Chefsprecher*innen

A–Z Jan Hofer hat am Montag zum letzten Mal die „Tagesschau“ moderiert, seine neutrale, aber unterhaltsame Art machte ihn zur Institution. Unser Lexikon der Woche
Chefsprecher*innen

Foto: Peter Bischoff/Getty Images

A

Anchorman Der Ankermann ist das seriöse Gesicht eines Senders. Darum wird nie ein Comedian (➝ RTL Samstag Nacht)oder Schlagermoderator auserkoren, sondern meist der Hauptnachrichtensprecher. Der im englischsprachigen Raum gebräuchliche Begriff fand hierzulande zuerst im Privatfernsehen Anklang. So wurde Peter Kloeppel (➝ Nebenverdienst), der seit 1992 Hauptmoderator von RTL aktuell ist, 1993 beim Fernsehpreis des New York Festivals als „Best News Anchor“ ausgezeichnet. Nach und nach bürgerte sich Anchorman auch für die Hauptsprechenden öffentlich-rechtlicher Nachrichten ein. Jens Riewa (➝ Liebe), Claus Kleber (ZDF) oder Robert Burdy (MDR) werden so genannt. Im Englischen existiert auch die Anchorwoman. Nur fehlt es im deutschen Fernsehen an realen Beispielen für diese. Das liegt weniger an mangelnden Sprecherinnen, eher an der Besetzungspolitik. Tobias Prüwer

E

Erste Wenn überhaupt auf dem Bildschirm, dann nur in der Unterhaltung. So dachte man in den 1960er Jahren, als Cornelia Froboess vom Wannsee trällerte oder die westdeutsche Italiensehnsucht beschwor. Politik? Männersache! Das galt im ersten westdeutschen Fernsehen, dem TV-Monopolisten, sogar bis 1976. Dann kam die Erste im Ersten, Dagmar Berghoff. Am 16. Juni durfte sie zur Mittagszeit erstmals die Katastrophen der Welt vermelden, misstrauisch beäugt von ihren Sprecherkollegen, die fürchteten, sie könne angesichts des Weltleidens in Tränen ausbrechen. Pustekuchen, ganz cool trug sie vor und wurde schnell ins abendliche Wohnzimmer befördert. Allerdings war Berghoff das Schlusslicht sprechender Emanzipation. Anne-Rose Neumann hatte ihr schon 1963 den Rang abgelaufen, als sie in der Aktuellen Kamera (➝ Schlager) die Sicht jenseits der Mauer verlas, und auch Wibke Bruhns durfte fünf Jahre früher als Berghoff im ZDF beweisen, dass Frauen in Kältezonen des Politischen standhielten. Ulrike Baureithel

J

Jan Hofer Wenn Sie die Identität von jemandem feststellen wollen, dann prüfen Sie Namen und Geburtsdatum. Das könnte bei Jan Hofer schwierig sein, kursieren im Internet doch mehrere Namen und Geburtsdaten von ihm. Er selbst lächelt das servil weg, wenn er darauf angesprochen wird. Aber wer ist Jan Hofer? Seine Berufsbezeichnung stand bisher fest: Nachrichtensprecher der Tagesschau. Seit 1985 steht oder sitzt er vor einer mehr oder minder blauen Wand und ist das „Seriosum“ der linearen Fernsehlandschaft.

2004 wurde er zum Chefsprecher und ist damit die Stimme, die zu Beginn jeder Sendung aus dem Off begrüßt. Man könne nicht Diener zweier Herren sein, heißt es. Jan Hofer hat genau das geschafft. Er moderierte nebenher noch eine eher seichte Talkshow, saß in Rateteams von Fernsehshows oder machte Schlagzeilen mit seinem Privatleben (➝ Liebe). Beim Segen des Papstes las er Gläubiger statt Gläubige vom Blatt, einmal brach er on air zusammen. Er war immer Mensch. Am Montag sagte er ein letztes Mal: „Guten Abend meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau.“ 15 Minuten später streifte er seine ➝ Krawatte ab und verschwand von den Bildschirmen. Alles Gute, Jan Hofer! Jan C. Behmann

