Chinas wilder Westen

Terrorgefahr bei Olympia Uighurische Unabhängigkeitskämpfer passen ins Täterprofil

Mit einem Ruck setzt Geschäftsmann Mohammed Ahmed* eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Er hockt vor seiner Haustür in der Noerbuxi-Altstadt von Kashgar. Zwei Militärpolizisten in grünen Tarnanzügen patrouillieren die Gasse entlang. Ihr Blick streift Ahmed, als sie vorbei laufen. Erst seit einer Stunde ist die Ausgangssperre für die rund 300.000 Bewohner der Stadt wieder aufgehoben. Bevor die olympische Fackel am 5. August in Peking eintrifft, hat sie Kashgar im Süden der autonomen Region Xinjiang und damit einen Unruheherd im Westen Chinas passiert. Neun von zehn Einwohner hier sind Uighuren und gehören zur größten muslimischen Minderheit in der Volksrepublik.

Da das Ereignis keinen Anlass bieten sollte, den Aufstand zu proben, mussten Laden- und Restaurantbesitzer am Tag des Fackellaufs pausieren. Geschlossen blieb mit der Id Kah Moschee auch die größte islamische Gebetsstätte Chinas. Jeden Uighuren ohne Ausweis habe man erst einmal abgeführt, erzählt Ahmed. Außerdem hätten die Behörden Imame in die Moscheen geschleust, die politisch geschult waren, aber nichts vom Islam verstanden. "Nach den Protesten in Lhasa sagten wir brav, dass Tibet ein Teil Chinas ist", erzählt Achmed, "aber im Herzen wissen wir, dass Tibet genau wie Xinjiang eigene Staaten sind." "Ostturkistan" umfasse aus Sicht der uighurischen Unabhängigkeitsaktivisten neben Xinjiang in Zentralasien auch andere Siedlungsräume der Turkvölker. Kulturell hätten die Chinesen dort nie eine Rolle gespielt.

Für jeden chinesischen Zentralstaat hingegen gilt Xinjiang spätestens seit der Qing-Dynastie (1644-1911) als unverzichtbar, also wird die Region im Juli 2008 zur Station beim olympischen Fackellauf und mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen bedacht. In der Provinzhauptstadt Urumqi dominiert das Blau der Militärpolizei. Obwohl hier - anders als in Kashgar - über 80 Prozent Chinesen wohnen. Motiviertes Spalier säumt die Fackeltrasse und skandiert: "Los geht´s, Olympia! Los geht´s, China!"

Seit morgens 6.30 Uhr bereits steht der Arzt Chen Xiaobing zusammen mit den Mitarbeitern des städtischen Hospitals an der Changjiang-Straße und wartet darauf, dass die Flamme vorbeischwebt. Als sich der Fackelträger samt Sicherheitskordon nähert, wird Chen munter. Er schwenkt ein riesiges Banner mit dem chinesischen Staatsrot, während sich seine Umgebung mit kleinen Fähnchen begnügt. Als der Tross vorüber ist, wirkt Chen erleichtert. Schön, dass die Stimmung so gut gewesen sei. "Hier in Xinjiang ist schon alles sehr strikt organisiert", fügt er fast entschuldigend hinzu, dreht sich um und tritt mit seinen Krankenschwestern einen geordneten Rückzug an.

Chinas Sorge vor der Unabhängigkeitsbewegung ist nicht unbegründet, einige Uighuren kämpfen mit Gewalt für ein islamistisches "Ostturkistan". Seit Anfang der neunziger Jahre erschüttern Bombenanschläge die Region. Wie chinesische Militärs, aber auch westliche Geheimdienste zu Protokoll geben, werden uighurische Aktivisten in pakistanischen und afghanischen Trainingscamps gesichtet. Ende 2006 nannte Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri China als mögliches Ziel von Anschlägen. Am 7. März 2008 wurden zwei mutmaßliche Selbstmordattentäter im Flugzeug von Urumqi nach Peking festgenommen. Für Interpol-Generalsekretär Ronald Noble sind terroristische Anschläge in China während der Olympischen Spiele eine "reale Möglichkeit", schließlich hätten das US- und britische Außenministerium für die Zeit der Wettkämpfe Reisewarnungen ausgegeben.

Exil-Uighuren werfen der Regierung in Peking vor, die Autonomiebewegung seit dem 11. September 2001 als terroristisch zu stigmatisieren. Nirgendwo werden in der Volksrepublik mehr Todesurteile vollstreckt als in Xinjiang, doch anders als den Tibetern fehlt den Uighuren eine populäre, international wahrgenommen Führungsfigur.

Der Bevölkerungsanteil der Uighuren in Xinjiang ist seit 1949 von einst 90 auf 40 Prozent gesunken, von unversöhnlichen Fronten zwischen tonangebenden Chinesen und unterdrückten Uighuren zu sprechen, wäre indes verfehlt. Der Jurist Abdir Isa wohnt einen Steinwurf vom Haus des Geschäftsmann Achmed entfernt zwischen der traditionell uighurischen Altstadt und dem futuristisch chinesischen Volksplatz von Kashgar. Isa - rosa Hemd, helle Leinenhose und schwarzgelockte Haare - steht zwischen den Welten und überbrückt sie scheinbar spielend. Bei einer Stadtführung zeigt er die Id Kah Moschee mit genauso viel Stolz wie die von Chinesen errichteten modernen Kaufhäuser. Er höre gern arabische Musik, liebe zugleich Kongfu-Romane und wolle bald Staatsanwalt werden, wenn er sein Chinesisch verbessert habe. Dass es dann nicht mehr opportun sein könnte, die Moschee zu besuchen, stört ihn nicht. "Im Herzen bleibe ich Muslim", lacht Isa.

Weshalb beim Fackellauf die Sicherheit derart im Vordergrund stehe, sei ihm ein Rätsel. Unabhängigkeitsaktivisten hin oder her, man könne nicht alle Uighuren über einen Kamm scheren. Da klingt Isa zum ersten Mal ein bisschen wie Mohammed Ahmed, der Unabhängigkeitskämpfer.

(*) Name geändert

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