China kriegt euch alle

Weltwirtschaft Türkei, Argentinien, Sambia: Wegen der US-Zinswende droht diversen Schwellenländern ein massives Verschuldungsproblem
China kriegt euch alle
Kurssturz in Buenos Aires. Mehr als 24 Peso kostet ein Dollar

Foto: Eitan Abramovich/AFP/Getty Images

Die türkische Lira sinkt auf Rekordtief. Argentinien braucht Notkredite des IWF, ebenso Sambia, dessen Anleihen abstürzen. Kapital flieht aus Indonesien, die Währungen Indiens, Brasiliens und Südafrikas tauchen ab. Auf der einen Seite sehen die Kommentatoren hier lauter „hausgemachte Probleme“, da die Regierungen schlicht zu viele Schulden gemacht hätten. Auf der anderen Seite weiß jeder: Der Grund der Krisen ist ein systemischer. Ihr Ausgangspunkt liegt in den USA. Von dort breitet sich etwas aus, was die Ökonomen „globale Zinswende“ nennen – ein groß angelegter Test darauf, welche Schuldner auf der Welt künftig höhere Rendite-Anforderungen des Finanzkapitals aushalten können und welche nicht. Der Test entscheidet darüber, wo die anstehende globale Entwertung stattfinden wird.

Derzeit endet eine Ära, von der die einschlägigen Experten sagen, sie sei bislang einzigartig: die Ära des „leichten Geldes“, in der Verschuldung so billig war wie nie zuvor. Geboren wurde diese Ära in der globalen Finanzkrise ab 2008. Die Regierungen der Industriestaaten retteten ihre Geldinstitute vor dem Untergang, indem sie Billionen aufwendeten. Ergebnis waren drastisch steigende Staatsschulden. Gleichzeitig senkten ihre Zentralbanken die Zinsen schrittweise auf null Prozent und kauften für tausende Milliarden staatliche wie private Schuldscheine auf. Im Kern handelte es sich um eine gigantische Staatsgarantie für private Kreditrisiken.

Die niedrigen Zinsen ermöglichten erstens den hoch verschuldeten Unternehmen und Staaten in den USA, Europa und Japan das Überleben. So ist zum Beispiel die Staatsschuld Italiens seit Ende 2008 von 1.700 auf 2.200 Milliarden Euro gestiegen. Da sich aber gleichzeitig der Zins halbierte, ist die Schuldenlast heute leichter tragbar.

Für Finanzanleger und Sparer bedeutete das Zinstief allerdings niedrigere Erträge auf ihr angelegtes Kapital. Das forcierte eine globale „Jagd auf Rendite“, die Milliarden in die so genannten Schwellenländer spülte, wo höhere Zinsen lockten. Seit Anfang 2016 flossen 1.500 Milliarden Dollar in neu ausgegebene Schuldscheine der Schwellenländer. Dank der Kapitalzuflüsse verteuerten sich die Aktienmärkte der Emerging Markets um 8.000 Milliarden Dollar.

So ist der globale Schuldenberg laut IWF auf das Rekordhoch von 164 Billionen Dollar angewachsen. Diese 164 Billionen repräsentieren Ansprüche auf Verzinsung und entsprechen 225 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Die Schulden in den Industriestaaten haben mit durchschnittlich 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ein Niveau erreicht, „das wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen haben“, so der IWF. In den Schwellenländern sei der Schuldenstand so hoch wie zuletzt zur Schuldenkrise der 1980er Jahre. „Das ist ein Grund zur Sorge“, mahnt der Währungsfonds. Denn „Länder mit erhöhtem Schuldenstand sind anfällig im Falle plötzlicher Verschärfung der globalen Finanzierungskonditionen.“ Genau die findet nun statt.

Amerika wieder groß machen

Zwar sieht es so aus, als ginge das Beben von fragilen Ländern wie Argentinien oder der Türkei aus, denen unsolide Schuldenpolitik vorgeworfen wird. Tatsächlich aber liegt sein Ursprung in Washington. Da die US-Konjunktur und die Geschäfte der Unternehmen seit Jahren gut laufen, ist das Zinsniveau dort schrittweise gestiegen. Die Zentralbank hat diese Woche abermals die Leitzinsen erhöht.

Hinzu kommt nun die Offensive der US-Regierung: Um „Amerika“ wieder „groß“ zu machen, hat sie eine massive Steuersenkung beschlossen. Dazu kommen Hunderte von Milliarden neuer Ausgaben, besonders zur Stärkung des Militärs. Beides zusammen bedeutet: neue Schulden. In den nächsten fünf Jahren beläuft sich das Defizit des Staatshaushalts auf rund 6.000 Milliarden Dollar, bis 2028 werden es nach bisherigen Projektionen 13.200 Milliarden sein. Die will sich Washington auf den internationalen Finanzmärkten leihen.

