Castorf forever

Theater Die Berliner Volksbühne ist nichts für Eventmanager. Nun gibt es eine Chance, dass das auch so bleibt
Lars Hartmann | Ausgabe 45/2016 4

Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer und die Bäume im Wald, sondern auch kulturelle Institutionen. Sie stehen für einen bestimmten Geist, an einem bestimmten Ort. Solche Orte können Städte prägen, sie verleihen ihnen ein Gesicht, weil sie vom Einerlei abweichen. Damit solche Organismen sich bilden, braucht es Zeit. Man denke ans Centre Pompidou in Paris, und noch heute verbinden wir mit dem Berliner Ensemble das Brecht-Theater, obwohl schon lange kein Brecht mehr drin ist.

Das mag museal klingen, und nichts wäre der Berliner Volksbühne fremder, als sich auf Tradition und Klassikerverehrung festzulegen, denn gegen diese Identitätskonzepte rebellierte das Theater, indem das Kollektivsubjekt Frank Castorf immer wieder Neues hervorbrachte und Differentes verschaltete. Kontinuierlich wirkte dieses Stadttheater daran, den Geruch des Stadttheaters loszuwerden – was mühelos gelang. Kein Theater als Museum, bis heute nicht. Schillerimpetus, aber ohne Klassikerattitüde, wie so viele andere, wo gravitätisch und nach Hegels Diktum vom Ende der Kunst auf der Bühne in hoheitsvollem Ton die Grablegung von Drama und Komödie zelebriert wurde.

Im Scheunenviertel

Kein Theater dürfte in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Landschaft der deutschen Stadttheater so verändert haben wie die Volksbühne. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet ein Osttheater mit viel Ostvolk drin, zwischen Agitprop, Brecht, Müller und Dekonstruktion, bemächtigte sich der BRD-Theaterkultur. Der gerade mit dem Nestroy-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnete Frank Castorf schuf während seiner Intendanz eine Kunst des Nichtidentischen, und er besetzte mit diesem mächtigen Bunkerbau, der im Krieg zerstört und nach einem Entwurf von Hans Richter 1952 bis 1954 wiederaufgebaut wurde, einen Ort, der so in der Republik einmalig ist. Während sich das Quartier drumherum wandelte und heute nicht mehr wiederzuerkennen ist, austauschbar, eine von den Hackeschen Höfen ausgelagerte Shoppingmall mit Goodies für die Stadtbesucher. Das Design bestimmt das Bewusstsein.

Niklas Maak hat jüngst in einem Artikel für die FAS erinnert, was nicht nur, aber gerade der Berliner City im Wandel zum gigantischen Einkaufszentrum und zum Premium-Geisterwohn-Palais überhaupt noch Paroli bieten kann: „Die Antwort ist immer: die Kulturorte.“ Wenn der designierte Intendant Chris Dercon 2017 an der Berliner Volksbühne die Zügel ergreift, wird von dem, was die Volksbühne als einen solchen Kulturort bisher auszeichnet, erst mal nichts übrig bleiben als der Name. Diese Übernahme ist als radikaler Bruch geplant. So wurde von Bürgermeister Michael Müller klandestin ein Markenzeichen gekapert. Ohne Rücksprache, ohne Diskussion, ohne nach den Wünschen Castorfs zu fragen, der nach genau 25 Jahren vor die Tür gesetzt wird. Gegenüber dem Ensemble und den Gewerken ist diese Abwicklung nicht nur ein unfreundlicher Akt und respektlos gegenüber der Leistung dieses Theaters – man kann das Verhalten Müllers und seines Adlatus Renner einen Tritt nennen. Eventfunktionäre wie Kulturstaatssekretär Tim Renner betrachten die Stadt als Beute und sehen Kunst als Renditeobjekte. Unter der dann falschen Flagge Volksbühne lässt es sich für die Zukunft gut segeln. Marktgängig die Fahrt, Installation und Performance locken Touristen an. Easyjet in Friedrichshain, Easy Jetset in Mitte. Die Sprache der Kunst ist international, Kunst schafft Standortvorteil. Diesem Kalkül von Mehrwert und Kapitalisierung durch Kultur hat sich die Volksbühne stets verweigert.

