Chinesisch Essen - schwer gemacht

Gepeitschte Gurken Von den Widrigkeiten des Restaurantbesuchs in China

Obwohl ich die abwechslungsreiche chinesische Küche liebe, muss ich mich jedes Mal überwinden, in China ein Restaurant zu betreten. Dies hat vielerlei Gründe. Meine Chinesischkenntnisse sind begrenzt, insbesondere die der Schriftzeichen. In einem normalen Restaurant ohne englische Speisekarte, also keinem Touristenlokal, suche ich in der üppigen Karte verzweifelt nach bekannten Wörtern. Ich fühle mich wieder in das Grundschulalter zurückversetzt, in dem ich erste hilflose Versuche machte, den Buchstabenblöcken ihr Geheimnis zu entlocken. Doch selbst, wenn ich mit Hilfe des Lexikons mühevoll die teilweise mehr als zwanzig Striche eines Schriftzeichens und schließlich den Namen eines Gerichts entziffert habe, bin ich leider oft noch keinen Schritt weiter gekommen. "Lao Hu Dou - Zwischen Drache und Tiger" oder "Yi Shang Shu - Ameisen klettern auf einen Baum" steht da geschrieben. Ich kann und will mir nicht vorstellen, was ich als Mischung von Drache und Tiger wohl serviert bekomme. Und auch Ameisen will ich trotz ihres hohen Proteingehalts keinesfalls essen.

In China muss man bei Essensexperimenten mit dem Außergewöhnlichsten rechnen, denn alles Lebendige gilt als essbar. Der Grund dafür, dass die Chinesen auch Hunde, Schildkröten, Heuschrecken oder sonstiges Getier essen, ist, so wird oftmals behauptet, dass sie mit nur fünf Prozent der bebaubaren Ackerfläche der Welt, rund 20 Prozent der Weltbevölkerung satt kriegen müssen. Kein Wunder also, dass auch Peking fast tierleer ist. Selten ertönt das klägliche Bellen einer der wenigen weißen Schoßhunde, die nur morgens und abends Gassi geführt werden dürfen. Es ist kaum ein Vogel am Himmel zu sehen. Nur aus den Bambuskäfigen, die in Peking vielerorts an Parkbäumen hängen, dringt Gezwitscher. Diese "Haustier-Singvöglein" werden von ihren meist älteren Herrchen auch gerne wild herumgeschaukelt. Man sagt, das gefällt den Vögeln, weil sie das Geschleuder ans Fliegen erinnert. Auch Grillen sind beliebte Haustiere. Mancher Taxifahrer lässt sich von ihrem Gezirpe die Arbeit versüßen. Dass es kaum freilebende Vögel in Peking gibt, fällt einem erst so richtig auf, wenn man überall auf den Essensmärkten mehrere kleine Spatzen aufgespießt auf dem Grill liegen sieht. Spätestens beim Anblick der aufgespießten gegrillten Kakerlaken ist man gewillt, das Argument mit der Lebensmittelknappheit doch irgendwie überzeugend zu finden. Dabei heißt es immer, im Norden Chinas werde konservativ gegessen, da möchte man gar nicht mehr wissen, was sich im Süden noch alles als genießbar erweist - Affenhirn und Adler wahrscheinlich.

Es ist nicht so sehr meine große Tierliebe, die mich immer wieder zögern lässt, Auge und Ohr essen ja auch mit. Wenn am Nachbartisch eine Mutter und ihr neunjähriger Sohn durchsichtige Plastikhandschuhe tragen, damit große blutige Knochen umfassen und mit dem Strohhalm das Knochenmark austrinken, hilft es nicht einmal wegzuschauen, das schmatzende Sauggeräusch schwingt einem den Rest der Mahlzeit in den Ohren.

Trotzdem, ich kann ja nicht immer nur typische "Ausländergerichte" essen wie Schwein süßsauer, überwinde meinen Widerstand und bestelle "Ameisen klettern auf einen Baum". Mit viel Phantasie sehe ich in dem runden Berg auf dem Teller einen Ameisenhaufen. Doch von einen Baum und glücklicherweise auch von Ameisen keine Spur, statt dessen sehe ich lecker duftende gebratene Glasnudeln mit kleingehacktem Schweinefleisch. Vielleicht sollen die kleinen Schweinefleischfetzen die Ameisen symbolisieren, wer weiß. Mit frischem Ingwer und Frühlingszwiebeln gekocht, ist das Ganze ein Gaumenschmaus. Doch bevor ich dazu komme die südchinesische Spezialität "Zwischen Drachen und Tiger" ebenfalls auszuprobieren - erfahre ich, dass es sich um eine Suppe mit Schlangen- und Katzenfleisch handelt und verzichte doch lieber.

Für das erfolgreiche Bestellen im Restaurant in China muss man also die phantasievollen Lautkombinationen der Gerichte im Kopf behalten. Natürlich nur solche, die sich bewährt haben. Als Faustregel gilt: je ausgefallener der Name, desto größer die Wahrscheinlichkeit, in europäischen Chinarestaurants nie gesehene Delikatessen auf dem Teller vorzufinden. Immerhin lassen weniger ausgefallene Namen, wie "Pai Guang Hua - gepeitschte Gurken" zumindest ungefähr erahnen, was serviert wird. Eben flach geklopfte Gurkenstückchen, die mit Knoblauchsoße kalt als Vorspeise serviert werden.

Das chinesische Speisenangebot, das bei Einladungen aufgetischt wird, ist immer überreichlich. Wenn nicht Mengen übrig bleiben, war der Gastgeber zu geizig. Und wer gar Reis bestellt, will seine Gäste nur billig abfüllen. Ich lasse vom Tofu ab und fülle mir den Bauch mit leckeren gedämpften Teigtaschen und gebratenem Rinderfleisch mit Paprika. Die Rinderseuche hat zwar Asien erreicht, aber ein Glück ist China bisher verschont geblieben.

Leichter ist es, wenn man in den Garküchen am Straßenrand isst oder den kleinen Imbissräumen. Die Essensauswahl ist beschränkt. An den Wänden hängt auf bunten Zetteln oder Plastikschildern das Angebot, aber man kann auch einfach auf die Teller auf den Nachbartischen oder direkt in die Töpfe schauen. Das Beschauen fremder Teller ist keineswegs unhöflich. Besonders genau beäugt wird, was die Ausländer da bestellt haben. Doch in solcherlei Orten einzukehren, erfordert eine andere Form der Überwindung. Um auf den kleinen Holz- oder Plastikschemeln einer Garküche Platz zu nehmen, muss ich über die Spuckflecken, Plastikfetzen, Essensreste, benutzten Stäbchen und Zahnstocher auf dem Boden hinwegsehen, die klebrigen Tische nicht berühren und am besten meinen Blick nicht auf die Finger der Köche richten. Es gilt, meine anerzogenen Hygienevorstellungen kurzzeitig zu vergessen. Der Hunger treibt mich, ich schiebe den Plastikvorhang am Eingang einer kleinen Imbissstube zur Seite und trete ein. Das weiße Neonlicht wird von der glänzend hellgrünen Wänden reflektiert. Dicht an dicht stehen die kleinen von Hockern und Holzbänkchen umgebenen Plastiktische. Die Frau am Nachbartisch führt ihr Schälchen an den Mund und schiebt mit den Stäbchen ihr Essen wie ein Schaufelbagger in sich hinein. Zum Schlucken nimmt sie sich kaum Zeit. Kein Wunder, dass Fast-Food-Ketten wie McDonalds und Kentucky Fried Chicken bei den Chinesen so beliebt sind.

