Chefroulette

Medien Den Chefposten zu verlieren, scheint ein großes Glück zu sein. Zumindest, wenn man sich die ständigen Wechsel in Magazinen wie "Neon" und "Nido" anschaut
Juliane Wiedemeier | Ausgabe 32/2016
Chefroulette
Führt in manchen Medienhäusern offenbar zu Erdmüdungserscheinungen

Foto: Bonn-Sequenz/Imago

Nicole Zepter möchte in Zukunft eigene Projekte vorantreiben. Da hat sie so große Lust drauf, dass sie partout nicht länger Chefredakteurin der Gruner+Jahr-Zeitschriften Neon und Nido bleiben kann. Zwar hat sie den Posten erst im Mai 2015 angetreten. Aber der Wunsch nach eigenen Projekten ist stärker.

So ähnlich erging es auch schon Zepters Vorvorgängern Vera Schroeder und Patrick Bauer. Als der Verlag entschied, die Redaktionen der beiden Zeitschriften von München nach Hamburg zu verlegen, war nicht etwa dieser Umzug der Grund für ihren Ausstieg. Sie wollten schlichtweg neue berufliche Wege gehen. Und auch ihr Nachfolger Oliver Stolle, der nach 16 Monaten Umzugsmanagement Platz für die oben erwähnte Nicole Zepter machte, zog ausschließlich sein Heimweh zurück nach München und damit weg vom Posten des Chefredakteurs.

Gründe, an diesen Aussagen zu zweifeln, gibt es nicht. Schließlich stammen sie vom Verlag selbst – und ein Unternehmen, das sein Geld mit Journalismus und damit dem Kampf für die Wahrheit verdient, würde doch niemals beschönigen oder gar lügen.

Dass die verkaufte Auflage von Neon in den vergangenen zwei Jahren von 178.000 auf 123.000 gerauscht ist, die Stimmung in der Redaktion denkbar schlecht und Zepter ihrem Job als Chefin nicht gewachsen gewesen sein soll: Das sind nur langweilige Fakten und Gerüchte von „Redaktionsmitgliedern, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen mögen“. Und nur weil Zepters Vorgesetzte, die in der Gruner+Jahr-Pressemitteilung zitiert wird, ihren Beruf mit „Publisherin“ angibt und als solche einer community of interest vorsteht, heißt das noch lange nicht, dass man ihr nicht glauben kann. Auch wenn man dank der seltsamen Fremdwörter gar nicht versteht, was diese Frau eigentlich macht.

Zudem sind die Chefs von Neon und Nido nicht die einzigen im deutschen Medienmarkt, die aus freien Stücken ihre Führungsposition aufgeben. Hans-Jürgen Jakobs zum Beispiel, bis Ende 2015 zusammen mit Sven Afhüppe Chefredakteur des Handelsblatts, gab sich in der offiziellen Mitteilung sehr erfreut, als die redaktionelle Verantwortung komplett seinem Kompagnon übertragen wurde. Er selbst darf sich schließlich seitdem Senior Editor, Mitglied im Beirat der Bildungsinitiative der Dieter von Holtzbrinck Stiftung und Herausgeber von Orange by Handelsblatt nennen. Letztgenanntes ist das junge Angebot der Wirtschaftszeitung, mit genau so vielen Fans, wie man unter jungen Menschen für Wirtschaftsthemen vermutet. 3.455 haben die Seite bei Facebook geliked; ein stolzes Dreiundfünfzigstel der Fanzahlen des Handelsblatts.

Noch glücklicher dürfte nur Ulrich Reitz gewesen sein, als er im März als Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus abtreten und an Robert Schneider von der Superillu übergeben durfte. Nach eineinhalb Jahren als Chef ist Ulrich Reitz nun Editor-at-large – ein Job, der in seiner Keine-Ahnung-was-das-ist-igkeit von Gruner+Jahr erdacht sein könnte. Dort gibt es auch das Frauenmagazin Barbara mit Editor-at-large Barbara Schöneberger. Sie darf der Zeitung nicht nur ihren Namen leihen, sondern auch das Editorial schreiben, Interviews führen und bei jeder Ausgabe den Titel zieren. Folglich dürfte der Focus bald als Ulrich mit Reitz auf dem Cover erscheinen; in alter Focus-Tradition ist er vermutlich nackt. Für solche Aussichten räumt man doch gern den Chefsessel.

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12:23 10.08.2016

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