Clubs zu, trotzdem Techno

Porträt Wäre nicht Pandemie, würde man den DJ Roman Flügel im Berliner Berghain treffen. Stattdessen hilft er im Impfzentrum aus
Clubs zu, trotzdem Techno
Das Nachtleben wird noch eine Weile brach liegen, Musik macht Roman Flügel trotzdem

Foto: Nadine Fraczkowski

Der DJ und Produzent Roman Flügel pflegt einen konstruktiven Umgang mit der pandemiebedingten Zwangspause. Sicher, es gäbe genug Gründe, den Kopf in den Sand zu stecken: Unmittelbar nach dem Umzug von Frankfurt am Main in die Bundeshauptstadt legte das Virus das gesellschaftliche Leben und damit auch alle Vorfreude und Ambitionen auf Eis, mit der Absage der komplett geplanten Tour rund um den Globus fiel das (ökonomische) Kerngeschäft weg. „Das ist mein Beruf, die Auftritte fehlen“, erklärt Flügel im Videointerview. Und auch nach über einem Jahr, das ist die vielleicht bitterste Pille für all die Menschen aus der Veranstaltung- und Kulturszene: Ungewissheit. „Über Monate hinweg keine Perspektive für Veranstalter, Agenturen und Clubs.“

In den Worten des DJs schwingt freilich eine gewisse Verzweiflung mit über eine Politik, von der sich der kulturelle Sektor, wie kaum ein anderer, im Stich gelassen fühlen kann. Doch auch wenn sich das „Sabbatical“, als das Flügel die ersten Monate im Krisenmodus für sich interpretierte, lange überholt hat, blickt der jung gebliebene Mann mit der dünnrandigen runden Brille, der gerade seinen 51. Geburtstag gefeiert hat, voller Optimismus in die Kamera. „Ich will nicht jammern: Vielen geht’s schlechter“, sagt er und erzählt, dass er seit Anfang März 30 Stunden in der Woche in einem Berliner Impfzentrum arbeitet. Die Tätigkeit liefere eine neue Perspektive auf das Geschehen und gebe, wie „damals der Zivildienst“, das Gefühl, ganz unmittelbar zu helfen. Der temporäre Job sei sein „kleiner Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie in Deutschland“.

Kindheit am Waldrand

Das ist eine erstaunlich positive Einstellung für jemanden, dem die gesamte Existenzgrundlage weggebrochen ist. Um sich die Tragweite vor Augen zu führen, muss man nur einen Blick auf Flügels Werdegang werfen, eine buchstäbliche Technosozialisation: geboren 1970 im hessischen Darmstadt, wo man, so Flügel, „in relativer Ruhe sein Leben verbringen kann“. Eine angenehme Kindheit am Waldrand, viel Platz, um sich zu entfalten, wenige Einschränkungen und Eltern, die die freigeistige Entwicklung des Nachwuchses fördern. Mit Klavier und Schlagzeug unternimmt er erste musikalische Schritte, Bands und Schülerbands folgen, dann ein Blitzschlag, als Ende der 1980er-Jahre der House-Sound aus Chicago in den deutschen Clubs ankommt. „Ich war schnell angefixt, habe mir Equipment gekauft: einen Drumcomputer, zwei Synthesizer, einen 4-Spur-Mischer.“ Das in Frankfurt begonnene Musikwissenschaftsstudium bricht er bald wieder ab.

Flügel hat die Entwicklungen von House und Techno in Deutschland als Fan und Musiker von der Pike auf miterlebt: mit 16 heimlich im Dorian Gray im Frankfurter Flughafen getanzt, mit 18 Jahren im legendären Omen nahe der Frankfurter Hauptwache. „Als klar war, dass Techno Exzess und das Überschreiten von Grenzen bedeutet, hat Omen genau das zur Marke gemacht“, sagt Flügel in Erinnerung an die Freitagnächte, die erst irgendwann im Laufe des Samstags endeten. Dann eigene Auftritte, ein sehr früher etwa um 1990 herum, eine Acid-House-Party in der Mensa der FH Darmstadt. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich da eigentlich gemacht habe. Aber man versuchte irgendwie, seine Helden zu imitieren.“ Später ging es mit den Kumpels Athanassios „Ata“ Macias und Jörn Elling Wuttke durch die neuen Bundesländer, nach Weimar oder Frankfurt an der Oder, wo die drei in Abrissgebäuden spielten.

