Dad-Rap? Dieses Album ist das reinste Vergnügen

Plattenkritik Hip-Hop-Legende Black Thought und Erfolgsproduzent Danger Mouse bündeln auf dem Album „Cheat Codes“ ihre Stärken
Ausgabe 33/2022
Ein Meister seines Fachs: Rapper Black Thought
Ein Meister seines Fachs: Rapper Black Thought

Foto: Bennett Raglin/Getty Images for Essence

Cheat Codes, die erste Zusammenarbeit von Superproduzent Danger Mouse und Hip-Hop-Institution Black Thought, ist ein Album randvoll mit Oldschool-Hip-Hop-Güte. No Gold Teeth zum Beispiel hat eine Funk-Bassline, so gummiartig, dass man sie stundenlang zufrieden wiederkäuen könnte, und Black Thought, einer der gelehrtesten Sprachkünstler seiner Generation, umtänzelt gekonnt den Beat. Auf dem Album wird messerscharf mit rassistischer Ungerechtigkeit abgerechnet – und meisterhaft geprahlt.

Dieser Kracher von Sommeralbum hat eine Vorgeschichte. Als Danger Mouse – bürgerlich Brian Burton – noch zur Highschool ging, bezahlte er einen Freund dafür, dass er ihm das zweite Album von Black Thoughts – Tariq Trotters – Band The Roots klaute, Do You Want More?!!!??! (1995). 2006 traf er, inzwischen ein junger Hip-Hop-Produzent, seinen nur wenige Jahre älteren Rapper-Helden. Sie verstanden sich sofort und dachten, sie könnten zusammen eine Platte machen. Als Titel schwirrte „Dangerous Thoughts“ herum.

Dann funkte ihnen das Leben dazwischen. Black Thoughts Kult-Crew The Roots hatte in den späten nuller Jahren einen vollen Terminkalender. 2009 wurde sie zur Hausband der Sendung Late Night with Jimmy Fallon (und ist es noch bei seiner Tonight Show). Danger Mouse landete seinen ersten großen Wurf 2004 mit The Grey Album, einem urheberrechtswidrigen Mashup aus Jay-Zs Black Album und dem White Album der Beatles. Die zweite Bombe, die er 2006 platzen ließ, war Gnarls Barkley, sein Hitprojekt mit CeeLo Green. Es folgten zahllose Pop-Produktionen, von Adele bis zum Rapper MF Doom.

Das Projekt „Dangerous Thoughts“ jedenfalls dümpelte vor sich hin, bis Burton und Trotter ein Jahrzehnt später wieder zusammenfanden. Das Ergebnis ist so energiegeladen und nahrhaft wie ein intravenöser Vitamin-B12-Tropf.

Fette Breakbeats

Hip-Hop hat sich als Genre exponentiell weiterentwickelt, Trap-Beats und verwaschene Kadenzen sind jetzt das große Ding. Cheat Codes wirkt dagegen antik: obskure Samples und fette Breakbeats, Vinyl-Knistern und Details aus der Plattenkiste.

Es geht dabei nicht um guten Rap oder schlechten Rap – Burton und Trotter wirken so überzeugt von ihren Vorlieben, dass sie Andersdenkende erst gar nicht umwerben. Zu den Gästen zählen neben den altgedienten Weggefährten Run the Jewels Pop-Rap-Star A$AP Rocky und Raekwon von Wu-Tang Clan. Nur einmal lassen sie Leute unter 30 zu Wort kommen: die Gastrapper Joey Bada$$ (27) und Russ (29) sowie den Briten Dylan Cartlidge (27) im Killer-Track Because. Einen Anachronismus leisten sie sich allenfalls beim Text: „Prisoners of Azkaban, thinking of a master plan“, eröffnet Trotter den Opener Sometimes und spielt damit auf Eric B.s & Rakims Hip-Hop-Meilenstein Paid in Full an und, weniger verführerisch, auf Harry Potter.

Ein anderer Blick zurück verdient mehr Aufmerksamkeit. Das schimmernde Belize enthält eine Strophe des verstorbenen MF Doom, die schon seit 2005 auf Burtons Festplatte gespeichert sein könnte. „Danger make a groove off a glitch“, konstatiert Doom, dessen Flow auch ohne Zusammenarbeit aus dem Jenseits schon immer für Gänsehaut gesorgt hat. Man könnte Cheat Codes als Dad-Rap abtun, aber diese Platte ist von Anfang bis Ende ein Vergnügen.

Cheat Codes Danger Mouse & Black Thought BMG 2022

Der digitale Freitag

Die Welt aus neuen Blickwinkeln erfahren

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden