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Christine Becker: „Meinen spitzen Bleistift hasste er“

Interview Seit dem Tod des Schriftstellers Jurek Becker im Jahr 1997 betreut seine Frau Christine dessen Nachlass. Wir erreichen sie via Skype in New York
Die Herausgeberin Christine Becker am Schreibtisch ihres verstorbenen Mannes, Jurek Becker
Die Herausgeberin Christine Becker am Schreibtisch ihres verstorbenen Mannes, Jurek Becker

Foto: Rolf Zöllner/IMAGO

„Du klarer Fall, wenn man mich fragen würde, ob der Tag, an dem wir uns zum erstenmal begegnet sind, ein besonderer Tag in meinem Leben war, würde jede Faser meines Körpers rufen: Ja, ja, ja! Und zu gern würde ich erläutern, worin das Schicksalhafte dieses Tages lag. Doch woran immer es liegt – es stellt mir niemand so grundlegende Fragen.“

Die Adressatin der Postkarte, die mit diesen Sätzen eingeleitet wird, ist Christine Becker. Datiert ist sie auf den 31. Januar 1997, ihr Verfasser ist der Schriftsteller Jurek Becker. Nur wenige Wochen später wird er in seinem Landhaus im schleswig-holsteinischen Sieseby an den Folgen einer Darmkrebserkrankung sterben. 14 Jahre waren die Eltern eines gemeinsamen Sohnes ein Paar, zwölf davon verheiratet. Jeder kann diese wundervolle Postkarte zu Ende lesen, sie ist in dem Band Am Strand von Bochum ist allerhand los (Suhrkamp) enthalten, den Christine Becker 2018 herausgab – zusammen mit vielen anderen ausgefeilten, witzigen oder traurigen Kurznachrichten auf Pappe, die Jurek Becker an seine Familie und Freunde schrieb.

Jetzt ist Christine Becker wieder einmal nicht in Berlin, sondern in einer Wohnung nahe dem Columbus Circle in New York, die sie für ihre Freunde hütet. Wir kommunizieren per Skype und sprechen mit der „Nachlassverwalterin“ eines der wichtigsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seine Romane handeln vom Holocaust, aber auch von den Absurditäten des DDR-Alltags. Speziell die drei Romane Jakob der Lügner (1969), Der Boxer (1976) und Bronsteins Kinder (1986) markieren den Grenzgang zwischen Humor und dem grausamsten Verbrechen in der Geschichte, den dieser große Erzähler beschritt. Geboren wurde Jurek Becker 1937 als Kind jüdischer Eltern im polnischen Łódź. Er überlebte das Getto und zwei Konzentrationslager. Anders als seine Mutter. Mit seinem Vater lebte er von 1945 an in Ost-Berlin. Immer wieder eckte er mit der DDR-Obrigkeit an, 1978 zog er mit einem zunächst auf zwei Jahre ausgestellten, dann bis 1989 befristeten Visum nach West-Berlin, wo er später auch an den Drehbüchern der erfolgreichen TV-Serie Liebling Kreuzberg arbeitete.

der Freitag: Frau Becker, sieben Jahre lebten Sie mit Jurek Becker in einem wiedervereinten Deutschland. Er war skeptisch, der Traum von einem besseren Deutschland, für den die DDR trotz allem Unrecht stand (dieses stritt der selbsternannte „Vereinigungsallergiker“ Becker nie ab), war unwiederbringlich ausgeträumt. Hatte er recht mit seiner Diagnose?