K

Krawatten Er existiert tatsächlich, der „Krawattenmann des Jahres“ – es ist eine Auszeichnung, die das Deutsche Krawatteninstitut seit 1965 an männliche Personen des öffentlichen Lebens vergibt, die mit Stil und Style Krawatte tragen. Kein Wunder, dass sich mehrere Nachrichtensprecher unter den Preisträgern befinden. Tagesschau-Kopf Wilhelm Wieben war 1983 der erste. Ulrich Wickert und Claus Kleber folgten. Die Wahl des „Krawattenmanns“ ist eine Werbemaßnahme der Modeindustrie, die einem vermeintlich angestaubten Modestück zu zeitgemäßerer Geltung verhelfen soll. Darum sind die Preisträger der letzten Jahre keine News-Menschen, sondern andere Prominente, wie Schauspieler Lars Eidinger und Jazz-Trompeter Till Brönner. Interessanterweise auch Fußballer Manuel Neuer, der seine Krawatte bisher perfekt unterm Trikot versteckt hat. Tobias Prüwer

L

Liebe Gern würde ich verkünden, dass der designierte Tagesschau-Chefsprecher Jens Riewa glücklich vergeben ist. Aber ich habe überall – also in der Gala– recherchiert und muss festhalten: Über Riewas Privatleben ist fast nichts bekannt. Das hat Gründe. 1998 klagte er, weil ein Buch behauptete, er sei schwul. Es folgte der Streisand-Effekt: „Weiß man nicht so ganz genau, ob ich hetero oder homo bin?“, fragte Jan Böhmermann 2017 Ingo Zamperoni, als es beim Ratespiel Wer bin ich? um Riewa ging. Der ➝ Anchorman der ARD lachte nur. Konstantin Nowotny

N

Nebenverdienst Newsanchor verdienen gut. Der seit wenigen Tagen Ex-Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer offenbarte jüngst, er bekomme für eine Sendung bis zu 260 Euro zusätzlich zum Festgehalt.ZDF-Ikone Claus Kleber verdient laut Süddeutscher Zeitung 600.000 Euro im Jahr, Kleber bestreitet das. Seine Kollegin Marietta Slomka soll knapp die Hälfte bekommen. Trotz guten Auskommens machen Newsanchor mit Nebenverdiensten Schlagzeilen: Judith Rakers eröffnete eine Mc-Donald’s-Filiale, Tom Buhrow bekam 20.000 Euro für einen Vortrag bei der Deutschen Bank. Ausgerechnet ein Mann der Privatsender, RTL-Anchor Peter Kloeppel, erklärte 2009, er verzichte auf Nebenjobs für Unternehmen, um unabhängig zu bleiben. Ben Mendelson

R

RTL Samstag Nacht „Karl Ranseier ist tot“: Es gab praktisch keine Ausgabe derSamstag-Nacht-News, in der diese Meldung samt Nachruf auf den „wohl erfolglosesten“ Mann in dieser oder jener Kategorie fehlte. Dieses Nachrichtenformat, Teil der sehr erfolgreichen Comedy-Sendung RTL Samstag Nacht (1993 – 1998), enthielt neben Neuigkeiten aus Politik, Wirtschaft und dem Gesellschaftsleben skurrile und absurde Meinungsumfragen mit Außenreporter Wigald Boning, die „Spocht“-News mit Olli Dittrich und Neuestes aus der Meteorologie mit Mirko Nontschew – eingeleitet mit den immer gleichen Sätzen: „Auch heute haben wir wieder: Wetter, Wetter, Wetter …“

Die Nachrichten wurden von Esther Schweins und Stefan Jürgens verlesen – anscheinend nach dem Vorbild der „Tagesschau“-Sprecher –, mit ernsten Gesichtern. In einer Folge sah man das Gegenteil von➝ Jan Hofer, sie konnten nach einer Meldung und ihrer Pointe nicht mehr an sich halten, das Publikum genauso wenig. Behrang Samsami

P

Parteiisch Womöglich hatte sie schlicht keine Lust mehr, neutral zu sein. Eva Herman, laut einer Emnid-Umfrage einmal die „beliebteste Moderatorin Deutschlands“ und Sprecherin der Tagesschau, schrieb 2006 einen Artikel im konservativen Magazin Cicero:„Zurück an den Herd!“ Darin nannte sie den Feminismus einen Irrweg und plädierte für die Rückkehr zu klassischen Geschlechterverhältnissen: Frauen sollten vor allem Mütter sein. Es folgte ein Buch namens Das Eva-Prinzip. Bei einem öffentlichen Auftritt warf sie Hitler und die 68er in einen Topf – und flog 2007 aus der „Tagesschau“. Johannes B. Kerner warf sie wegen abstruser Theorien in einer Folge seiner Talkshow aus dem Studio. Sie war erledigt. Seither kämpft Eva Herman gegen die „Lügenpresse“, „gleichgeschaltete Medien“, „sogenannte Flüchtlinge“. Sie avancierte zur Ikone von Verschwörungstheoretikern. Die 62-Jährige soll heute einem Spiegel-Bericht zufolge in den Aufbau einer Kolonie deutscher Rechtsextremisten in Kanada verwickelt sein. Man redet also noch von ihr. Maxi Leinkauf

