Chattanooga Choo Choo

Das Bild des Vaters Über die Reise des Bauern Sok Pram aus dem Süden in den Norden Kambodschas

Die Nacht verliert ihr blaues Band. Stumpfes Morgenlicht lässt die schmalen Ritzen der Bambushütte aufscheinen. Sok Pram liegt ohne Traum und Schlaf, aber nur der Alptraum hat kein Gesicht. Schuld an allem ist nicht der schrille Gesang der Zikaden. Er hasst diesen Tag wie sonst keinen im Jahr. Eine halbe Stunde noch, bis der Sonnenball träge am Horizont leckt. Es wird Zeit für den Reisbauern Sok Pram. Er muss aufstehen, die Petroleumlampen in seiner Hütte herunter drehen, in den Anbau trotten, pralle Säcke mit geschältem Reis und Sojabohnen als Proviant auf den Karren wuchten, einen großen Bottich mit gelbem Palmzucker daneben stellen. Schönen Palmzucker, die Ware tauscht sich. Schließlich die großen, braunen Krüge, die leer sind und blank gescheuert. Er muss die Ochsen einspannen und das Fuhrwerk nach draußen ziehen. Da wird die Sonne schon so hoch stehen, dass die Metallriegel am Geschirr wie Gold zerfließen - wenn sie doch zerspringen würden in der Hitze.

Jedes Jahr im November, wenn in Kambodscha die Regenzeit vorüber ist, ziehen Tausende Fuhrwerke aus den Dörfern rings um die Hauptstadt Phnom Penh, aus den Provinzen Prey Veng und Svay Rieng am Unterlauf des Mekong auf Pisten aus frisch gebackenem Schlamm ins Gelobte Land nach Westen und Norden. Es geht dem Großen See, dem "Tonle Sap", entgegen, an dessen Ufern kleine, zwergenhafte Siedlungen liegen, die - aus dem Khmer übersetzt - "Prahoc-Dörfer" genannt werden. Der Name spielt mit ihrem größten und einzigen Reichtum. Prahoc heißen winzige, gerade fingerlange Fische, die im flachen Wasser des Tonle-Sap-Sees gefangen und danach in großen Tonkrügen oder Holzfässern mit Salz eingelegt werden. Übers Jahr reifen sie zu einer würzig-scharfen Fischsauce, die bei einer Mahlzeit in Kambodscha, egal ob mittags oder am Abend, ebenso wenig fehlen darf wie eine milde Sojasauce.

"Untauglicher, fauler Lehrer"...


... rufen die Jungen im schwarzen Pyjama und ziehen das Seil wieder ein Stück in ihre Richtung. Und der Lehrer unter dem Mandelbaum staunt nicht länger, dass er ihnen die gebührende Antwort schuldig bleibt. Um seinem Hals strafft sich das Seil und nimmt die Lust zum Atmen, die Fußspitzen tänzeln und zittern über dem Boden. Der geht verloren, so sehr sie auch tänzeln und zittern. "Alter, fauler Lehrer", rufen die Kindersoldaten wieder und ihre dunklen Gesichter lachen, "viele junge Palmen wachsen aus deinem Kopf". Der Kopf des Lehrers ist rotbraun wie der Schlamm am Ufer des Mekong nach der Monsunzeit. Noch hängt der schlaffe Körper und verliert seinen Schatten nicht, was nötig wäre, wollten ihn die Jungen am anderen Ende des Seils wirklich einpflanzen, wie sie gerufen haben. Plötzlich verlieren sie die Lust, öffnen die Hände und lassen ihn fallen. Der faule Lehrer kriecht über den staubigen Platz davon, so langsam, das ihm sein Schatten folgen kann.

Der untaugliche Lehrer war einmal Sok Prams Vater, der Lehrer Sok Bien.

Im November 1974 unterrichtet er an einem Lyzeum in Phnom Penh, als die Jahre der jungen Soldaten in den schwarzen Uniformen kurz bevorstehen. Auch verschwendet der damals gerade 17jährige Sok Pram noch keinen Alptraum darauf, dass er mit einem Ochsengespann in eines der Prahoc-Dörfer am Tonle Sap ziehen muss. Sok Pram träumt von einem Studium der Philosophie an der Sorbonne, er träumt von Paris. Frankreich heißt Rettung vor dem Untergang Kambodschas, Flucht vor dem Militärdienst, dem Krieg im Dschungel, einem elenden Tod im Reisfeld.

Im November 1974, als Sok Pram kurz vor seinen Bakkalaureat steht, duckt sich Phnom Penh noch nicht unter der Belagerung durch die Roten Khmer. Das Gesicht der schönen Stadt am Mekong leuchtet aufgeschwemmt und fett vor Hunger. Aber ein unterwürfiges Lächeln hat noch jedes Elend geschminkt. Maskenball und Schlendrian und wieder Maskenball. Die wenig kriegsbegeisterten Soldaten des Marschalls Lon Nol, von den Amerikanern protegierter Chefminister der Republik Khmer, wie sich Kambodscha um diese Zeit nennt, ziehen früh am Morgen aus der Stadt hinaus in die Schlacht, treffen auf die Dschungelkrieger der Roten Khmer oder nicht, haben ein Feuergefecht oder nicht, sind auf jeden Fall pünktlich zum Tanztee zurück. Im Hotel Monorom oder im Royal, wenn es Nacht wird in Phnom Penh. Das ändert sich, als die Innenstadt vor den Raketen aus dem Dschungel nicht mehr sicher ist und die stets hilfsbereiten und freundlichen Amerikaner überstürzt abziehen. Phnom Penh ist jetzt eine offene Stadt und hält auch den angehenden Philosophiestudenten Sok Pram gefangen.

Der Rest der Geschichte, die kein gutes Ende nimmt, weil sich die Stadt mit dem Tod überwirft, ist schnell erzählt. Am Nachmittag des 17. April 1975 schieben junge Soldaten in schwarzen Uniformen den Konzertflügel aus dem Tearoom des Royal an den Hotelpool. Sie durchbrechen mit ihrem Gefährt die sorgsam verschnittenen Hibiskussträucher am Becken und veranstalten eine kleine Siegesfeier, auch der hoteleigene Pianist darf dabei sein. Chattanooga Choo Choo spielt er immer wieder, Chattanooga Choo Choo gefällt den jungen Soldaten besonders gut, sie prusten mit, und sie prusten vor Lachen. Als das Lied gerade ein fünftes Mal verklingt, hat das Fest ein Ende. Die jungen Soldaten verlieren die Lust. Der hoteleigene Pianist aus dem Royal wird mit den Saiten seines Instruments gefesselt und in den Pool geworfen, dessen Wasser wegen der Kriegsereignisse seit Wochen nicht erneuert werden konnte. Chattanooga Choo Choo ...

Sok Prams Familie zieht inzwischen nach Nordwesten, immer weiter dem Tonle Sap entgegen. Die Städter sind im Demokratischen Kampuchea, wie Kambodscha jetzt heißt, als "Neuvolk" viel unterwegs. Phnom Penh, die schöne Stadt, lächelt hinterher, so unbegreiflich ist dieser Abschied. Immer durstiger wird das ziehende Volk, immer gieriger auf den Schlamm aus den Reisfeldern von Siam Reap. Soks Vater gibt sich als Lehrer zu erkennen. Die jungen Soldaten in den schwarzen Pyjamas haben so oft damit geprahlt, weder lesen noch schreiben zu können. Brauchen sie keinen Lehrer? Er könnte ihnen Unterricht geben. Er könnte auch sein Todesurteil selbst unterschreiben, wenn die jungen Soldaten es denn lesen wollten. Aber so weit gehen sie nicht. "Untauglicher, fauler Lehrer", rufen sie nur und lachen. Wozu brauchen sie einen Lehrer? Das Neuvolk aus den Städten ist doch klug genug, rufen sie. Klug genug, vom Schlamm der Felder zu trinken. Und wer es nicht tut, wie Prams Vater, wie kann dem noch geholfen werden? Kann dem überhaupt geholfen werden? - "Viele junge Palmen wachsen aus deinem Kopf ..."

