China wächst trotz Corona

Wirtschaft Die Volksrepublik kompensiert zum Jahresende den Absturz vom Frühjahr. Woran liegt das?
China wächst trotz Corona
Diszipliniert durch die Pandemie – das tut auch der Wirtschaft gut

Foto: Nicolas Asfour/AFP/Getty Images

Alle reden vom absehbaren Ende der Pandemie, alle hoffen auf einen möglichst steilen Verlauf des Wiederaufschwungs, der nach der Krise kommen muss. Was sonst wäre ideal? Im Ökonomen-Jargon wird das „V-Kurve“ genannt. Nun sieht es so aus, als könne die Volksrepublik China vorlegen und schneller als andere Nationen in einen Modus des Wachstums zurückkehren. Für die Chinesen ist das nicht nur wegen der ökonomischen Kennziffern beruhigend. Sie genießen heute schon wieder ein Leben, das an die Normalität vor der Corona-Krise erinnert. Es wird gefeiert, gereist, in Metropolen Hotels, Restaurants und Bars ein Besuch abgestattet. Das gilt selbst für die Millionenstadt Wuhan, in der noch vor einigen Monaten das Leben abhandengekommen schien.

China hat als erste Großmacht den Absturz seiner Ökonomie während der Monate eines strikten Lockdowns durch ein beschleunigtes Wachstum kompensiert. Mehr als das, in erstaunlich kurzer Zeit ist diese Volkswirtschaft zurück auf dem Wachstumspfad. Im ersten Quartal hatte das Staatliche Amt für Statistik einen Rückgang von 6,8 Prozent bilanziert – der erste seit 1992. Wer sich nach diesem Einbruch die Zahlen im Oktober vergegenwärtigt, der kann nur staunen. Die Industrieproduktion stieg um 6,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die Einzelhandelsumsätze wuchsen um 4,3 Prozent. Sie sind nun drei Monate hintereinander im Plus, freilich weniger als erwartet, doch dürfte sich das in der kommenden Zeit ändern.

Die Weltwirtschaft schrumpft

Die Anlageinvestitionen verzeichnen ebenfalls einen Zuwachs, 1,8 Prozent für die ersten zehn Monate, vor allem im primären Sektor, im Bergbau und in der Landwirtschaft, dazu in allen Hightech-Branchen. Diese Wachstumsraten zeigen die deutlich ausgeprägte V-Kurve. Auch die Ausfuhren haben zugelegt, und das weit mehr als erwartet bei einem Plus von 13,2 Prozent, verglichen mit dem Vorjahr. Da die Importe zuletzt deutlich schwächer zunahmen – im Oktober um 4,7 Prozent –, steigt der chinesische Außenhandelsüberschuss entgegen den Planungen weiter an. Dafür offenbart ein anderer Indikator, dass Chinas Industriepolitik anschlägt. Bereits im dritten Quartal dieses Jahres hat das Land durch ein um 4,9 Prozent gewachsenes Bruttoinlandsprodukt (BIP) den Wirtschaftseinbruch vom Frühjahr ausgeglichen. Dies fällt umso mehr ins Gewicht, als nach den jüngsten Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) die gesamte Weltwirtschaft 2020 um beachtliche 4,4 Prozent schrumpft. China sorgt für die signifikante Ausnahme und kann als einziger Staat der G20-Gruppe damit rechnen, dass dieses fürchterliche Jahr mit einem Zuwachs zu Ende geht. Umstritten ist nur, wie hoch der letzten Endes sein wird. Schätzungen reichen von 1,9 Prozent (IWF) über 2,0 Prozent (Weltbank) bis zu 2,1 Prozent, wie sie die Schweizer Großbank UBS prognostiziert hat.

Für das kommende Jahr werden wieder gewohnt hohe Wachstumsraten erwartet, ob mit oder ohne statistische Tricks. 2021 feiert die regierende KP Chinas ihren 100. Geburtstag und dürfte auf eine glänzende Bilanz bedacht sein. Die Partei war Ende Juli 1921 von sechs (oder sieben) Genossen und dem Vertreter der Kommunistischen Internationale (KI) in Schanghai gegründet worden. Erwartungen, dieses Jubiläum erfolgreich zu begehen, bedient nicht zuletzt der IWF, der für das kommende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 8,2 Prozent rechnet.

Chinas Partner

Freihandel In Asien ist fortan für einen weitgehend störungsfreien Warenaustausch der Volksrepublik China gesorgt. Der am 15. November geschlossene Freihandelspakt mit den zehn ASEAN-Staaten, dazu Japan, Australien, Südkorea und Neuseeland, garantiert regionalen Handel mit gesenkten Zöllen und verifizierbaren Standards. Das als Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) bezeichnete Abkommen regelt neben dem Warenverkehr den Transfer von Dienstleistungen, die Vergabe von Investitionen, Fragen von Telekommunikation und Urheberrechten. Im davon erfassten Wirtschaftsraum leben 2,2 Milliarden Menschen, die für ein Drittel des globalen Bruttosozialproduktes und 29 Prozent des Welthandels aufkommen. Nach acht Jahren intensiver Verhandlungen hat dieses Übereinkommen allein deshalb eine große strategische Bedeutung, weil es China im Handelskonflikt mit den USA stärkt.