Christine Becker: Für die ersten Jahre hat er leider recht behalten. Er ging aber nie so weit, zu sagen: „Ich wünsche mir den Mauerfall nicht.“ Das wäre den Menschen in der DDR gegenüber zynisch gewesen. Er hatte aber Bedenken. Das kapitalistische System hatte eindeutig gewonnen. Er hatte aber auch Angst vor dem Nationalismus und Rassismus. Vor allem vor einem Zuwachs des Rechtsextremismus in beiden Teilen Deutschlands. Das hat sich zum Teil bewahrheitet. Das ist aber kein deutsches Phänomen, es ist ja in den USA ähnlich. Aber vielleicht hat er sich auch in Teilen geirrt: Dieses vereinigte Deutschland ist ein anständiges Deutschland geworden. Ich finde, dass die Politik in den letzten Jahrzehnten einiges getan hat, damit dieses Land gut dasteht, auch im Umgang mit seiner Vergangenheit. Das hat mich überrascht.

Das sehen nicht alle so. Der Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner etwa wähnt sich in einem „DDR-Obrigkeitsstaat“ …

Das ist natürlich hirnrissig. Die Menschen folgen ja – bezogen auf Corona – den Regeln im Westen genauso wie im Osten. Das hat mit der Ost-Vergangenheit überhaupt nichts zu tun. Hier das Wort „DDR“ ins Spiel zu bringen, klingt irgendwie nach Propaganda.

Aber der Vergleich, so scheint es, bezieht sich nicht nur allein auf die Coronamaßnahmen des Staates.

Es ist ein großer Irrtum, zu sagen: „Wir dürfen nicht sagen, was wir denken.“ Natürlich können wir. Man baut sich selbst Hindernisse, wenn man glaubt, das eine oder andere sei nicht mehr gesellschaftstauglich. Diese Beschränkung legt sich jeder selbst auf –und nicht der Staat. So gut wie nichts ist verboten. Ich sehe keinen Obrigkeitsstaat.

Woran arbeiten Sie in New York gerade?

Mit meinem Lebenspartner, dem Schauspieler und Schauspiellehrer Andy Murray, habe ich zwei Romane von Jurek fürs Theater adaptiert: Jakob der Lügner und Bronsteins Kinder. Wir basteln gerade an der Uraufführung mit Volker Schlöndorff. Er will die Regie machen. Nun versuchen wir, das geeignete Theater in Deutschland zu finden und vor allem den geeigneten Hauptdarsteller.

Inwieweit unterscheidet sich die Bühnenadaption von Beckers Drehbuch zu „Jakob der Lügner“, das damals nicht sofort umgesetzt wurde, weswegen er Ende der Sechzigerjahre den Roman überhaupt erst schrieb?

Man muss das, was in den Köpfen der Charaktere vorgeht, anders transportieren. In einen Film-Drehbuch steht da „Close up“, und dann sieht man beispielsweise, dass einer schmunzelt, etwas nicht ernst nimmt. Das ist im Film viel leichter zu zeigen. Bei unserem Bühnenstück kommt die Auflösung ein bisschen konventioneller daher. Wir bleiben nah am Roman.

Apropos „Jakob der Lügner“: Vor zwölf Jahren erschien posthum ein vernichtende Kritik von W. G. Sebald. „Jakob der Lügner“ sei für ihn ein „melodramatischer Genreroman“, da das Getto von Łódź darin in einer „Art von Musicalszenerie“ vorgeführt werde. Zudem wird Becker ein aus der Judenverfolgung resultierendes „Erinnerungsembargo“ attestiert. Interessant, da Sebald kürzlich im Mittelpunkt einer Debatte um kulturelle Aneignung stand. In ihr ging es darum, dass ein nach dem Krieg geborener Deutscher in seinen Werken immer wieder das Schicksal im Holocaust verfolgter Juden thematisiert habe. Wie haben Sie Sebalds Polemik aufgenommen?

