Castings sind manchmal demütigend

Im Gespräch Die Schauspielerin Anja Kling über positive Filme zu schwierigen Themen, den männlichen Blick bei der Besetzung von Rollen und ihre kleine Großfamilie

Eine leichtgewichtige Komödie mit pointierten Dialogen, romantischen Verwicklungen und einer Hauptfigur, die ihr Sachbearbeiter bei der Bundesagentur für Arbeit zu den Problemfällen zählt. In Großbritannien keine Besonderheit, sind solche Filme in Deutschland, sei es im Kino oder im Fernsehen, eher rar. Problembewusste Unterhaltungsfilme finden sich am ehesten bei den privaten Sendern. Bei Sat.1 wehrten sich im Herbst vergangenen Jahres "Drei Engel auf der Chefetage" listig gegen Rationalisierungsmaßnahmen, ProSieben kündigt für September die thematisch verwandte Komödie "Zwei Wochen Chef" an. Und Sat.1 macht in "Die Masche mit der Liebe" (25.9., 20.15 Uhr) eine arbeitslose Mutter zur Hauptfigur. Gespielt wird sie von Anja Kling. Die 37-Jährige kann sich für derartige Konstellationen begeistern.

FREITAG: Ihr neuer Film "Die Masche mit der Liebe" fällt ins Fach der romantischen Komödie, es geht aber auch um Arbeitslosigkeit und ihre Folgen - eine im deutschen Fernsehen eher ungewöhnliche Kombination. Lag darin für Sie ein besonderer Reiz?
ANJA KLING: Ja. Ich fand gut, dass es einen ernsten Hintergrund gibt, der allerdings leicht erzählt ist. Es sollte kein schweres Sozialdrama werden, sondern dieser Film soll auch ein bisschen Mut machen, ein bisschen fröhlich sein.

Die von Ihnen gespielte Eva Kovac lässt sich nicht unterkriegen, sondern ergreift beherzt die Initiative. Wie ist Ihre Einschätzung - kann eine solche Figur Vorbildfunktion haben für Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation?
Ich hoffe das. Es geht ja nicht darum, dass man jetzt sagt, liebe arbeitslose Frauen, kauft euch mal eine Strickmaschine. Sondern es geht darum, einfach aufzuzeigen, dass man sich nicht hinsetzen darf und lamentieren - "Mir gibt ja keiner was und ich habe ja nichts". Man muss dranbleiben und gegen Widerstände kämpfen, manchmal auch hart bleiben und sich für seinen Traum einsetzen.

Gehörte es von vornherein zum Konzept des Films, solch ein positives Beispiel zu schaffen?
Für mich schon. Und ich glaube, für den Regisseur Thomas Nennstiel auch.

Ist es reizvoller, eine wirklichkeitsnahe Figur wie Eva Kovac zu spielen, oder macht es mehr Spaß, völlig aus der realen Welt herauszutreten und Figuren zu spielen wie beispielsweise die Königin Metapha aus "(T)Raumschiff Surprise"?
Das kann man nicht miteinander vergleichen. Insofern kann man auch nicht sagen, das eine macht mehr Spaß als das andere. "(T)Raumschiff Surprise" war ein einmaliges Erlebnis. Das war eine große Kinoproduktion. Wir haben viel mehr Drehtage gehabt. "Die Masche mit der Liebe" mussten wir in 22 Tagen schaffen. Das war ein ungeheurer Druck. Das ist eben Fernsehen, da arbeitet es sich anders. Aber von der Rolle her hat beides sehr viel Spaß gemacht.

Sie spielen in diesem Film erneut mit Ihrer Schwester Gerit zusammen. Werden sie von den Produzenten in der Regel gemeinsam angefragt oder ergreifen Sie selbst die Initiative, zusammen engagiert zu werden?
Wir stehen sehr gern miteinander vor der Kamera. Natürlich am liebsten in gleichwertigen Rollen. Es gibt zwar viele Angebote, aber das gefällt uns nicht immer gleichermaßen. Mal hat Gerit etwas auszusetzen, mal ich. Deshalb sind wir so selten gemeinsam in gleich großen Rollen zu sehen. Das hatten wir im Grunde erst ein einziges Mal, und auf diesen Stoff haben wir acht Jahre gewartet. Jetzt sind wir wieder auf der Suche nach einem neuen schönen Stoff. Den haben wir noch nicht gefunden. Was wir jetzt gemacht haben, dass die eine die Hauptrolle spielt und die andere praktisch einen Gastauftritt hat, das ist mehr so zum Spaß, für uns. Das haben wir schon öfter gemacht.

Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere auch moderiert, und zwar das Mädchenmagazin "Paula". Wie kam es dazu, wie darf man sich dieses Magazin vorstellen?
Ich habe mit 17 meinen ersten Film gedreht. Der hieß "Grüne Hochzeit". Dieser Film kam in der DDR sehr gut an. Ich würde nicht sagen, dass ich berühmt war. Ich hatte aber einen gewissen Bekanntheitsgrad durch diesen einen Film, zumindest bei den jungen Leuten. Deswegen hat mich das Fernsehen der DDR damals angesprochen und gefragt, ob ich Lust hätte, dieses Mädchenmagazin "Paula" zu moderieren. Das war ja sozusagen ein Magazin im Magazin, integriert in "Elf 99". Da sollte es um Themen gehen, die Mädchen zwischen 14 und 18 interessieren. Aber eben nicht nur "mein erstes Mal" und "wie frisiere ich meine Haare", sondern wir hatten Beiträge über behinderte Mädchen, ausländische Mädchen, Mädchen, die etwas Besonderes konnten. Das hat mich alles sehr interessiert. Ich habe das zwei Jahre gemacht. Wobei ich ganz sicher keine begnadete Moderatorin war (lacht). Ich war noch sehr unsicher, und ich hatte immer unglaublich viel Angst vor diesen Gesprächspartnern. Und war immer froh, wenn diese Gesprächsrunden beendet waren. Ich war da nicht souverän. Dafür war ich einfach zu jung. Aber es hat mir trotzdem viel Spaß gemacht, und es hat mir viel gebracht. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.

