Alex Kay
21.03.2010 | 14:00 3

Chronik eines angekündigten Mordes

Hetzrede Vor 70 Jahren wurde der Sozialdemokrat Ernst Heilmann im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Damit gedroht hatte NS-Führer Wilhelm Frick schon 1929 im Reichstag

So will ich denn schließen mit den Worten des Abgeordneten Heilmann, die er am 9. Juni 1926 als Redner der größten Partei des Preußischen Landtags zum Justizetat gesprochen hat: Wir werden dafür sorgen, dass das Fundament dieses Staates, wenn nicht die Justiz, doch die Gerechtigkeit wird. Wir Nationalsozialisten werden Herrn Heilmann dabei tatkräftig unterstützen, indem wir im kommenden Dritten Reich (das Protokoll vermerkt: Lachen und Heilrufe links) auf Grund eines Gesetzes gegen Volksverrat und Korruption durch einen Deutschen Staatsgerichtshof Herrn Heilmann als ersten in völlig legaler Weise aufhängen lassen werden (Bravo! bei den Nationalsozialisten).“

Am 13. Juni 1929, dreieinhalb Jahre vor der Machtübergabe an die NSDAP, war der Reichstagsabgeordnete und Fraktionsvorsitzende der SPD im Preußischen Landtag, Ernst Heilmann, Opfer dieser offenen Morddrohung geworden. Der sie aussprach hieß Wilhelm Frick, sollte später Innenminister des NS-Staates und 1946 wegen Kriegsverbrechen in Nürnberg hingerichtet werden. Als Fraktionsvorsitzender der im Jahr 1929 lediglich zwölf Reichstagsabgeordneten der NSDAP gab Frick für die Nationalsozialisten im Parlament den Ton an. Der war antiparlamentarisch, antisemitisch und – wie die eingangs zitierte Passage deutlich macht – von Anfang an auch kriminell.

Lieber verharmlosen

Hintergrund der gegen Ernst Heilmann ausgestoßenen Drohung waren die Bemerkungen Fricks zur „Affäre Barmat“, die in den zwanziger Jahren das öffentliche Leben der Weimarer Republik erschüttert und mit der sich ab Januar 1925 auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss befasst hatte. Ein Skandal, der nach Auffassung des Zeithistorikers Hans Mommsen als Vorwand für eine gegen die SPD gerichtete, betont antisemitisch gefärbte Korruptionsverdächtigung diente. Ernst Heilmann ging jedoch unbelastet aus den Recherchen des Untersuchungsgremiums hervor. Dennoch wollten seine Gegner nicht von der Verleumdung lassen, er sei in den Skandal verwickelt gewesen. An jenem 13. Juni 1929 stellte Frick die Nichtverfolgung Heilmanns wegen angeblichen Meineids vor dem Barnat-Untersuchungsausschuss dessen Votum für die Aufhebung der parlamentarischen Immunität des NSDAP-Abgeordneten Gregor Strasser gegenüber. Der hatte sich durch wiederholte Beleidigungen politischer Gegner hervorgetan, konnte aber zunächst wegen seines Mandats nicht juristisch belangt werden.

Bemerkenswert waren die Reaktionen auf Fricks Ausfälle, der während seiner Rede bereits zweimal zur Ordnung gerufen worden war. Von daher hätte Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) mit der Erteilung eines dritten Ordnungsrufes den NS-Führer ohne weiteres des Plenarsaals verweisen können. Stattdessen versuchte Löbe, sein eigenes Verhalten als Reichstagspräsident gegen den Vorwurf der „geschäftsordnungswidrige[n] Verkürzung“ der Redezeit von Frick zu rechtfertigen: „Herr Abgeordneter Dr. Frick, Ihr Vorwurf, daß gegen Sie besonders rigoros in Bezug auf die Innehaltung der Redezeit verfahren werde, ist sehr unberechtigt. Sie haben die Redezeit um sechs Minuten überschritten. Das hat bisher kein Redner einer großen Partei getan. Es ist zu einem Vorwurf von Ihrer Seite also kein Anlaß ...“

Die einzige Kritik an Frick kam vom nächsten Redner, dem Zentrumspolitiker Rudolf Schetter, der die gerade gehörten Tirade als „Schimpfrede“ bezeichnete. Ansonsten wurde die im höchsten politischen Organ der Weimarer Legislative ausgestoßene Morddrohung nicht weiter gerügt, geschweige denn bestraft. Das SPD-Zentralorgan Vorwärts vom darauf folgenden Tag kolportierte zwar die Debatte im Plenarsaal, allerdings nur in verzerrter Form. Die Morddrohung an sich fand keinerlei Erwähnung, stattdessen wurde Fricks Attacke erkennbar entschärft und wie folgt zitiert: „Im kommenden Dritten Reich (Große Heiterkeit!) werden wir Heilmann als ersten vor das Korruptionsgericht stellen.“

