Christian Klar lässt grüßen

Reflexzonen Mit der RAF kann man noch immer die merkwürdigsten Vögel aufscheuchen

In den siebziger Jahren hingen die Steckbriefe der gesuchten RAF-Leute in jeder Tankstelle der Westrepublik: Gesichter von schlechten Pass- und Polizeifotos blickten dich an. Je schlechter das Foto, um so grausamer musste der Terrorist wohl sein, dachte die Mehrheit der Betrachter - und die Erfinder der Fahndungsplakate konnten zufrieden sein. Immer wenn einer der RAF-Mitglieder gefasst wurde, strich das gesunde Volksempfinden den jeweiligen Kopf eigenhändig durch: Vielfache Striche und hasserfüllte Kommentare waren der Beweis. Es war das Spiel, das Heinrich Böll "Sechs gegen sechzig Millionen" nannte. Doch der Staat, der ziemlich genau wusste, wie wenig Einfluss die RAF in der ohnehin kleinen westdeutschen Linken hatte, spielte nicht, sondern nutzte die Gunst der Stunde: Hausdurchsuchungen wurden zum wöchentlichen Medienfutter, Straßensperren ängstigten die Bürger, auch die ersten Maschinenpistolen in den Händen junger Polizisten wurden sichtbar. Die Schlagzeilen überschlugen sich.

Schon die Geburtsurkunde der RAF - der Aufruf Die Rote Armee aufbauen anlässlich der Befreiung von Andreas Baader im Mai 1970 - war die Karikatur auf einen politischen Text: "Dass die Befreiung Baaders nur ein Anfang ist! Dass ein Ende der Bullenherrschaft abzusehen ist", war da zu lesen und auch: "Was heißt: Die Konflikte auf die Spitze treiben? Das heißt: Sich nicht abschlachten lassen. Deshalb bauen wir die Rote Armee auf." In diesen Jahren waren eine Menge schlechter linker Texte unterwegs, auch der Verfasser dieses Artikels kann sich nicht von revolutionärer Phrase freisprechen. Aber die Sorge, man könne von einer wie auch immer gearteten Bullenherrschaft abgeschlachtet werden, die teilte die RAF mit ungewöhnlich wenigen. Bereits im Namen wurde die Anmaßung mehr als deutlich: Immerhin hatte die wirkliche, die sowjetische Rote Armee, die Nazi-Wehrmacht zerschlagen und war zu Zeiten immer noch gut dafür, nationalen Befreiungsbewegungen einen gewissen Raum zu sichern.

Auch die Schließungserklärung des RAF-Ladens - ein Papier mit der Überschrift Warum wir aufhören - zeugte fast 30 Jahre später von wenig politischem Verständnis: "Wir stehen zu unserer Geschichte. Die RAF war der revolutionäre Versuch einer Minderheit - entgegen der Tendenz dieser Gesellschaft, zur Umwälzung der kapitalistischen Verhältnisse beizutragen", erzählten die Verfasser, um in geschwollener Militärdiktion fortzufahren: "Es kam die Offensive 1977, in deren Verlauf die RAF Schleyer entführte. Die RAF stellte die Machtfrage." Die RAF hat für keine Sekunde die Macht infrage stellen können, sie hat niemanden außer sich selbst bewegt. Im Gegenteil war sie ein wunderbares Vehikel, die bundesrepublikanische Linke zu diffamieren, ein Vorwand, Gesetze und die gesellschaftliche Atmosphäre zu verschärfen. Wer so lange danach noch zu einer solchen Geschichte steht, der hat nichts kapiert, der ist am Ende so unpolitisch wie er begonnen hat.

Zu gern wird von einer randständigen Linken die RAF mit der Metapher des Tyrannenmordes in Verbindung gebracht. Und sicher wäre es ebenso legal wie des Beifalls wert gewesen, so jemanden wie Hitler umzubringen. Wohl deshalb war die Bundesrepublik nach dem, was die RAF unter Analyse verstand, "postfaschistisch". Doch trotz des mit Nazis verseuchten Beamtenapparates war Westdeutschland kein "Nachfolgestaat" des braunen Systems. Auch wenn die Eliten damals mit eben jenen Amerikanern paktierten, die in Vietnam einen mörderischen Unterdrückungskrieg führten, gab das keine Legitimation ab, Schleyer, Ponto oder Buback zu ermorden. Ganz zu schweigen von deren Fahrern oder den Flugpassagieren, deren Ermordung angedroht war, wenn man die einsitzenden RAFler nicht freilassen wollte.

Ob der "Rosa-Luxemburg-Konferenz" damit gedient war, im Januar ein Grußwort von Christian Klar zu verlesen, müssen die Organisatoren wissen. Für den Gefangenen, der auf die Gnade eines Bundespräsidenten angewiesen ist, der - ganz gleich, was da immer von Objektivität geredet wird - natürlich politisch druckempfindlich ist, war es eher abträglich. Wer so lange sitzt wie Christian Klar, der muss freilich die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht randscharf erfassen. Aber wenn man dessen seltsam biblisches Deutsch liest und einen Satz wie "die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden", der weiß, hier pfeift einer im Wald, um sich Mut zu machen.

Für andere - eine denkwürdige Koalition von Stoiber über Thierse bis zu Künast - hatte das Grußwort auch einen gewissen Wert. Man konnte sich, unterschiedlich temperiert, in Empörung üben. Grob wie Beckstein: "unverbesserlicher terroristischer Verbrecher". In der Thierse-Denkerpose "Herr Klar, zu einer selbstkritischen Haltung weder bereit noch fähig." Oder Frau Künast in nur mühsamer Verschleierung, wenn sie im Fall Klar "nicht in der Haut des Bundespräsidenten stecken" mochte. Guido Westerwelle, die Speerspitze des gesunden Volksempfindens, lehnt eine Begnadigung von Klar ab, weil der "unsere Grundordnung nicht anerkennt". Falls mit der Grundordnung das Grundgesetz gemeint ist: Dort ist nirgends verankert, dass die Bundesrepublik Deutschland kapitalistisch verfasst sein muss.

Die RAF ist so tot wie ein Projekt, das den "bewaffneten Kampf für die höchste Form des Marxismus-Leninismus" hält, es nur sein kann. Aber nützlich ist sie immer noch. Die Welt zum Beispiel nutzt sie als Kinderschreck, wenn sie in ihrer Beilage Journalistenschüler der "Axel-Springer-Akademie" öffentlich und vorbeugend abschwören lässt: "Sie guckten immer so finster", fürchtet sich da einer noch im Nachhinein. So kann man mit der RAF noch immer die merkwürdigsten Vögel aufscheuchen - mit Vorliebe Zeitungsenten.

s. auch: www.rationalgalerie.de


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00:00 09.03.2007

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