Christliches Trauerspiel

VATIKAN Der Heilige Stuhl sieht nach wie vor keinen Grund, sich von Pius XII. als dem umstrittensten Papst des 20. Jahrhunderts zu distanzieren

Der größte Skandal des "Heiligen Jahres" wird nicht stattfinden: Papst Johannes Paul II. hat ein Herzensanliegen vertagt, die Seligsprechung von Eugenio Pacelli (1876 - 1958), besser bekannt als Papst Pius XII. (1939 - 1958). Doch die Diskussion um "den Papst, der geschwiegen hat" - geschwiegen angesichts der Ermordung der europäischen Juden - geht weiter. Neue Nahrung erhält sie durch die Pacelli-Biographie des englischen Historikers John Cornwell, die 1999 erschien und sofort in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Anfang der sechziger Jahre war es das Stück eines westdeutschen Dramatikers, das eine heftige Debatte über Pius XII. entfachte. In Rolf Hochhuths "christlichem Trauerspiel" Der Stellvertreter - uraufgeführt 1963 in Westberlin unter der Regie von Erwin Piscator - erscheint dieser Papst als Machtpolitiker und Zyniker, der sich in der Rolle eines "fairen Maklers" der Weltpolitik sieht. Diese (nur eingebildete) Position - so das päpstliche Kalkül - wäre nach einem öffentlichen Protest gegen den Holocaust verloren gegangen, weil sich Hitler und mit ihm "die Deutschen in corpore nur provoziert und denunziert" gefühlt hätten.

Wenige Tage nach der Uraufführung protes tierte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gegen Hochhuths Stück, in dem "das Andenken Papst Pius XII., dessen wir in größter Liebe und Verehrung gedenken, auf das hässlichste verunglimpft" werde. Katholiken und alte Nazis riefen nach Boykott und Verbot von Hochhuths "geschichtsfälschendem Schmierwerk". Bundesaußenminister Schröder (CDU) antwortete auf eine Kleine Anfrage von 18 CDU-Abgeordneten, die Bundesregierung bedaure zutiefst die Angriffe gegen Pius XII. - auch weil dieser nach 1945 "einer der ersten war, der sich tatkräftig für eine Aussöhnung zwischen Deutschland und den anderen Völkern eingesetzt hat".

Dabei handelt es sich mit dem Stellvertreter um ein zutiefst christliches Stück, dem der Glaube an die Kraft des Wortes zugrunde lag: Ein offener Protest des Papstes - so die unausgesprochene Botschaft - hätte die Mordmaschinerie der Nazis aufhalten und damit möglicherweise Hunderttausende von Juden retten können.

Diesen Glauben teilt auch der angeführte Historiker John Cornwell: "Hätten die Katholiken insbesondere gegen die Kristallnacht und gegen den Aufstieg des Antisemitismus protestiert, dann wäre den Juden in NS-Deutschland, ja sogar in Europa unendliches Leid erspart worden." Sehr viel überzeugender als Hochhuth verweist Cornwell auch auf die ideologischen Motive, die Pacelli hinderten, den Nationalsozialismus rundheraus zu verurteilen: sein Rassismus, seine feindselige Haltung gegenüber den Juden und sein fanatischer Antikommunismus.

In seiner Feindseligkeit gegenüber den Juden ging Pacelli über den traditionellen christlichen Anti-Judaismus hinaus. Er sah in den Juden nicht nur "Christusmörder" und "verstockte Ungläubige", sondern machte sie auch für den Bolschewismus und die revolutionären Bestrebungen gegen Ende des Ersten Weltkrieges verantwortlich. In einem Brief an den Kardinalstaatssekretär Gasparri (den "Außenminister" des Vatikans) schilderte er 1919 seine Erlebnisse im Hauptquartier der Münchner Revolutionäre: "Es ist die absolute Hölle ... In der Mitte all dessen lungerte eine Bande von jungen Frauen von zweifelhaftem Aussehen, Juden, wie sie alle, mit provokativem Benehmen und zweideutigem Grinsen in den Büros herum. Die Chefin dieses weiblichen Abschaums war Leviens Gefährtin: eine junge Russin, Jüdin und geschieden, die für alles verantwortlich ist. Dieser Levien ist ein junger Mann von etwa 30 oder 35 Jahren, ebenfalls Russe und Jude. Blass, schmutzig, mit von Drogenmissbrauch gezeichneten Augen, rauher Stimme, vulgär, abstoßend, mit einem Gesicht, das gleichzeitig intelligent und verschlagen wirkt ... "