Die Unterlassung Paul Löbes, eine der Galionsfiguren in der NSDAP für ihr skandalöses Gebaren zu bestrafen, und die verharmlosende Berichterstattung im Vorwärts deuten darauf hin, dass Teile der SPD entweder blind waren, um die schon zu diesem Zeitpunkt von den Nazis ausgehende Gefahr zu erkennen, oder versuchten, die beginnende Erosion der Weimarer Demokratie herunterzuspielen. Entgegen der später oft gehörten Behauptung, man hätte nicht wissen können, wie Adolf Hitler tatsächlich regieren würde, zeigt dieses Beispiel in aller Klarheit, dass es Nazi-Größen weit vor dem 30. Januar 1933 nicht an klaren Worten fehlen ließen, was man im Fall einer Machtübernahme von ihnen zu erwarten hatte.

Auch Fricks Prophezeiung sollte sich erfüllen. Schon am 26. Juni 1933, nur vier Tage nach dem Verbot der SPD, wurde Heilmann im Café Josty am Berliner Potsdamer Platz von der Gestapo verhaftet. Nach der Internierung und Verhören im Gestapo-Gefängnis Columbia-Haus wie in der Strafanstalt Plötzensee wurde er ins Konzentrationslager Oranienburg deportiert, später nach Börgermoor/Esterwegen und Dachau. Schließlich kam Heilmann im September 1938 nach Buchenwald und wurde dort Anfang April 1940 ermordet.

An Herzschwäche verstorben

Ernst Heilmann war sozialdemokratischer Politiker jüdischer Herkunft. Während des Ersten Weltkrieges hatte er sich als Freiwilliger zum Militär gemeldet und war nach einem Jahr schwer verwundet und fast blind von der Front zurückgekehrt. Später gehörte er zu den entschiedenen Verteidigern der Weimarer Republik. 1930 charakterisierte er die nazistische Ideologie als „Rückfall in Brutalität und Barbarei“. Schon deshalb wurde Heilmann – lange bevor Reichspräsident von Hindenburg am 30. Januar 1933 die Macht an Hitler übergab – immer wieder Opfer boshafter Verleumdungen und verbaler Aggressionen durch die Nationalsozialisten.

Während seines Martyriums in den Konzentrationslagern schweren Misshandlungen ausgesetzt, hat Ernst Heilmann mindestens einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Als er bewusst durch eine Postenkette gehen will, zerschießt ihm ein SS-Mann das Bein. Kurz nachdem im April 1945 die Überlebenden aus dem KZ Buchenwald befreit worden sind, schreibt ein Mithäftling in seinen Erinnerungen an die Gefangenschaft, Heilmann habe seit dem 1. September 1939 täglich damit gerechnet, als renommierter Politiker der Weimarer Republik liquidiert zu werden. Es kam dazu am 3. April 1940, als Heilmann in den frühen Morgenstunden von SS-Scharführer Martin Sommer auf Anordnung des Lagerkommandanten Karl Otto Koch durch eine Giftspritze getötet wurde. In der Meldung an die Kommandantur hieß es zynisch, der prominente „politische Jude“ Ernst Heilmann sei um 5.10 Uhr „an Herzschwäche bei Herzfehler (Wassersucht)“ verstorben.

Sicherlich gab sich Heilmann keinen Illusionen hin, wie gefährdet er selbst als einer der am meisten gehassten Feinde der NS-Parvenüs nach deren Machtantritt sein würde. Doch ging er weder in die Emigration noch in den Untergrund. Als ihm Victor Schiff, langjähriger Redakteur des Vorwärts, einen Diplomatenpass anbot, lehnte Heilmann mit den Worten ab: „Unsere Mitglieder, die Arbeiter, können auch nicht davonlaufen.“ Seine Weigerung zur Emigration hing mit seinem Mut, seiner Vaterlandsliebe und seinen Prinzipien zusammen. Die mit Heilmann befreundete langjährige preußische Landtagsabgeordnete Hedwig Wachenheim schrieb später, Heilmann habe „in der Weimarer Republik das Leitbild eines parlamentarischen Führers geschaffen“. Er sei neben Gustav Stresemann und Otto Braun „eine der großen politischen Gestalten“ jener Zeit gewesen. Für Heilmann waren Republik und Sozialismus gleichrangige Ziele, beide verteidigte er energisch. Über sein rhetorisches Vermögen vermerkte Hildegard Wegscheider, Mitglied der SPD-Fraktion im Preußischen Landtag, er habe „mit einer ungeheuren Wucht und dabei mit leuchtender Klarheit reden“ können. Durch seinen Scharfsinn, Willen und seine Tatkraft habe Heilmann maßgeblich dazu beigetragen, dass die Koalition aus SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei im größten deutschen Land Preußen lang aufrechterhalten werden konnte.

Kommentare (3)

I.D.A. Liszt 26.03.2010 | 02:09

Was für ein Schmarrn!
Es ist ja sicherlich gut, an von den Nazis befeindete, verfolgte und ermordete Menschen, und besonders mutige Politiker zu erinnern.

