Cocktails vom Traumschiff

Genua Gipfel auf der Isolierstation

Allenthalben wird das G 8-Treffen von Genua als anachronistisches Ritual denunziert. Was ist anachronistisch daran, wenn sich Politik heutzutage in einen Hochsicherheitstrakt zurückzieht? Gruppendynamik unter Verschluss. Hermetik beflügelt Kreativität. Wenn die in Genua unter den G 8 gefehlt haben sollte, verdient zumindest der Mut zur Symbolik Respekt: Man begab sich auf ein European Vision getauftes Kreuzfahrtschiff in Quarantäne. Die »Flamenco«-Bar auf dieser Isolierstation wurde von Gerhard Schröder ausdrücklich empfohlen. Natürlich nur ironisch. »Ich hoffe, Sie fühlen sich so wohl an Bord wie ich«, meinte er zu Journalisten.

Selten kam bei den G 8 bisher der Hang zur Exzentrik eindrucksvoller zur Geltung - European Vision, darüber die Sonne Italiens von Rauchschwaden umspielt. Die Inszenierung blieb nichts von dem schuldig, was sie zuvor versprochen hatte. Und dabei war diese Exzentrik alles andere als Hochstapelei. Immerhin repräsentierten die betreffenden Staaten ein Sechstel der Weltbevölkerung, 60 Prozent des Bruttosozialprodukts und 80 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs. Wer besonders Letzteres dem »Rest der Welt« zumutet, gibt zweifellos einen gewissen Schutzbedarf zu erkennen. Auch wenn dieser »Rest« in Genua - gemeint sind die G 184 mit fünf Sechsteln der Weltbevölkerung, 40 Prozent des Bruttosozialprodukts, für die allerdings nur 20 Prozent der Ressourcen übrig bleiben - auf Anwesenheit verzichtete. Dafür konnten die G 8 dankbar sein. Dieser Verzicht ersparte es der Polizei, sich noch provozierter zu fühlen und möglicherweise Granat- oder Flammenwerfer einsetzen zu müssen. Noch blieb es kleinkalibrig, auch wenn schon mal gestorben wurde. Noch waren die Globalisierungsgegner zumeist keine Globalisierungsopfer - das dämpfte »Eskalationsrisiken«, um in der Polizeisprache der Medien zu bleiben, die überparteilicher nicht sein konnte. Noch verlangte die Straße nur eine kleine, schmerzfreie Konzession: Nach Genua wird die prozedurale Hydra der G 8 einige Köpfe verlieren, die Entourage der Staatschefs verkleinert. Auf »schlankere« Gipfel in den kanadischen Rocky Mountains 2002 freut sich Gerhard Schröder. Verschlankung gilt seit geraumer Zeit als Notwehr des Staates gegen sich selbst. Da verwundert es schon, dass mit den G 8 solange Völlerei betrieben werden konnte. (Bertolt Brecht zählte die übrigens zu den »Sieben Todsünden der Kleinbürger«.)

Nein, den »Rest der Welt« hatte es nicht nach Genua verschlagen, sondern zur Bonner Klimakonferenz (s. Seite 2). Er wollte dort einen Beweis seiner Friedfertigkeit ablegen. Einen Eindruck geben, wozu die zivilisierte, gewaltfreie Kultur der Ohnmacht fähig sein kann, wenn die amerikanische Befürchtung laut wird, den American Way of Life tragischer klimapolitischer Verstrickung aussetzen zu müssen. Das Treffen von Bonn hätte es daher ebenso verdient, unter Quarantäne gestellt zu werden wie die Kreuzfahrer auf der European Vision. Weniger zum Schutz gegen die Welt draußen vor der Tür, sondern aus Gründen des Schutzes gegen den Virus der Unterwerfung, die im Fall des Klimaschutzes so absurd ist wie die Warnung Schiffbrüchiger vor dem Wasser. Doch es gehört zur Eigenart des Absurden in dieser Zeit, dass eine Mehrheit gelernt hat, Absurdität als Normalität wahrzunehmen, während Normalität - wie der aus Vernunft gespeiste Protest gegen die Globalisierung - in den Geruch des Abnormen gerät.

Gerhard Schröder hat das in einem Fernsehinterview aus Genua mit der ihm eigenen, zupackenden Prägnanz erklärt. Angesprochen auf die Globalisierungswiderständler meinte er: »Sie haben keine Ziele!« - Das ist zu plump, um nur gelogen zu sein - das bedient jenes großkarierte Mackertum, mit dem beim Edelitaliener in Berlin-Mitte der Appetit gesteigert wird. Politik oder was man dafür hält mit krachend launiger Selbstgewissheit auf den Punkt bringen. Unter den Tischmanieren der Berliner Republik hat sich das durchgesetzt, so dass Spielverderber unangenehm auffallen. Der Bedarf an Sinnstiftung bewegt sich dabei in der Nähe der Berliner Love Parade: Die Verhältnisse zum Tanzen bringen, auf dass sie erstarren. Genua mit Sinn für Event-Pushing veranstalten, damit auch niemand die Krise der Politik übersehen kann. Die Alternativlosigkeit einer Ära nicht etwa unter Beweis stellen, sondern exekutieren. Wie gemeingefährlich ein solches Tun werden kann, liegt auf der Hand. In Genua wurden schon einmal die Konsequenzen gezogen - durch Isolation und Abschottung.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 27.07.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare