianz und Gefolgschaft?

1998 verabschiedete die Regierung Clinton den Iraq Liberation Act, der sieben Oppositionsgruppen als "demokratisch" anerkannte und ihnen einen Anspruch auf militärische wie finanzielle Hilfe bescheinigte. Sechs der sieben waren auserwählt, am "Washingtoner Gespräch" teilzuhaben - nur die Islamische Bewegung für Irakisch-Kurdistan (IMK) blieb suspendiert. Was nicht verwundert, ist sie doch Teil einer islamistischen Spezies im kurdischen Norden, der mehrheitlich ein Staatsmodell vorschwebt, das dem Vorbild der gestürzten Taleban in Afghanistan einiges abgewinnen kann. Die säkulare Regionalregierung Kurdistans und die Islamisten liefern sich seit Monaten einen erbitterten Guerilla-Krieg an der irakisch-iranischen Grenze. Ein im Januar von Teheran vermittelter Waffenstillstand (s. Freitag vom 30.8. 2002) ist längst zu Makulatur geworden. Der Moderator Iran empfiehlt sich weiter als Vermittler, indem er nicht mehr allein den Islamisten Finanzhilfe gewährt, sondern auch deren Gegenspielern, der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) unter Jalal Talabani.

Ein Regime à la Iran

Ganz ohne die islamische Geistlichkeit geht es freilich nicht. Und so saß kürzlich in Washington wenigstens der Hohe Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI/Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq) unter den vom State Department handverlesenen Exil-Oppositionellen. Sakrosankter Führer des ansonsten in Teheran residierenden Verbundes ist Ayatollah Muhammad Bakr al-Hakim. Seine Organisation unterhält - bar jeder Friedfertigkeit - nicht nur ein Trainingscamp für eine 15.000 Mann starke Armee im Iran, sondern ist zudem wichtigste Repräsentanz der schiitischen Opposition im Südirak.

Etwa zwei Drittel der Iraker sind Schiiten, nur ein Drittel Sunniten. Im Unterschied zu den Schiiten erkennen letztere auch jene Nachfolger (Kalifen) des Propheten Mohammed als rechtmäßige an, die nicht zu den Nachkommen des Propheten zählen. Die Herrscherclique Saddam Husseins zählt mehrheitlich zu den Sunniten. Die Klagen von Amnesty International und anderen über Diskriminierungen der schiitischen Majorität im Irak sind Legion.

Ayatollah Muhammad Bakr al-Hakim und seine Anhänger tun sich erwartungsgemäß schwer mit den Amerikanern: zu tief sitzt noch immer die Enttäuschung darüber, dass die US-Armee den schiitischen Aufstand 1991 unmittelbar nach der Operation Wüstensturm und der Niederlage Saddams in Kuwait nicht unterstützte. Eine US-Invasion heute lehnt der 67-jährige al-Hakim zwar ab, aber mit massiven Bombardements, die es seinen örtlichen Milizen ermöglichen würden, den Kampf am Boden voranzutreiben, könnte er sich anfreunden, heißt es in Washington. Die US-Regierung befürchtet jedoch, die islamische Klientel werde ein fundamentalistisches Regime à la Iran anstreben, sollte man ihr zu viel Spielraum lassen. Al-Hakim pariert derartige Besorgnisse gern mit der Versicherung, nichts läge ihm ferner als eine islamistische Diktatur. Auch wolle er die territoriale Integrität des Irak erhalten. Unabhängig davon passt ein selbstbewusstes islamisches Segment einfach nicht ins Kalkül der USA, für die Post-Saddam-Ära ein Amerika-freundliches Regime zu installieren. Ein hochrangiges SCIRI-Mitglied ließ nach den Washingtoner Konsultationen wissen, die Kurden hätten mit ihrer Selbstverwaltung in den Nordprovinzen überzeugend bewiesen, dass sich Iraker durchaus demokratisch regieren könnten - im Klartext: Wir wollen keine Vasallen der USA sein.

Kooperationskomitee der Irakischen Oppositionskräfte in Deutschland (KIOKD)


Bewegung der Irakischen Patriotischen Einigkeit (national-liberal)
Versammlung der Demokratischen Patriotischen Einigkeit (nationaldemokratisch)
Islamische Da´wa-Partei (nationalreligiös)
Irakische Kommunistische Partei (national und sozialistisch)
Irakisch-Patriotische Koalition (national)
Islamische Union der Turkmenen des Irak (Vertretung der turkmenischen Minderheit)
Kurdische Kommunistische Partei (national und sozialistisch)
Sympathisanten des Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak (fundamental-islamisch)
Irakische Demokratische Volkspartei (sozialdemokratisch)

Weit weniger amerika-skeptisch gibt sich Ahmad Chalabi, Führer der Dachorganisation Irakischer Nationalkongress (INC/s. Interview). Je mehr Bush, Cheney und Rumsfeld in ihrer Kriegrhetorik gegenüber Saddam Hussein zulegen, desto vehementer versichert Chalabi, bei einem Angriff werde wohl die Armee, nicht aber die Bevölkerung Widerstand leisten. Aber auch INC-Matador Chalabi bleibt für Washington ein unsicherer Kantonist: Er war jüngst in einen Bankenskandal verwickelt, ein jordanisches Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit wegen Betrugs, seine Reputation hat besonders gelitten, als das US-Außenministerium entdecken musste, der eloquente Vorkämpfer einer irakischen Demokratie hat US-Finanzhilfen für die Anti-Saddam-Front zu Manipulationen missbraucht. Aber auch mit korruptem Personal spielt der INC für das Weiße Haus nach wie vor eine gewichtige Rolle, war er doch 1995 an einem gescheiterten Putsch gegen Saddam Hussein beteiligt.

Keine Nordallianz in Sicht

In der Debatte um die irakische Opposition sind selten Stimmen zu hören, die danach fragen, ob es nicht möglich sei, den Diktator ohne Intervention der USA zu stürzen. Immerhin gibt es den Iraqi National Accord (INA), der abtrünnige Paladine des Bagdader Regimes vereint, denen ein gewisser Resteinfluss über militärische und Sicherheits-Eliten Saddams attestiert wird. So war denn auch der INA-Vorsitzende Ayad Alawi in Washington geladen, allerdings als Mitglied des INC-Führungsrates.

Zuweilen sah es so aus, als würde auch die Patriotische Union Kurdistans (PUK), ebenfalls Mitglied im INC, einen US-Angriff befürworten. Ihr Vorsitzender Jalal Talabani sagte dem Fernsehkanal CNN, er biete den Amerikanern an, über die von der PUK kontrollierten Militärbasen im Nordirak zu verfügen. Man muss kein Prophet sein, um anzunehmen, dass diese Offerte nicht ohne Gegenleistung erfolgte - vermutlich eine Zusage für eine autonome Kurden-Region unter US-Protektorat, möglicherweise sogar einen eigenen Staat. Dagegen läuft die türkische Regierung Sturm, um Versuchungen der eigenen kurdischen Minorität vorzubeugen. Die USA können es sich unter keinen Umständen leisten, den NATO-Partner Türkei zu verprellen, sie brauchen im Falle eines Angriffs auf Bagdad den Luftwaffenstützpunkt Incirlik.

Der PUK-Rivale, die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) unter Führung Masud Barzanis, hält sich mit Erklärungen auffallend zurück. Diese Reserve dürfte aus der Gewissheit resultieren - was auch immer geschieht, die kurdischen Parteien haben eine Schlüsselrolle inne. Sie sind die Gruppierungen, die nicht nur über eine Massenbasis innerhalb des Landes verfügen, sondern auch über Armeen - bei einer Selbstauflösung der Streitkräfte Saddam Husseins möglicherweise als interner Ordnungsfaktor unverzichtbar.

Eine weitere illustre Galionsfigur der Exilanten-Szene ist Sharif Ali bin al-Hussein, Abkömmling der Königsfamilie, die 1958 ins Exil fliehen musste. Seine Bewegung für eine Konstitutionelle Monarchie strebt genau das an, was der Name sagt, und al-Hussein träumt davon, bald wieder auf dem Thron zu sitzen. So hat das Washingtoner Treffen einmal mehr gezeigt, außer den Kurden und Islamisten hat keine Oppositionsfraktion eine wirkliche Basis im Land. Eine Nordallianz wie in Afghanistan, die auch gewissen militärischen Mindestnormen genügt, ist nicht in Sicht.

00:00 06.09.2002

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