Chor der Chinesinnen

Trilogie Der zweite Teil von Miguel Gomes’ Erzählprojekt im krisenhaften Portugal
Stefanie Diekmann | Ausgabe 32/2016

Der zweite Teil ist im Allgemeinen der, in dem eine Erzählung fortgesetzt wird. In Der Verzweifelte, Teil 2 des Projekts 1001 Nacht von Miguel Gomes (Teil 1: Freitag 30/2016), ist das etwas anders. Aber das liegt nur daran, dass die Geschichten, die zu erzählen wären, alle schon bereitliegen. Verknüpft, wie in der Episode über „Die Tränen der Richterin“, oder nebeneinandergelagert, wie in der Episode, die sich um „Die Besitzer von Dixie“und ihre Nachbarn dreht. Fortsetzung ist unter dergleichen Bedingungen kein Thema mehr, viel weniger noch ein Problem. Eher geht es darum, wie das Erzählen denn begrenzt oder zu Ende geführt werden könnte, wenn die Welt voller Geschichten ist und jede einzelne von ihnen so unweigerlich zu einer anderen führt, dass man darüber in Verzweiflung geraten muss wie die Richterin, die irgendwann den Kopf auf den Tisch legt und zu heulen beginnt.

„Der Fall ist einfach“, hat sie zuvor noch gesagt. Aber das ist der Fall eben nicht, ebenso wenig wie das dazugehörige Urteil, das nicht gesprochen werden kann, solange noch jemand das Wort ergreift, sich erklärt oder verteidigt, eine Anekdote beiträgt oder eine Information, die wieder die Form einer Anekdote annimmt, auf die dann eine weitere folgt – bis nicht mehr zu übersehen ist, dass in dieser Verhandlung wirklich alles mit allem zu tun hat. Wie im ersten Teil, Der Ruhelose, ist die Wucherung der Erzählung und der Erzählinstanzen dadurch markiert, dass schlichtweg nichts existiert, was nicht die Stimme erheben könnte. Es sprechen: die Angeklagten und die Kläger, eine Kuh und ein Olivenbaum, ein Geist, der böse sein könnte, vielleicht aber auch gut, eine Taubstumme, ein Chor von Chinesinnen, vier Einbrecher mit geschnitzten Masken, ein Anwalt, ein Schuldiger, der Vater des Schuldigen und viele mehr.

Die Einblendungen, die zu Beginn davon in Kenntnis setzen, dass das Erzählte nicht nach dem Inhalt der arabischen Märchen, sondern nach „Ereignissen in Portugal vom August 2013 bis zum Juli 2014“ gestaltet sei, werden später darüber informieren, dass die Geschichten, die hier begonnen und verzweigt werden, einer 470., einer 484. und einer 497. Nacht zugehörig sind (aber wessen Nacht, und in welcher Zeit?). Sie siedeln damit zwischen dem, was bereits erzählt wurde, fast als hätte sich mehr als genug Platz gefunden, um andere Stimmen, andere Orte in die Textur einzufügen, oder als wäre der Raum der Erzählung, einmal eröffnet, groß genug, um unzählige Geschichten aufzunehmen und wieder freizusetzen. Wer dann heult, hätte besser erst gar keine Fragen gestellt.

Wenn dabei die Episode der weinenden Richterin als eine Studie in aufhörlicher Verknüpfung und Verkettung erscheint, ist die Episode um Dixie, den Hund, der von einem Besitzer an den nächsten weitergegeben wird, eine Studie in Vereinzelungen, in der jede Verbindung punktuell bleibt. Die Erzählung von Simão wiederum, der gleich zu Beginn des Films auf der Flucht ist und den Mund vor allem aufmacht, um zu essen oder zu fluchen, exerziert das Erzählen als Kunst, die darin besteht, zu berichten, ohne etwas zu verraten. Was zu Simãos Flucht geführt hat, warum er ein „Dreckskerl“ genannt, warum die Suche nach ihm so ernst genommen wird und was ihn dazu bewegen könnte, sich zu stellen, ist gegen Ende beinahe so unklar wie am Anfang. Ein Mord, wenn es einer war, erklärt nicht viel. Und warum er gemordet hat, wird von niemandem verraten.

Scheherazade, in Der Ruhelose mit dem Boot unterwegs, um an entlegenen Orten Geschichten einzusammeln, wird in Der Verzweifelte nur als Silhouette zu sehen sein. Wieder in einem Boot, diesmal in umgekehrter Richtung und bei Einbruch der Nacht, was wohl bedeutet, dass sie sich bereits auf dem Weg in den dritten Teil der Trilogie befindet.

Info

1001 Nacht: Teil 2 – Der Verzweifelte Miguel Gomes CH/DE/FR/POR 2015, 131 Minuten

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06:00 24.08.2016

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