Aber:
>Ernst Heilmann war sozialdemokratischer Politiker jüdischer Herkunft. Während des Ersten Weltkrieges hatte er sich als Freiwilliger zum Militär gemeldet und war nach einem Jahr schwer verwundet und fast blind von der Front zurückgekehrt. - Wie kommt es nur, daß ich solche Aussagen immer mit extrem konservativ-nationalistischen in Verbindung bringe? Vielleicht weil sie einen Ton haben wie: "Guck mal! Ein Jude, der aber im Weltkrieg gekämpft hat. Ein Jude! Und hat trotzdem für Deutschland gekämpft...!"

Na und? Warum sollte ein Mensch "jüdischer Herkunft" nicht für Deutschland in den Krieg ziehen, wie so viele verblendete Menschen katholischer und protestantischer Herkunft [!] auch? Dieser Mensch "jüdischer herkunft" war ja schließlich Deutscher wie 60 Millionen andere auch.

Außerdem haben solche Äußerungen immer einen ekligen Beigeschmack. War es verwerflicher, einen Menschen im Konzentrationslager umzubringen, der im Ersten Weltkrieg deutscher Soldat war als andere, die das nicht waren?
Da schwingt so etwas Unbestimmtes mit, nicht wahr, wie: "Die Juden haben eben doch nie so ganz dazugehört."

Genau das macht diesen Artikel zu nationalistisch vergiftetem Blödsinn.

Irgendwie links ist er halt, der Freitag, und irgendwie links sind sie auch, manche Artikel im Freitag, oder auch irgendwie rechts-konservativ, oder irgendwie unausgegoren. Ich glaube, die Junge Freiheit hat auch einmal irgendwie links angefangen, bevor sie irgendwie deutlich nach rechts schwenkte.

Artikel mit solchem Unterton erregen Übelkeit, auch wenn sie nicht so, sondern irgendwie anders gemeint sind.

zelotti 10.05.2010 | 14:15

Dazu muss man die Debatte der Zeit kennen und die entsprechenden Schmähungen gegen Sozialdemokraten, und insbesondere Juden.

Das ist immer seltsam, musst mal drauf achten, wenn verstorbene Sozialdemokraten als "Patrioten" gelobt werden, dann wurden sie meistens Zeit ihres Lebens von Konservativen sozusagen als "vaterlandslose Gesellen" geschmäht.

Was die Junge Freiheit oder Freitag nach links oder rechts auszeichnet ist wohl mehr ihre Themenwahl, oder?

"War es verwerflicher, einen Menschen im Konzentrationslager umzubringen, der im Ersten Weltkrieg deutscher Soldat war als andere, die das nicht waren?"

Es erhöht auf jeden Fall die Fallhöhe, ein Argument, dass den inneren Widerspruch von Nationalgedanken und Rassenwahn verdeutlicht.

Alex J. Kay 25.05.2010 | 22:50

Sicherlich ist die Frage berechtigt: "Warum sollte ein Mensch 'jüdischer Herkunft' nicht für Deutschland in den Krieg ziehen?" Nichtsdestotrotz war es für viele Deutsche zurzeit des Ersten Weltkrieges eben NICHT selbstverständlich, dass auch jüdische Deutsche in den Krieg ziehen. Ferner wollten zahlreiche jüdische Deutsche sich in der Tat auf diese Weise als deutsche Patrioten beweisen, um die Integration des jüdischen Bevölkerungsteils in die deutsche Gesellschaft und die Gleichberechtigung der jüdischen Menschen zu befördern. Viele der deutschen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges waren deshalb auch Kriegsfreiwillige. Kennzeichnend für diese Einstellung war die Äußerung eines württembergischen Fliegerleutnants jüdischen Glaubens namens Josef Zürndorfer: "Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten." Insgesamt mussten die Juden allerdings feststellen, dass ihre besonderen Anstrengungen, sich im Krieg als gute Deutsche zu beweisen, keineswegs überall honoriert wurden. Die wohl grundlose Behauptung, die Juden kämpften nicht an der Front, sie seien "Feiglinge", "Drückeberger" und "Kriegsgewinnler", wurde spätestens in dem Moment populär, wo militärische Erfolge ausblieben und an der Heimatfront wirtschaftliche und politische Probleme aufbrachen. In dieser Situation begann das preußische Kriegsministerium im Herbst 1916 seine berüchtigte und diskriminierende "Judenzählung", die die Soldaten jüdischen Glaubens in den Verbänden der preußischen Armee statistisch erfassen sollte. Das – während des Krieges unveröffentlicht gebliebene – Ergebnis der Judenzählung fiel jedoch nicht so aus, wie es die Antisemiten erwartet und für ihre weitere Propaganda erhofft hatten: Es kämpften proportional ziemlich genau so viele jüdische wie nichtjüdische Soldaten an der Front.