Was der Vatikan später als "Verurteilung" des Holocausts reklamierte, waren wolkige Formulierungen, die von der Masse der Gläubigen nicht verstanden wurden und daher für die Mörder keinerlei Gefahr darstellten. Das gilt auch für die noch von Pacellis Vorgänger - Papst Pius XI. - im März 1937 verkündete Enzyklika "Mit brennender Sorge". Diese Sorge galt allein dem "Leidensweg der Kirche", die sehr viel größeren Leiden der Juden im Deutschen Reich wurden mit keinem Wort erwähnt.

Warum der zitierten Enzyklika keine weitere folgte, ist seit langem Gegenstand von Spekulationen. Noch zu Lebzeiten von Pius XI. war ein Text über "Die Einheit des Menschengeschlechts" vorbereitet worden, der aber nie verkündet wurde. Darin war zum einen die "ungerechte, erbarmungslose Kampagne gegen die Juden" beklagt worden - die "Behandlung der Juden auf Grund von Anordnungen, die dem Naturrecht widersprechen". Gleichzeitig bekräftigte das Papier jedoch die antijüdischen Stereotypen des Christentums: Der "Unglaube des jüdischen Volkes", die "Verblendung" der Juden "durch den Traum von weltlichem Gewinn und materiellem Erfolg" hätten deren "weltlichen und geistlichen Ruin" verursacht. Gleichwohl hätte ein solcher Protest gegen die "naturrechtswidrige Behandlung" der Juden sicherlich scharfe Reaktionen Nazi-Deutschlands heraufbeschworen - auch wenn die Täter in dem Entwurf gar nicht genannt wurden.

Ob nun Pius XII. selbst oder der Jesuiten-General Ledochowski für die "Unterdrückung" der Enzyklika verantwortlich war, lässt sich nicht mehr mit letzter Sicherheit klären. Tatsache ist, dass der Papst bis Kriegsende und darüber hinaus geschwiegen hat - geschwiegen selbst zur Deportation der Juden aus Rom, der "Stadt des Papstes", im Oktober 1943.

Fast 53 Jahre nach Kriegsende demon strierte der Vatikan, dass ihm an einer selbstkritischen Reflexion über die Vergangenheit nicht gelegen ist. In der im März 1998 vorgestellten Erklärung "Wir erinnern uns. Nachdenken über die Shoah" wird allein das Fehlverhalten einzelner Christen gegenüber den Juden eingestanden. Die Kirche und namentlich Pius XII. bleiben dagegen von der Kritik ausgenommen. In grober Verfälschung der Geschichte wird dem Papst gar für das gedankt, was er "persönlich oder durch seine Repräsentanten unternommen hatte, um das Leben Hunderttausender Juden zu retten". Tatsächlich ist die Zahl der italienischen Juden, die in Klöstern, auch im Vatikan, überlebten, erheblich geringer.

Nach den vielen ablehnenden Reaktionen auf die Erklärung zur Shoah sah sich der Vatikan nicht nur gezwungen, die Seligsprechung von Pius XII. zu verschieben. Er stimmte kürzlich auch der Einrichtung einer Kommission jüdischer und katholischer Historiker zu, die die Akten des Vatikans aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs durchsehen soll. Dass der Vatikan danach sein Urteil über Pius XII. revidiert, ist nicht zu erwarten. Hier wird die Wahrheit nur im äußersten Notfall eingestanden - für die Rehabilitierung Galileis brauchte man 350 Jahre.

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Ausgabe 41/2021

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