Wie war es möglich, dass sich diese Volkswirtschaft so rasch und so gründlich erholt hat? Warum schaffen es die Chinesen weitgehend allein, eine V-Kurve hinzulegen? Es gibt dafür eine Reihe von Gründen. Die Regierung hat dank drastischer Maßnahmen die Pandemie rasch unter Kontrolle gebracht. Ein Hin und Her, wie es sich im chaotischen Wirrwarr der Regeln und in den konzeptionellen Defiziten in Europa niederschlägt, wurde vermieden. Die Bevölkerung, die von der Pandemie im Januar/Februar mitten in der wichtigsten Ferien- und Reisezeit des Jahres heimgesucht wurde, hat sich extrem diszipliniert verhalten. Und das, obwohl das Quarantäne-Regime hart war, sehr viel härter als alles, was bisher in Spanien, Frankreich, Österreich oder auch Deutschland verfügt wurde.

Chinas V-Kurve ist außerdem das Resultat einer Wirtschaftspolitik, die anders als noch vor zehn Jahren direkt auf die Förderung der Binnenwirtschaft und die Restrukturierung der eigenen Industrie abzielt. Längst haben die Wirtschaftsplaner eine Abkehr von Exportorientierung und Billigproduktion für den nordamerikanischen und EU-Markt befürwortet und fanden Gehör. Worauf man sich besann, das war die Produktion von hochwertigen Hightech-Produkten für den nationalen Markt.

Mit dem vorherigen wie dem jetzt anlaufenden Fünfjahrplan bis 2025 wurde die Befreiung von Exportfesseln vorangetrieben. Der Wirtschaftskrieg von Donald Trump wirkte als zusätzlicher Katalysator. Mittlerweile wollen die Chinesen ihre Chips selbst produzieren, statt sie aus den USA einzuführen, und bauen im landesüblichen rasanten Tempo geeignete Produktionsanlagen auf.

Um Handel mit zuverlässigen Partnern zu treiben, bietet sich einmal mehr der asiatisch-pazifische Raum an. Mit dem gerade abgeschlossenen Freihandelsabkommen RCEP (siehe Kasten) verfügt China nun über die erwünschte, langfristig tragfähige Basis. Maßgeblicher Effekt des Agreements wird sein, dass sich die Liefer- und Wertschöpfungsketten verkürzen. China, längst kein Dumping-Produzent mehr, kann vieles in Nachbarländer verlagern oder hat das schon getan. Nicht zu vergessen ist bei alldem die Initiative der Neuen Seidenstraße „One Belt, One Road“, die über Asien hinaus den Nahen und Mittleren Osten sowie Europa, aber nicht die Vereinigten Staaten erreichen soll.

Die Plankommission, die Zentralbank wie auch das Finanzministerium in Peking haben enorme Devisenbestände aufgerufen, um dieser Strategie gerecht zu werden. Es wird geklotzt, und das zielgenau. Was an Investitionen aufgebracht wird, geht hauptsächlich in die Schlüsselsektoren, weil China von Innovationen des Westens unabhängig werden will. Deshalb wird die eigene Forschungsbasis in sämtlichen Hightech-Sektoren ausgebaut, ebenso die Hochschulen und Universitäten. Pro Jahr verlassen im Augenblick mehr als 4,5 Millionen diplomierte beziehungsweise promovierte Ingenieure diese Bildungsstätten, darunter Massen von IT-Spezialisten.

Und Kapital fließt reichlich, denn China fährt eine Doppelstrategie. Die Integration der Kapitalmärkte im Land korrespondiert mit einer vorsichtigen Öffnung hin zu den internationalen Finanzmärkten. Neue Anleihen im Wert von einer Billion Yuan (etwa 125 Milliarden Euro) hat der chinesische Staat gerade auf den Märkten platziert. Das ruft in Erinnerung, dass China gegenüber dem Rest der Welt nach wie vor Nettogläubiger ist und seine Anleihen reißenden Absatz finden. Von damit finanzierten Krediten profitieren jetzt auch kleinere Unternehmen, die ihren Anteil daran haben, dass die Zahl der Haus- und Wohnungseigentümer im Lande wächst.

Dabei zahlt sich der Aufbau von Verkehrs-, Kommunikations- und Energieinfrastruktur erst jetzt richtig aus, sei es bei der Eisenbahn, bei Kabelnetzen oder Stromtrassen. Gefragt sind nicht länger billige, unqualifizierte Arbeitskräfte, im Gegenteil. Verfolgt wird eine Politik der Qualifizierung und der steigenden Löhne. Zum ersten Mal in der Geschichte der Volksrepublik gilt ein umfassendes Arbeitsrecht, um Arbeitskonflikte zu vermeiden beziehungsweise zu befrieden. Unter diesen Umständen hat sich die Zahl der Wanderarbeiter halbiert. Es wird mehr Wert auf steigende Arbeitsproduktivität statt auf billige Massenarbeit gelegt. Mit einem Wort: China wird produktiver, reicher, innovativer, grüner. Noch einmal der IWF: Nach dem World Economic Outlook 2020 habe die Volksrepublik die USA bereits abgehängt, sie sei nicht länger Nr. 2 der Weltwirtschaft.

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06:00 22.11.2020

Ausgabe 48/2020

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