Chronisch reich

Wirtschaft Deutschland hat abermals einen hohen Handelsüberschuss erzielt. Wie könnte man das Geld vernünftig einsetzen?
Chronisch reich
Die Zwillingstürme der Deutschen Bank. Hier wird ein großer Teil des bundesrepublikanischen Haushalts zwar nicht erwirtschaftet, aber verwaltet

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Schon zum 17. Mal in Folge hat Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss erzielt. Zum neunten Mal wurde die von der EU empfohlene Obergrenze von sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) überschritten. Daran kann niemand Freude haben.

Immerhin: Einen neuen Rekord gab es diesmal nicht. Mit 256 Milliarden Euro blieb der Überschuss leicht hinter den Werten der drei Vorjahre zurück. Dennoch hat sich allein in diesen vier Jahren eine Summe von 1.062 Milliarden Euro zusammengeläppert. Seit dem Beginn der chronischen Überschüsse im Jahre 2002 sind es gar gut 2.600 Milliarden, und nach den Prognosen der EU-Kommission werden die Überschüsse auch in den kommenden zwei Jahren nicht unter 250 Milliarden Euro sinken.

Was haben diese Überschüsse zur Folge? Nun, ein Überschuss in der Leistungsbilanz bedeutet, dass die Summe der Exporte von Gütern und Dienstleistungen plus die Faktor- bzw. die Kapitalerträge die Summe der entsprechenden Importe plus Faktoraufwendungen überschritten hat. Heißt: Die Guthaben gegenüber dem Ausland haben zugenommen. Das Ausland hat bei Deutschland „anschreiben“ lassen – allerdings nicht bloß auf einer Schiefertafel, sondern in Form von Guthaben bei Banken, Staatsobligationen, Aktien etc. Praktisch läuft das so: Die Firma X in Frankreich bestellt bei der Firma Y in Deutschland Maschinen und bucht den Preis auf ihrem Konto bei einer Bank in Frankreich ab. Die Firma hat damit ein Guthaben bei einer Bank in Frankreich und verwendet dieses Guthaben zum Beispiel zum Kauf von französischen Staatsanleihen.

Doch machen diese ständig steigenden Guthaben Deutschland wirklich reicher? Und wie sieht die Sache aus der Optik der Länder aus, deren Schulden im Gegenzug immer größer werden? Die erste Frage lässt sich mit einem klaren Nein beantworten – es sei denn, man gehört zur Finanzelite. Diese profitiert gleich doppelt. Erstens gehören rund 70 Prozent des Finanzvermögens den reichsten zehn Prozent der Deutschen. Zweitens verwaltet und verschiebt die Finanzelite die dank der Überschüsse ständig steigenden Vermögen und streicht dabei immer obszönere Honorare ein.

Für alle anderen Deutschen hingegen stellt sich die Frage, ob man das Geld nicht besser anders eingesetzt hätte. Etwa für die Erhöhung der Löhne. Mit 256 Milliarden könnte man – rein rechnerisch – alle Lohneinkommen um rund 15 Prozent erhöhen. Oder man könnte – wiederum rein rechnerisch – die 8,3 Millionen Renten um je 2.500 Euro aufstocken – monatlich. Die Notwendigkeit, in einem zunehmend überalterten Land die Renten zu finanzieren, ist denn auch das wichtigste Argument, mit dem Deutschland seine chronischen Überschüsse zu rechtfertigen pflegt. Es gelte, Vorräte anzulegen für die Zeit, da Deutschlands Arbeiter die Last der Rentner nicht mehr tragen können. Dann könne man die angehäuften Guthaben gegen Ware eintauschen.

Doch dieser Eintausch von Guthaben gegen Ware und Dienstleistungen setzt voraus, dass Deutschland nicht nur keine Überschüsse mehr erzielt, sondern sogar wieder mal Defizite hinnimmt. Rein volkswirtschaftlich gesehen sind Handelsdefizite Deutschlands einzige Möglichkeit, die Guthaben wieder einzutreiben. Umgekehrt können Deutschlands Schuldner ihre Schulden nur abbauen, wenn sie gegenüber Deutschland wieder Überschüsse erzielen.

Dies kann auf eine angenehme und auf eine unangenehme Art erreicht werden. Am besten natürlich dadurch, dass Deutschlands Arbeitnehmer und Rentner massiv (siehe oben) mehr kassieren, konsumieren und importieren. Leider ist das für die volkswirtschaftlich ungebildete deutsche Finanzelite eine Horrorvorstellung, die sie mit „Verlust der Wettbewerbsfähigkeit“ umschreibt. Bleibt die zweite, die unangenehme Möglichkeit: Die Schuldnerländer müssen den Gürtel so eng schnallen, dass sie sich weniger Importe (aus Deutschland) leisten können. Sie müssen zudem so viel „Sparwillen“ dokumentieren, dass die Märkte mit ihnen zufrieden sind.

Wie unangenehm dieser Weg ist, haben Griechenland, Portugal, Spanien und Italien schon erlebt. Sie konnten zwar die weitere Verschuldung stoppen, doch zu einem hohen Preis: Ihr Konsum ist seit 2007 teils massiv geschrumpft. Millionen Menschen sind verarmt. Darunter leidet inzwischen auch Deutschlands Exportindustrie. Ihre immer noch hohen Exportüberschüsse nahmen 2018 um rund 20 Milliarden Euro ab. Und weil Deutschland die Binnennachfrage weiterhin vernachlässigt, reicht dieser kleine Einbruch schon, um Alarmstimmung auszulösen: „Achtung, Rezession!“, titelt etwa dieser Tage die Wirtschaftswoche: Die Bilanz der chronischen deutschen Überschüsse fällt auch aus einem anderen Grund negativ aus: Jedes Land mit chronischen Exportüberschüssen häuft – per Definition – Guthaben gegenüber chronischen Defizitländern an: Doch diese Guthaben haben die fatale Tendenz, sich laufend zu entwerten. Deutschland müsste sich also endlich dazu aufraffen, seine Guthaben abzubauen. Und das geht nun mal nicht anders als mit – man traut sich fast nicht, das Wort in den Mund zu nehmen – chronischen Defiziten in der Leistungsbilanz.

Werner Vontobel, Wirtschaftswissenschaftler und Journalist, schreibt auch als Kolumnist für die Schweizer Zeitung Blick

06:00 08.03.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 11