Charkow, wo ist denn das?

Bildungsarbeit vor der Abwicklung Der Berliner Senat hat dem Ost-West-Europäischen Netzwerk OWEN das Geld gestrichen. Jetzt kann nur noch politischer Wille die NGO retten

Einige Berlinerinnen kennen diesen Ort in der West-Ukraine, vor fünfzehn Jahren noch stolze Stadt in der Sowjetunion, mit den Privilegien eines militärischen Industriestandorts und wissenschaftlichen Zentrums versehen. In Charkow waren auch hochqualifizierte Frauen in der Wissenschaft, dann fiel die Stadt ins Nichts. Etablierte soziale und ökonomische Netze hörten erst auf zu funktionieren, dann zu existieren, Arbeitslosigkeit wurde zum Massenphänomen, andere Organisations- und Partizipationsformen als die vormals staatlich etablierten waren unbekannt. Nur die Qualifikationen lösten sich nicht in Luft auf, selbst wenn sie nicht mehr gefragt waren. Und gerade sie provozierten ein enormes Bedürfnis nach Orientierung in einer dramatisch veränderten Lebenssituation.
Sogenannte Transformationserfahrungen waren es auch, die 1991 in Berlin die Gründung des Ost-West-Europäischen Netzwerkes OWEN motivierten, das 1992 zur Nichtregierungsorganisation (NGO) wurde. Frauen der früheren DDR-Bürgerrechts- und Friedensbewegung wie Marina Beyer-Grasse, 1990 Gleichstellungsbeauftragte in der de Maizière-Regierung und heute Geschäftsführerin von OWEN, gehörten dazu. Diese ostdeutschen Frauen, zu Wendezeiten in einer ähnlichen Situation, haben inzwischen ein weltweites Netzwerk basisorientierter Frauengruppen aufgebaut. 1995 war dieses Netzwerk Grundlage, um im Zuge der Vorbereitung der Weltfrauenkonferenz in China im gleichen Jahr eine Konferenz in Kiew mit Vertreterinnen aus der ganzen Welt durchzuführen.
OWEN initiiert seit nunmehr zehn Jahren vor Ort Strukturen, die ein Fundament bieten für ökonomische, soziale und demokratische Entwicklungen, die den westeuropäischen Ländern langfristig gesehen von großem Vorteil sein können: Ein Netz von Frauen, die nicht darauf warten, dass ihnen geholfen wird, sondern die wissen wollen, wie sie in einer sich rasant verändernden Welt ihre Bedürfnisse und Rechte vertreten können und die die Erfahrung machen, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.
Ein Projekt in Charkow, das durch die Heinrich-Böll-Stiftung kofinanziert wird, war der Start zu einer Entwicklung, die einen Schneeballeffekt nach sich zog. Aus einem einjährigen Kurs mit 80 Frauen, in dessen Mittelpunkt die Formulierung neuer politischer, sozialer und beruflicher Ziele stand, sind zahlreiche Frauenorganisationen und Multiplikatorinnen hervorgegangen, die heute ihre Arbeit bis auf die Krim und die Westukraine ausweiten konnten. Weiterbildung, Sexualerziehung, Drogenberatung und die Stärkung des politischen Engagements von Frauen gehören zu ihren Tätigkeiten. Außerdem gründeten sie in einer mehr als komplizierten Presselandschaft ein frauenpolitisches Journal, das unter anderem ein Forum für lokale NGOs bietet. Ein erfolgreich geführter Rechtsstreit um die Zahlung von seit drei Jahren ausstehenden Gehältern an Lehrerinnen in der Ukraine hat nachhaltig prägenden Eindruck auch bei anderen Gruppierungen hinterlassen und hat bis heute Vorbildfunktion.
In Berlin arbeitet OWEN ebenfalls an der Basis: Zur Zeit wird 18 Frauen aus Osteuropa die Integration erleichtert. Dazu gehören für OWEN, anders als für andere Einrichtungen, keine Sprachkurse oder Berufsberatungen. Beyer-Grasse und ihre momentan sechs festen und zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen aus West- und Osteuropa unterstützen dagegen besonders "die Entwicklung von Formen der Selbstorganisation". Zentral ist dabei die Herstellung von Kontakten zu einheimischen Frauen.
Seit mindestens 20 Jahren basiert sinnvolle entwicklungspolitische Arbeit auf dem Wissen, dass basisorientierte Arbeit vor Ort nachhaltig Strukturen verändern kann, während generöse Finanzspritzen nicht selten in dubiosen Kanälen versanden.
Geld kostet allerdings auch solche Arbeit. Eingedenk dieser Tatsache hat der Berliner Senat bis Anfang Juni die Arbeit von OWEN finanziell unterstützt. Für 2002 waren 161.000 Euro in Aussicht gestellt, 80.000 bereits ausgezahlt. Die Grundfinanzierung über den Senat ermöglichte dem Verein in den vergangenen zehn Jahren die Beantragung weiterer Gelder beim Bund, der EU und zahlreichen Stiftungen, von denen insgesamt noch circa 80.000 Euro kamen. Vor zwei Wochen nun wurde OWEN ohne jegliche Vorankündigung mit der sofortigen Abwicklung beauftragt. Der Berliner Senator Gregor Gysi sieht darin offensichtlich einen reinen Verwaltungsakt, auch wenn seine Vize-Sprecherin Brigitte Schmidt mehrmals ihr tiefes Bedauern ausdrückte und beteuerte, man kümmere sich um andere Finanzierungsmöglichkeiten, etwa durch parteinahe Stiftungen, "wenn auch bisher ohne Erfolg". Beyer-Grasse wundert das nicht: "Mit einer Kürzung auf null Euro entzieht der Senat OWEN die Förderungswürdigkeit. Andere potenzielle Geldgeber dann vom Gegenteil zu überzeugen, dürfte schwierig sein." Für sie und den Vorstand von OWEN ist die Senatsentscheidung eine politische. Daher haben sie ein politisches Gespräch mit der Senatsverwaltung eingefordert, in dem zumindest die Kriterien der Entscheidung offen gelegt werden.
Auch wenn sie weiß, dass eine beschlossene Titelschließung kaum revidierbar ist, hofft Beyer-Grasse auf den "good will" eines Senators, der öffentlich gerne die Bedeutung Berlins als "Brücke" zu Osteuropa bekundet und bestehende Kontakte auch aus Vorwendezeiten hochhalten will. Sie selber kann sich durchaus eine ressortübergreifende Finanzierung vorstellen, wenn der politische Wille da sei.
Daran aber mangelt es. Am vergangenen Montag fordeten Staatssekretärin Nickel und Frau Bergdoll aus der Senatsverwaltung OWEN erneut auf, die Abwicklung zum schnellstmöglichen Zeitpunkt durchzuführen. Und selbst die Zusage, sich von Seiten des Senats um andere Geldgeber zu bemühen, relativierte sich: Lediglich als Vermittler zwischen OWEN und dem Europäischen Sozialfond will er sich stark machen. Ob Brüssel weiß, wo Charkow liegt?

00:00 21.06.2002

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