Feixend wie ein Schuljunge schreibt Renner in einer SMS an die CDU: „Mit den Linken werde ich wenig zu lachen haben. Dass ich ihren Sockelheiligen F. Castorf nicht verlängert habe, werden die mir nie verzeihen.“ Dieses Statement zeigt die politische Dimension der Angelegenheit. Die Sache ist lange nicht so harmlos, wie sie oberflächlich aussieht, und keineswegs geht es bloß um den üblichen Wechsel eines Intendanten in irgendeinem Stadttheater der Republik, der viel zu lange im Amt hockte. Der Verdacht liegt nahe, dass da unter dem Pragmatiker Michael Müller eine lästige Institution ausgeknipst werden soll. Ein Ort, der politisches Theater macht, der solche wie Slavoj Žižek und Yanis Varoufakis einlädt oder live zu Julian Assange in die ecuadorianische Botschaft in London schaltet. Die Volksbühne ist ein Resonanzraum weit über die Stadt Berlin hinaus. Politisch links sein und dabei nicht dogmatisch denken, den Gedanken engagierter, politischer Kunst ernst nehmen, ohne Politparolen zu brüllen, sondern subtil jungen Leuten zeigen, wie aktuell Theater sein kann. Auch ohne die Phrase von der Authentizität. All das auf einen Ort bezogen, den es für solche Arbeit braucht: hier in Berlin-Mitte, im ehemals proletarischen, jüdischen Scheunenviertel, um gleichzeitig im Medium der Kunst globale Perspektiven zu denken, die sich von diesem Ort als Netze und Linien in alle Richtungen ausbreiten. Auch als Gastspiel in anderen Ländern. Solch unreglementierte Politik der Kunst ist vielen in der Stadt ein Ärgernis.

Man muss nicht zu den bedingungslosen Volksbühnen-Fans und auch nicht zu den Dissoziationseuphorikern gehören (siehe auch den Text von Matthias Dell im Freitag 27/2016). Es gibt zu kritteln, es schleppte sich arg öde manche Spielzeit dahin, und die Theaterkritik hatte bereits freundlich mit dem Theater abgeschlossen. Aber wie es allen Künstlern im Prozess ihrer Produktion ergeht, gibt es schwache Phasen, und da entstehen nicht die besten Werke. Doch plötzlich fängt es sich, da schlägt etwas an, und es schlägt um. An der Volksbühne kann man es mit Herbert Fritsch beobachten, der als Regisseur ein Gewinn ist. Genau das meint die Redewendung vom organisch Gewachsenen und vom Genius Loci: Theater ist Prozess, ein gelungenes Theater dauert, es braucht Zeit. Die Volksbühne ist ein gewachsener Ort und ein sich verändernder Organismus mit vielen Verzweigungen. Trotz aller Skepsis gegen Identität und trotz Dekonstruktion des Festen benötigt eine Heterotopie wie die Volksbühne ihren Ort. Und zwar genau dort, wo sie steht. Nirgends anders. Eine Heimat zu haben, ist nichts Schlechtes. Nichtidentität bleibt immer auf die Identität bezogen, ohne dabei in ihr aufzugehen.

Das mag nicht jedem Feuilletonkritiker einleuchten, der sich, statt auf die politische Dimension eines Theaters zu blicken, lieber in halbironischer Hipsterpose bekennt, auch schon in der Volksbühne gewesen zu sein, um beim Ausverkauf subversiv ein paar Streichholzschachteln einzusacken. Für die gesellschaftliche Relevanz eines Theaters ist das relativ unwichtig. Selbst wenn sich in der Volksbühne gar nichts änderte und das Theater weitermachte wie bisher, ist dieser Zustand allemal besser und avantgardistischer, als der eines Theaters, das im Stadtmarketing lediglich Standortvorteil sein möchte und einzig die Kunst produziert, die wir auch in London, Paris oder München uns ansehen können. Wer meint, alles sei besser als das, was die Volksbühne macht, hat weder von Avantgarde noch von Politik viel begriffen. Die Volksbühne ist ein Gesamtkunstwerk, das seine Heimat genau an dem Ort hat, wo sie steht. Nirgends anders. Zu viele Geschichten, Legenden, Inszenierungen sind mit diesem Gebäude verwoben, die sich nicht austauschen lassen.

Von der Wendezeit zeugen

Was sich unter Chris Dercon Neuanfang nennt, ist politisch die kalte Abwicklung eines unliebsamen Gebildes. Was er plant, sind bisher zwar Vermutungen, doch was durchsickert, klingt nicht verheißungsvoll. Ganz sicher wird er nicht das, was Frank Castorf an der Volksbühne aufgebaut hat, in Variation und umgepolt mit leicht abgespecktem Ensemble weiterführen wollen. Vielmehr wird sich unter Dercon die Volksbühne ihrer Umgebung angleichen. Damit verschwindet aus dem Osten Berlins einer der letzten Orte, die von jener Wendezeit zeugen und die vielen in einer mittlerweile uniformen Stadt zur Heimat wurden.

Nun aber gibt es Hoffnung. Da Tim Renner im neuen Kabinett möglicherweise nicht mehr Kulturstaatssekretär sein wird – im Gespräch ist der Vorsitzende der Berliner Linkspartei, Klaus Lederer, als Kultursenator –, hat der neue Senat die einmalige Chance, eine dumme Entscheidung rückgängig zu machen. Unser Rat: Lasst Frank Castorf einfach weitermachen. Wenn nötig, noch mal 25 Jahre.

Lars Hartmann betreibt den Blog Aisthesis und gehört zum Redaktionsteam des Onlinemagazins tell

06:00 16.11.2016

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