Damit verschärft die US-Regierung die globale Konkurrenz um Kredit, also um das Geld der internationalen Anleger. Der Zins für zehnjährige Staatsanleihen (Treasuries) ist Richtung drei Prozent geklettert, was Geld in die USA fließen lässt. Drei Prozent Rendite – das ist der Maßstab, an dem sich alle anderen Schuldner der Welt messen müssen. Denn US-Staatsanleihen sind Schuldscheine der Weltmacht Nr.1, begeben im Weltgeld Nr.1, dem Dollar. Wer weniger kreditwürdig ist als die USA, muss Anlegern mehr Zins bieten.

Mit steigenden Zinsen wird das Finanzkapital also anspruchsvoller, was die Rendite angeht. Und daraus erwächst die Anforderung an sämtliche Unternehmen und Staaten weltweit, rentabler zu werden. Das wird sogar die Währungsweltmacht Nr.2 treffen, die Euro-Zone. Selbst deutsche Bundesanleihen „werden sich von einem weiteren Anstieg der Treasury-Renditen immer weniger abkoppeln können“, so Markus Koch, Analyst der Commerzbank. Um einiges härter trifft es die als riskanter eingestuften Schwellenländer Lateinamerikas, Asiens und Afrikas. Allein im nächsten Jahr müssen dort Kredite über 250 Milliarden Dollar zurückgezahlt oder verlängert werden. „Schwellenländer mit geringem Einkommen werden große Schwierigkeiten bekommen, ihre Schulden zu bedienen“, sagte US-Ökonomin Carmen Reinhart auf Bloomberg. „Subsahara-Afrika steckt tief in der Klemme.“

An den Finanzmärkten findet daher eine Neubewertung der Kreditwürdigkeit der Staaten statt. Dabei werden als erstes „die schwächsten Glieder ausgewählt“, so Nick Kounis von der Bank ABN Amro. Dazu gehören Pakistan und Ägypten, aber auch Argentinien. Um die benötigten Kredite zu bekommen, müssen die Schwellenländer den Anlegern mehr bieten. Und damit liegt die Frage auf dem Tisch, ob sie sich das überhaupt leisten können. Im Falle Argentiniens beantworteten die Märkte diese Frage mit „Nein“, selbst als das Land den Anlegern einen Zins von 40 Prozent bot. „Präsident Macri musste erfahren, dass internationales Kapital so schnell ins Land hinein- wie hinausfließt“, schreibt der britische Guardian.

Unter Feuer ist auch die Türkei, deren Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan den Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre durch ausländische Kapitalzuflüsse finanzierte. Nun aber steigt der Dollar, die Landeswährung Lira fällt. Das macht Importe für die Türkei teurer und treibt damit die ohnehin schon zweistellige Inflationsrate in die Höhe, was die Türken wiederum ärmer macht. Um die Lira aufzuwerten und das Kapital im Land zu halten, muss die Türkei die Zinsen drastisch erhöhen. Das jedoch schwächt die heimische Wirtschaft. „Hohe Zinsen sind die Mutter allen Übels“, schimpfte Erdoğan Mitte Mai.

Nicht nur die Zinslast wächst. Zudem macht der steigende Dollar es für die Unternehmen in der Türkei teurer, ihre auf Dollar lautenden Schuldentitel in Höhe von 340 Milliarden zu bedienen – denn pro Dollar müssen sie mehr in eigener Währung aufwenden. Dieses Problem teilt das Land am Bosporus mit vielen Schwellenländern, deren auf Dollar lautende Schulden Ende 2017 insgesamt 8.300 Milliarden Dollar betrugen.

So verschärft sich die globale Konkurrenz um Kredit, in der die Länder – in ihrer Funktion als Geldanlage – gegeneinander antreten. Die Investoren prüfen alle Staaten und ihr Inventar darauf, ob sie eine zuverlässige und lukrative Quelle von Rendite sind. In dieser Situation zeigen sich die Machtverhältnisse auf dem Globus: „Das Schicksal der Schwellenländer liegt in den Händen der großen Zentralbanken“, schreibt Daniel Moss auf Bloomberg. „So viel zum angeblichen Niedergang des Westens.“ Ganz so eindeutig ist die Lage allerdings nicht. Denn auf dem Weltschuldenmarkt ist eine neue Macht aufgetreten: China. Wenn sich Schwellenländer Millionen Dollar leihen wollten, mussten sie früher an die internationalen – und das heißt: amerikanischen – Finanzmärkte gehen. Heute gibt es eine Alternative. „Viele afrikanische und nahöstliche Staaten sind stark bei China verschuldet“, so US-Ökonomin Reinhart. Hier herrschten „undurchsichtige Verhältnisse“.

Internationale Beobachter fragten sich, ob China einigen Ländern bereits Schulden erlassen habe. Niemand weiß es. Klar ist aber: Chinesische Gläubiger sind weniger unerbittlich als die globalen Märkte. „Einen chinesischen Gläubiger zu haben, bedeutet ein anderes Risiko-Profil“, so Nigel Pridmore von der Kanzlei Ashurst in Hongkong, „die agieren nicht wie westliche Vermögensverwalter.“ So untergräbt Peking die Kreditmacht des Westens.

06:00 15.06.2018

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