Ich stehe unter ständiger Beobachtung, es wird leise oder auch laut kommentiert, was ich bestelle, debattiert, woher ich wohl komme. Die Ausländerin dies, die Ausländerin das, höre ich von überall um mich herum. "Oh, die Ausländerin spricht ja etwas unsere Sprache. Die Ausländerin kann ja mit Stäbchen essen". Ich mache es mir leicht und bestelle die gebratenen Nudeln mit Gemüse, die ein junger Mann am Tisch hinter mir mit Genuss verspeist. Das Essen schmeckt mir und kostet mich mit einer Cola gerade einmal sieben Yuan, rund zwei Mark. Stunden später habe ich allerdings das Nachsehen: Mein Mund verwandelt sich in eine Wüste. Die Nudeln müssen reichlich mit dem kulinarischen Allzweckmittel der Chinesen, dem Geschmacksverstärker Glutamat gewürzt worden sein. Noch beim Einschlafen fühle ich mich wie verdurstet, obwohl ich schon literweise Wasser getrunken habe.

Worunter ich wirklich leide, ist das Frühstück. Während ich den Rest des Tages freudig chinesisch esse, ist mein leerer Magen höchst unwillig, wenn es darum geht, den Tag chinesisch zu beginnen. Das zeigte sich auch, als ich auf einer Reise nach Xian in einem wenig von Touristen besuchten Hotel abstieg. Ich erhielt ein blaues Pappestückchen als Gutschein für das morgendliche Frühstück. Wider besseren Wissens ließ ich mich dazu hinreißen, abends in (bescheidenen) Phantasien über das morgendliche Angebot zu schwelgen: Kaffee und schwarzer Tee, vielleicht Orangensaft und dann natürlich Toast, Marmelade, Honig, mehr wagte ich mir nicht zu wünschen. Frühaufstehen gilt in China als hohe Tugend und so stellte ich mir den Wecker, um ja nicht das nur bis 8 Uhr 30 geltende Frühstücksangebot zu verpassen.

Das morgendliche Büfett war auf einem kleinen silbernen Servierwagen untergebracht. Auf meine Frage nach den Getränken wurden drei Deckel angehoben - die Auswahl bestand aus heißem hellgrauen Reiswasser, Milchschleim und fettiger Brühe mit Gemüsebrocken. Nur mit Überredungskünsten und dem Verweis auf die anderen Frühstückssitten in meiner Heimat konnte ich erst heißes Wasser und dann auch noch einige Brösel grünen Tees erhalten. Auch mein Toastwunsch blieb unerfüllt, das Angebot bestand aus in Essig eingelegtem kalten Gemüse, einer Art Kuchen, fetttriefenden bräunlichen Kugeln und weißen Teigbällchen. Innerlich wünschte ich mir nichts mehr als ein kontinentales Frühstück und schämte mich gleichzeitig für meinen Globalisierungswunsch. Also versuchte ich, mit den kalten weißen Hefeklößchen, die eher zum Ballspielen denn zum Verspeisen einluden, und dem Kuchenteilchen Freundschaft zu schließen. Der Kuchen schmeckte tatsächlich so ähnlich wie Sandkuchen, ein wenig süßlich und staubtrocken. Von der Sorte, die Zuhause bei einem Kaffeeklatsch als letzte die sonst leeren Teller zieren. Das geschmacklose Bällchen hingegen schien in meinem Mund zu wachsen und ich versuchte es mit dem Tee herunterzuspülen. Leider war das Teewasser wohl nicht mehr heiß genug gewesen, so dass die Teebrösel an der Oberfläche schwammen. Schon sehr "sinisiert" spuckte ich ohne Scham die dunklen Bröckchen, die sich bei jedem Schluck in meinem Mund sammelten, auf den Tisch. Meine chinesischen Frühstücksversuche gab ich danach endgültig auf, da auch die sonst überall dargebotenen Nudelsuppen, frittierten Zöpfe und Teigtäschchen meinen Appetit nicht anzuregen vermochten. Ein morgendlicher Magen weiß genau, wo die kulinarische Heimat anfängt und wo sie aufhört.

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00:00 04.01.2002

Ausgabe 38/2020

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