War das eine Live-Sendung?
Anfangs ja, später haben wir aufgezeichnet.

"Elf 99" setzte mit seiner respektlosen Haltung neue Maßstäbe im DDR-Fernsehjournalismus. Haben Sie etwas mitbekommen von diesen Umbrüchen?
Ja, aber nur am Rande. Weil wir eben so losgelöst waren. Wir wurden zwar in dieser "Elf 99"-Zeit gesendet, aber wir hatten im Grunde mit den Journalisten, die dort gearbeitet haben, wenig zu tun.

Ich möchte noch auf einen ganz anderen Film zu sprechen kommen, nämlich auf die amerikanische Dokumentation "Casting About". Der Film zeigt Sie sowie 183 andere Schauspielerinnen aus Deutschland, England und den USA beim Vorsprechen für ein II.-Weltkriegsdrama, das nie gedreht wurde ...
Ach was ...

Sie kennen den gar nicht?
Nee.

Können Sie sich an ein solches Casting erinnern?
Ja, ganz dunkel, wenn Sie das jetzt so sagen. Da hat man mich gefragt, ob sie bei dem Casting, da war noch eine Extra-Kamera, mitfilmen dürfen.

Der Kritiker der "New York Times" schrieb, der Film mache deutlich, dass Schauspielerinnen bei derartigen Probeaufnahmen mit männlichem Blick gesehen und gefilmt werden. Gemeint ist ein kalter, abschätzender Blick. Entspricht das Ihren Erfahrungen?
Ja, das ist schon so. Man kommt in einen kalten, hell erleuchteten Raum. Meist kennt man dort niemanden, sagt, "Tag, Kling", und "Tag, Meier, und bitte, spielen Sie mal Emotionen auf den Punkt". Ich finde das manchmal regelrecht demütigend. Man kann Castings auch anders gestalten. Ich habe sehr schöne Castings mitgemacht, bei dem man die Möglichkeit hat, vorher mit dem Regisseur allein über die Figur zu reden. Bei denen nicht tausend Menschen dabei sind, die dort nichts zu suchen haben. Das geht auch. Es gab genug Castings, aus denen ich rausgegangen bin und gesagt habe, ich will diesen Beruf nicht mehr haben. Das gibt sich dann im Laufe des Tages wieder. Aber es hat schon was von Prostitution.

Als normaler Zuschauer wundert man sich, dass Sie überhaupt noch zu Castings gehen müssen.
Für Fernsehfilme wie "Die Masche mit der Liebe" muss ich nicht mehr zum Casting. Aber für große Kinoprojekte schon. Für das Projekt "Der Untergang der DDR" (der Sat.1-Zweiteiler soll Herbst 2008 ausgestrahlt werden) bin ich auch gecastet worden. Wenn mich das nicht brennend interessiert, dann gehe ich auch nicht zum Casting. Aber in diesem Fall war es so, dass ich die Bücher ganz toll fand, und man hat mich gefragt, ob das okay wäre, wenn man mich castet und da habe ich gesagt, na klar.

In einem Film der italienischen "Piovra"-Reihe werden Sie als Dialogautorin genannt. Wie kam es dazu?
Als Dialogautorin? Ich habe ein bisschen was umgeschrieben. Es war so merkwürdig übersetzt, eins zu eins vom Italienischen ins Deutsche. Aber das mache ich auch bei deutschen Büchern, dass man sich das ein bisschen mundgerechter macht. Das finde ich lustig, dass man mich da als Autorin erwähnt. Das ist ja nett. Aber für die drei Sätze, die ich geändert habe - da hat man meinen Beitrag überschätzt.

Ich wollte Sie eigentlich fragen, ob Sie vielleicht zum Schreiben wechseln wollen ...
Ja! Ich habe ein Buch geschrieben. Das kommt jetzt im August raus. Ich habe es vorgestern bekommen, als gebundenes Buch, schön eingefasst, in Folie eingeschweißt. Es sieht aus wie aus dem Laden, und mir wurde plötzlich ganz schlecht, weil ich dachte, was habe ich denn da jetzt wieder gemacht. Ich habe tatsächlich ein Buch geschrieben. (lacht) Ich habe während des Schreibens an dieses Ergebnis gar nicht richtig gedacht. Jetzt liegt es da und heißt "Meine kleine Großfamilie". Es ist für Leon, Tano und Alea geschrieben, für unsere drei Kinder. Es sind im Grunde lustige, manchmal auch nicht so lustige Alltagsgeschichten über die Kinder oder auch über meine Schwester und mich als Kinder, aber auch ein paar Erwachsenengeschichten. Es geht um den manchmal etwas chaotischen Alltag im Leben einer Großfamilie.

Nur reale Geschichten oder auch ausgedachte?
Nur reale. Nicht ein Wort ist ausgedacht.

Damit schließt sich der Kreis zu "Die Masche mit der Liebe". Da geht es ja um ähnliche Dinge ...
Nur dass die Eva Kovac ziemlich allein dasteht. Die hat zwar ein paar Freundinnen, aber den Halt, den ich in meiner Großfamilie habe, den hat die nicht.

Das Gespräch führte Harald Keller


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