Da hat also jemand sein halbes Leben Musik gemacht und gelebt, seit 1995 hauptberuflich, hat an jenem wachsenden Teppich mitgearbeitet, den Ata in Romuald Karmakars deutschem Techno-Porträt Denk ich an Deutschland in der Nacht, in dem die beiden und weitere zu Wort kommen, als Metapher für die von Samples, Zitaten und Referenzen lebende elektronische Musik heranzieht. Und jetzt? Flügel spricht von einem „absoluten Stillstand“, was noch untertrieben scheint. Corona ist für alle eine radikale Vollbremsung.

Der neue Alltag des Musikers, der in gewöhnlichen Jahren in Clubs rund um den Globus auflegt und regelmäßig die Panoramabar des Berliner Berghain oder, als Resident, das Offenbacher Robert Johnson bespielt, einen seiner „ganz wichtigen Eckpfeiler in den letzten 20 Jahren“, sieht im Krisenmodus wie folgt aus: Flügel arbeitet aktuell an dreieinhalb Tagen in der Woche im Impfzentrum. „An ganzen Tagen fange ich um 8:30 Uhr an und komme gegen 17 Uhr raus“, so der Musiker. Er ist zuständig für alle bürokratischen Belange, angefangen bei der Anmeldung der „Impflinge“, wie die Patient:innen genannt werden, über die Prüfung der vorgelegten Unterlagen zur Impfzulassung bis hin zur Dokumentation des Impfprozederes. Die Stimmung in der Einrichtung sei sehr gut, „alle ziehen an einem Strang“.

So schleppend die Impfkampagne bundesweit zunächst auch anlief, so geschickt hat sich das Deutsche Rote Kreuz in Berlin angestellt. Wer nämlich bringt allerhand Erfahrungen darin mit, viele Menschen logistisch klug durch eine Prozessabfolge zu lotsen? Clubbesitzer:innen, Promoter:innen und Veranstalter:innen. „In den Impfzentren trifft man viele Menschen aus dem Berliner Nachtleben, die gezielt akquiriert wurden“, erklärt Flügel lächelnd. Eine Win-Win-Situation, für die Impfmaschinerie und vor allem auch die Exzessbetreuer:innen selbst, denen zumindest vorübergehend eine (ökonomische) Alternative geboten wird.

Es sind zahllose Menschen, denen der Hauptberuf weggebrochen ist, und wenn man Pamela Schobeß, Betreiberin des Berliner Clubs Gretchen und Vorsitzende des Dachverbands Clubcommission glaubt, könnte es bis Ende 2022 dauern, bis das Nachtleben wieder wie in Vor-Corona-Zeiten passieren kann. Die Clubs werden noch lange auf Hilfen von Bund und Ländern angewiesen sein, ohne die sicher bereits jetzt ein Clubsterben in vollem Gange wäre.

Und die ganzen Soloselbstständigen aus der Szene? „Wer keine Rücklagen hat, rutscht direkt in die Grundsicherung“, beobachtet auch Flügel. Viele seien bitter von den Versprechen des Wirtschaftsministeriums enttäuscht worden. Zwar hat die Bundesregierung ein Programm aufgesetzt, über das Soloselbstständige eine Neustarthilfe von einmalig bis zu 7.500 Euro beantragen können. Doch fallen, so Flügel, vor allem jene, die keinen Apparat zu bezahlen haben, keine Geschäftsräume unterhalten oder geschäftliche Ratenzahlungen tätigen, oft durch das weitere Förderungsraster und müssen zusätzliche Hilfen oft in großen Teilen zurückzahlen.