Ich war ganz schön erschrocken, dass dies aus seinem Nachlass ausgebuddelt und in der Zeitschrift Sinn und Form veröffentlicht wurde. Aber ich kannte den Text. Das Verrückte ist, dass Irene Heidelberger-Leonard, als sie einen Materialien-Sammelband über Jurek bei Suhrkamp vorbereite, Sebald fragte, ob er was über Jurek schreiben wolle. Daraufhin hat er diese Kritik geschrieben. Jurek war stinksauer, aber er regte sich mehr über die Herausgeberin auf: „Sie muss doch wissen, wie der über mich denkt!“ Ich lachte nur. Zuletzt habe ich darüber nicht mehr gelacht, da ich mitbekommen habe, dass Sebald die Kritik selbst nicht mehr veröffentlicht haben wollte. Dass er Jurek vorwirft, er habe auf ein Thema gesetzt, das er gar nicht erlebt habe, ist absurd. Jurek hat selbst gesagt: „Das habe ich mir ausgedacht. Nicht einmal mein Vater hat das erlebt, das ist Fiktion.“ Dieses Buch hat überhaupt nichts mit Erinnerungen zu tun. Die Deutschen kommen doch ziemlich gut weg. Das hätte Jurek doch nie gemacht, wenn er der Wahrheit hätte nahe kommen wollen.

Zur Person

Christine Becker wurde 1960 als Tochter eines Verlegers (Max Niemeyer Verlag) in Tübingen geboren. Sie lernte Jurek Becker 1983 in Frankfurt am Main kennen, wo sie eine Verlagsausbildung absolvierte. Germanistik studierte sie in Berlin. Seit Beckers Tod 1997 betreut sie dessen Nachlass

Mit den Romanen, die nicht zur sogenannten Holocaust-Triologie zählen, tat sich die Kritik immer ein wenig schwer. Der Vorwurf einer Verharmlosung der DDR lag in der Luft. Marcel Reich-Ranicki etwa verriss den letzten Roman „Amanda herzlos“ aus dem Jahr 1992 – einen Publikumsliebling – auf eine fast manische Weise im „Literarischen Quartett“. Was war da los?

Ja, das war eine unglaubliche Vernichtungsorgie. Man kann ja einem Autor ruhig vorwerfen: „Hey, wo sind die Toten an der Mauer, die hast du weggelassen!“ Aber dies war ein emotionaler Ausbruch in einer Heftigkeit, die Jurek sehr erschreckt hat. Dieser markierte auch das Ende ihrer Freundschaft. Wenn man jemanden so unsachlich kritisiert, gibt es meist persönliche Gründe. Als ich die Briefe edierte, merkte ich, dass Jurek nach einem Jahrzehnt großer Freundschaft einen Fehler gemacht hat. Irgendwann schrieb er in einem Brief „Lieber Herr Reich-Ranicki“ anstatt „Lieber Marcel“. Aber dass das der Grund für den Verriss war, ist nur eine Vermutung.

Beckers Freund, der Schriftsteller Peter Schneider, erinnerte in einem Text an seine letzte Begegnung mit Becker. Es ist von einem Roman die Rede, an dem Becker gerade arbeitete. Worum sollte es darin gehen?

Es gab noch nicht einmal ein Konzept. Das Buchprojekt ist durch die Krankheit verhindert worden. Es blieb eine Traumvorstellung von ihm. Und es war eine Geschichte, die er streute, um die Freunde abzulenken, wenn sie fragten, was er als Nächstes vorhabe. Er konnte doch nicht sagen: „Gar nichts, weil ich bald sterbe.“ Und während Jurek die letzten Liebling Kreuzberg- Drehbücher schrieb, ahnte er schon, dass es knapp werden würde. Das Filmteam drehte parallel, er war ein Wettlauf mit der Zeit. Den Stift legte er im Januar 1997 nieder, zwei Monate später war er tot.

Gerade sind im neugegründeten Kanon-Verlag die Tagebücher von Manfred Krug aus den Jahren 1996 und 1997 erschienen. Becker warnt Krug vor dem Alkoholkonsum – hat das vielleicht auch damit zu tun, dass Beckers Vater nach den Erlebnissen des Holocausts in Depressionen verfiel und zu viel trank?