Sok Prams Weg ...


... führt jetzt schon mitten durch die Glut der Sonne, kochende Luft schlägt ihm ins Genick, die Garküche am Rand der Piste schwankt heran in Ochsentrott und Mittagsdunst. Noch eines halbe Tagesreise bis zum Südufer des Tonle Sap, dann erst wieder im nächsten Jahr die gleiche Tour. Wanderer, fährst du vorbei, dann lass dir mein hundertfältiges Gesicht nicht entgehen. Der Teekessel glänzt über dem Holzfeuer, die Alte gibt dir gratis grünen Tee, willst du ihre Nudelsuppe schlürfen oder vielleicht Trockenreis mit Fleisch? Die Reisbauern aus der Gegend kommen erst später, aber jetzt halten wir dich mit nassen Händen in beißender Luft. Der Genuss kommt aus großen grünen Blättern, das zerfurchte Gesicht, die schwarzen Zähne der Alten vom Betelkauen, und das schrille Gekicher der Tochter ist so viel stiller um diese Stunde. Wie viele Flammen sollen dein Gesicht noch streicheln, Sok Pram?

Es tut gut, das Leben an sich vorbei ziehen zu lassen. Herabhängende Lianen spenden Schatten, das Atmen wird leichter. Eine Schildkröte zieht mit ihrem Panzer träge durch ein Bassin neben der Küche und ihren letzten Tag. Nur das Kauen der Büffel ist zu hören, nur das Klappern der Alten. Das Lächeln des Mädchens hat ein fremdes Gesicht. Die Gesichter der Mädchen sind breiter hier oben im Norden. Wie oft hat sich ihre Unschuld schon in Gewalt tauchen lassen?

Sok will die beiden Polizisten erst gar nicht bemerken. Mandelbraune Augen mustern ihn, Reisschüsseln halten die Polizisten am Kinn, die Worte halten sie nicht. "Gestern waren wieder Leute unten in der Höhle, drei alte Frauen aus Phnom Penh. Ich frage mich immer, was wollen die noch? Wollen sie die Knochen zählen oder die Schädel? Denken sie, da sind vielleicht ihre Leute dabei? Das ist doch alles viel zu lange her ..."

Pol Pot nannte es damals die "Intellektuellen mit der Hacke jäten". Es gab zuviel Neuvolk auf den Reisfeldern, zuviel bourgeoises Unkraut, zuviele Schlammfresser Die Kindersoldaten holen das Neuvolk nachts aus seinen Hütten. Wen es trifft, für den hat es lange gedauert. Um so leichtfüßiger ist der Aufbruch jetzt. Keiner schleppt mehr seinen Schatten. Es ist Nacht und eine Stunde Marsch bis zur Höhle dort unten am Berg. Kein Geschrei der Kindersoldaten nimmt mehr den Atem, ein Kinderarm führt den Schlag mit der Hacke, der magere Körper explodiert noch einmal ...

Sok Pram kann das letzte Bild des Vaters nicht vergessen. Er hat nie etwas davon gesehen. Die Höhle ist so nah, einmal im Jahr unterwegs nach Prahoc und dem Bild das Vaters hinterher. Lass uns deinen Traum mit der Hacke jäten, rufen die Toten. Augen haben sie längst nicht mehr, auch die Leiber sind zermahlen von der Zeit, es ist wieder Platz in der Höhle, aber sie rufen noch. Es klingt wie Gesang aus dem schwarzen Mund der Alten. Schluckt sie am Bild des Vaters? Noch einen Tee nach dem Essen? Willst du fahren, Fremder, willst du bleiben?

Die Zikaden schweigen, zerfallende Steine liegen am Weg.

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00:00 23.11.2001

Ausgabe 43/2021

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