S

Schlager Besser bekannt ist Klaus Heilbronner wohl als Lonnie. Der damalige RIAS-Journalist gehörte mit den Berlin Ramblers zu den Schwergewichten in der West-Berliner Country-Szene. Ihre Version von High On The Hilltop hat Fassbinder sogar als Leitmotiv für Die Sehnsucht der Veronika Voss eingesetzt.

1985 schuf Lonnie mit Angelika einen Meilenstein der politisch ambitionierten deutschsprachigen Country-Musik, hierzulande leider als Schlager bezeichnet. Von einem vorwärtstreibenden klassischen Country-Beat unterlegt, macht sich der Sänger in flüssigen Reimen Gedanken über Angelika Unterlauf, die bekannteste Sprecherin der Aktuellen Kamera – der DDR-Tagesschau. Er greift dabei auf den selten benutzen Topos des fragenden lyrischen Ichs zurück. Angesichts der politischen Verwerfungen jener Zeit sind Lonnies Fragen natürlich aufgeladen und ein schönes Beispiel von „Soft Power“ im späten Kalten Krieg. „Liebst du Rosen, trinkst du Wein/und trägst du gerne echte Jeans?//Hörst du manchmal ganz allein/im RIAS Rock und Evergreens?“, fängt es noch unverfänglich an. Die Sprecherin erscheint dem Sänger „zum Greifen nah und doch (…) so fern“ womit geschickt auf Reisebeschränkungen angespielt wird. Und Lonnie will von Angelika wissen, ob „Plaste und Elaste euch das Leben wirklich leicht“ machen. Der Reigen mündet schließlich in die Frage: „Glaubst du, wenn du „Freiheit“ sagst, dass wir dann dasselbe meinen?“ Klingt ziemlich aktuell. Marc Ottiker

T

Tränen Der 21. Oktober 1984 war ein schwarzer Tag für Frankreich. Mit dem frühen Tod François Truffauts verlor das Kino einen seiner Protagonisten; mit 52 Jahren weit vor seiner Zeit. Eine Ahnung davon, wie schwer das Land erschüttert war, geben die Tränen der Nachrichtensprecherin, die am Abend der Fernsehnation die Todesmeldung überbringen musste. Ich habe den Clip in den 90ern in einem Seminar in der DFFB angeschaut. Was wirkt daran heute so nostalgisch? Im Grunde könnten Sprecher (ja, auch Männer) täglich in Tränen ausbrechen, wenn sie die News verlesen. Es gibt Schlimmeres als den Tod eines Cineasten. Die Episode zeigt aber, dass es einmal eine Zeit gegeben haben muss, in der das Kino eine Sprache gesprochen hat, die fast alle Zuschauer verstanden haben, ohne in der Gleichgültigkeit eines „Massengeschmacks“ zu nivellieren. Truffauts Kino lädt dazu ein, die eigene Gefühlswelt zu erkunden. Die Tränen jener Sprecherin sind so aufrichtig und integer wie die Kunst des Beweinten. Marc Ottiker

Z

Zeitsprung In Die Nachrichten (2002) erzählt der Journalist Alexander Osang von Jan Landers, 34, Tagesschau-Sprecher in Hamburg. Konturlos, einer, der immer alles richtig machen will. Aufgewachsen in Ostberlin hat er im Westen Karriere gemacht – vom Wetterfrosch eines Lokalsenders zum Sprecher der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes. Aber er ist nie richtig im Westen angekommen. Als sich das Gerücht verbreitet, er habe als „IM“ mit der Stasi zusammengearbeitet, kann er sich an nichts erinnern. Die Karriere knickt. Osang hat zehn Tage lang in der Tagesschau-Redaktion recherchiert, mit den Sprechern geredet. 2005 hat Matti Geschonneck den Roman mit Jan Josef Liefers kongenial verfilmt. Maxi Leinkauf

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06:00 17.12.2020

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