Das hatte eher was damit zu tun, dass sich Jurek nicht viel aus Alkohol machte und wenig Verständnis für Situationen hatte, in denen die Freunde sich in der Runde betranken. Das war wohl eher ein freundschaftlicher Rat. Auch wenn Krug viel trank, wirkte er nie betrunken. Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn jemals außer Kontrolle erlebt zu haben.

Aber ich: Als Junge böllerte ich in einer Silvesternacht vor einem Restaurant in Berlin-Schmargendorf. Krug kam raus und rief: „Hör auf zu knallen, sonst knall’ ich dir eine!“

(Christine Becker lacht) Krug konnte eben beides: Sich betrunken am Riemen reißen und kluges Zeug daherreden. Oder blau spielen, um mehr Freiheiten zu haben.

1997 war das Jahr, in dem Becker starb und Krug einen Schlaganfall erlitt. Kurz danach veröffentlichte Krug ein Buch mit den vielen, wunderbaren Postkarten Beckers an seine Frau Ottilie und ihn. Es soll deswegen zwischen Ihnen zu einen Zerwürfnis gekommen sein.

Aus der Distanz von 25 Jahren würde ich sagen: Ich war überempfindlich. Das ging mir damals alles zu schnell. Jurek wurde gerade beerdigt, da fing Krug schon an, an einem Buch zu basteln, ohne die Familie zu kontaktieren. Eine Sache hat mir im Nachhinein aber doch gefallen. Krug sagte: „Ich möchte mich im Glanz dieser Freundschaft sehen, und das kann nur ich alleine machen. Das kann ich doch nicht mit euch teilen.“ Doch damals haben wir uns nicht mehr versöhnen können. Das war traurig – auch für meinen Sohn, da ich ihm den „Onkel Manfred“ weggenommen habe.

Sie waren auch Beckers Lektorin. Litt Ihre Beziehung darunter?

Es funktionierte glänzend, solange ich ihm viel Zeit gewidmet habe und er mir die Sachen vorlesen durfte. Ich sollte ihn dann gleich mündlich kritisieren. Aber meinen „spitzen Bleistift“ hasste er. Wenn ich also schriftlich an die Texte ging, gab es Zoff. Wenn ich etwa schrieb: „Diese Konstruktion funktioniert nicht, sie ist nicht plausibel“, wurde er fuchsteufelswild: „Was bildest du dir ein!“. Ja, das Ganze war unserer Beziehung nicht zuträglich. Aber er hat dann doch einiges von meinem spitzen Bleistift übernommen.

Spielte der Altersunterschied von 23 Jahren jemals eine Rolle?

Nein, weil Jurek noch ziemlich jung war – 45, als ich ihn kennenlernte. Und er wurde nicht älter als 59. Das Verrückte war, dass er mich am Ende seines Lebens tröstete, nicht ich ihn. Weil er sagte: „Ich habe alles geschrieben, was ich schreiben wollte. Ich habe alles erlebt, was ich im Leben wollte. Es ist nicht so schlimm, wenn ich jetzt gehen muss.“

Die Aussagen Beckers zum Judentum sind mannigfaltig. Die berühmteste ist vielleicht folgende: „Sooft ich in der Vergangenheit nach Herkunft und Abstammung gefragt worden bin, habe ich geantwortet: ‚Meine Eltern waren Juden.‘“ Wie waren Ihre Gespräche über jüdische Identität?

Jurek war ein ethnischer Jude und kein religiöser. Schon sein Vater war ja nicht religiös – wie auch seine Mutter nicht. Man ging in die Synagoge, allenfalls um ein Schwätzchen zu halten, aber nicht, weil man gläubig war. In dieser Tradition sah sich Jurek, er hat den Humor seines Vaters in seinen Texten weiter transportiert. Ich würde so weit gehen und sagen, unser Sohn ist halbjüdisch. Auch er redet wie sein Vater, er hat den gleichen Humor. Das hat mit Kultur zu tun, nicht mit Religion. Aber Jurek war immer der Meinung: „Mir sagen nicht andere, ob ich Jude bin, das entscheide ich selbst.“

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