Was die Musiker:innen und Clubs jedoch positiv stimmen könne, sei, dass der Support für Clubs und Clubmusik weltweit nicht abgenommen habe. „Insgesamt ist der Markt nicht zusammengebrochen“, die Nachfrage nach seinen Singles sei weiterhin groß. Sicher, einige Labels haben, so vermutet der Musiker, sich Clubhits aufgespart für die Zeit, wenn wieder getanzt werden darf. Er selbst allerdings habe sich produktionstechnisch nicht wirklich einschränken oder umstellen müssen. „Ich habe im Lockdown Musik gemacht, die zu 100 Prozent in den Club gehört.“ Zugleich habe er für Alben immer schon Albummusik gemacht und keine Clubmusik.

Man kann sich vorstellen, dass in diesen Zeiten das Studio, das Flügel in besagtem Dokumentarfilm von Karmakar als „eine Reflexion vom restlichen Leben” charakterisiert hat, noch wichtiger geworden ist. Wenn schon die Nacht nicht zum Tag gemacht werden kann, so bleibt wenigstens diese Raumstation, in der sich Kabel zwischen Boxen, Keyboards, Synthesizern, Drumcomputern und Mischpulten hin und her schlängeln. „Für mich ist Musik eine Selbsthilfe, eine sehr spirituelle Angelegenheit“, so der DJ. Ein probates Mittel gegen die düsteren Zeiten, die er musikalisch buchstäblich aufzufressen scheint.

Eating Darkness heißt sein neues Album, das gerade als klassisches 40-minütiges Vinyl auf Running Back Records erschienen ist. Darauf geht es, wie man das von dem Elektronik-Frickler kennt, eklektisch zu. Irgendwo zwischen Wohnzimmer und Club, zwischen House, Techno und Downbeat geben sich filmische Soundscapes, wabernde Acid-Bässe, treibender Four-to-the-Floor-Beat und vertrackte rhythmische Pattern die Klinke in die Hand. Das Album, das er gemeinsam mit Kollege Gerd Janson arrangiert hat, will Flügel allerdings nicht als Corona-Album verstanden wissen. Es sei nicht als musikalische Antwort aus der Krise geboren, sondern ein positiver Gegenentwurf. Für den Musiker, der über Jahre hinweg seine verschiedenen musikalischen Identitäten unter wechselnden Pseudonymen veröffentlicht hat, ist das neue, sechste Album als Roman Flügel ein weiterer Selbstvergewisserungsschritt.

In Israel tanzen sie wieder

Natürlich kann das Studio den Club nicht ersetzen, Techno und House brauchen den Resonanzraum, knallende Soundsysteme und schwitzende Nachtschwärmer:innen. Es bleibt zu hoffen, dass Nachtleben und Exzess bald wieder möglich werden. Auch wenn, so Flügel, die Clubs und Musik nicht im klassischen Sinne systemrelevant seien, so bedienen sie doch existenzielle Bedürfnisse. „Es ist ein Teil der Menschheitsgeschichte, sich zur Musik durch einen sozialen Raum zu bewegen.“

Das Licht am Ende des Tunnels kündigt sich glücklicherweise an. Man muss nur nach Israel schauen, wo wieder getanzt werden darf. Flügel blickt hoffnungsvoll auf den Sommer: Er habe erste Anfragen für Open-Air-Veranstaltungen in Berlin erhalten und auch in England stünden dann erste Partys an. Das erscheint realistisch, wenn man sich vor Augen führt, dass bereits jetzt mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Großbritannien eine Impfung erhalten hat und das gesellschaftliche Leben langsam hochgefahren wird.

„Aus der Pandemie wird sich was entwickeln“, ist Flügel überzeugt. Nicht auszumalen, was dann los sein wird nach diesen tanzlosen Monaten: eine Endorphin-Explosion auf allen Seiten! Das ausgehungerte Publikum wird völlig freidrehen und die Musiker:innen nicht weniger, wenn sie ihr neues Material endlich auf die Welt loslassen können. Roman Flügel will sofort dabei sein, um wieder dem nachzugehen, was er die letzten 25 Jahre mit großer Liebe und Leidenschaft getan hat: die Menschen zum Tanzen bringen und produzieren. „Der Teppich muss ja weitergewoben werden.“

Eating Darkness Roman Flügel Running Back / Rough Trade 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.05.2021

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare