Codenamen

A–Z Vom Whistleblower der Panama Papers wissen wir bis jetzt nur eins: Er benutzte den beliebten Codenamen „John Doe“. Unser geheimnisvolles Lexikon der Woche
Redaktion | Ausgabe 15/2016

A

Avatar Die Bezeichnung des eigenen Avatars in Online-Games sollte der Art des Spiels angemessen sein und im Idealfall auch irgendwie cool klingen. Ist der Wunschname nicht verfügbar, behilft man sich oft mit dem Anfügen von Ziffern. Doch mit fortschreitender Lebenserfahrung misstraut man Personen mit Zahlen im Namen wie „Johannes_Paul-2“ oder „Heinrich VIII“. Von meiner tragischen Online-Beziehung zu „Chantal82“ Anfang des vergangenen Jahrzehnts ganz zu schweigen.

Ebenfalls altersbedingt verfüge ich zudem nur noch über eine geringe Affinität zu Coolness: Neben etlichen bösen Kommentaren anderer Spieler handelte ich mir beim Online-Game deshalb letztlich eine Mail des Betreiber-Supports ein, die erklärte, „Heinz_Pachulke“ sei für einen tapferen Wald-Elf (➝ Noms de guerre) „not appropriate“ – ich möge das bitte ändern. Uwe Buckesfeld

G

Genderswap Kennen Sie Ellis und Currer Bell? Unter diesen Namen publizierten Emily und Charlotte Brontë ihre späteren Klassiker Wuthering Heights und Jane Eyre. Nicht nur die Schwestern nutzten maskuline Autorenkennungen (➝ Tucholsky). Galt Genie als männlich, verhalfen Pseudonyme vor allem im 19. Jahrhundert vielen Künstlerinnen überhaupt erst zur Veröffentlichung. George Sand hieß eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, George Eliot in Wahrheit Mary Anne Evans. Adèle d’Affry schickte ihre Skulpturen zunächst als Marcello in die Galerien. Gemälde von Margaret Keane, markant durch die großen Augen der Figuren, wurden mit dem Vornamen ihres Ehemanns Walter verkauft. Genderswaps in die andere Richtung sind seltener. Als Rosie Dixon und Penny Sutton veröffentliche James-Bond-Drehbuchautor Christopher Wood zahlreiche Bücher über das Leben von Stewardessen und Krankenschwestern – aus Image- und Glaubwürdigkeitsgründen. Tobias Prüwer

I

IM Erika 15.000 Säcke mit zerrissenem Papier hat die Bundesrepublik von der DDR geerbt, 400 davon wurden bereits zusammengepuzzelt. Der Rest der Wahrheit schlummert noch in den Schnipseln oder ist vermutlich für immer zerstört. Auch deswegen sind Stasi-Vorwürfe zu einer willkommenen Allzweckwaffe gegen Politiker aus der ehemaligen DDR geworden. Zum Glück für die neurechten Internet-Legionäre von Pegida und Co. Der neueste Schrei auf deren Portalen ist der Kampfbegriff „IM Erika“, ein vermutlich frei erfundener Deckname für Angela Merkels angebliches Engagement bei der Stasi.

Mit den Vorwürfen ist sie in guter Gesellschaft: Gregor Gysi soll als „IM Notar“, Manfred Stolpe als „IM Sekretär“ spioniert haben – die Indizien (➝ Sans, Souci.) hierfür sind bis heute jeweils schwammig oder widerlegt. Bei Merkel sind es ihre Russischkenntnisse und ihr Erfolg, die ihren Gegnern verdächtig vorkommen. Der germanische Name „Erika“ bedeutet übrigens „die nach dem Gesetz und Recht Herrschende“. Sollte sich der Vorwurf gegenüber Merkel eines Tages erhärten, liegt die Vermutung nahe, dass sich auch in den restlichen Schnipselbergen womöglich noch prophetisches Potenzial verbirgt. Konstantin Nowotny

J

John Doe Der häufigste Vorname der Welt ist Mohammed, der häufigste Nachname Chang. Dabei ist Mohammed Chang ein ziemlich seltener Name. Viel mehr Menschen heißen John Doe. Denn das ist – neben dem Informanten der Panama Papers – im anglofonen Raum der Platzhaltername für fiktive, geheime oder nicht identifizierte Personen und Leichen. Über das weibliche Pendant Jane Doe ist ebenfalls wenig bekannt.

Ihren Stammbaum kann man aber bis ins 17. Jahrhundert verfolgen, in dem die Does schon als Behelfsnamen im Rahmen von Räumungsklagen herangezogen wurden. Eine große Faszination für das Geheimnisvolle an John Doe als Motiv ist besonders in der Popkultur spürbar: Immer wieder nimmt er in Filmen, Büchern (➝ Genderswap), Songs und Kunstwerken seine Rolle ein – und wird es vermutlich auch noch lange tun. Felix-Emeric Tota

M

Militär Das Militär hat eine große Vorliebe für Codenamen (➝ Secret Service). Das sieht man exemplarisch beim „D-Day“: Dieser war eigentlich Operation Overlord, die mit Operation Pointblank begann, gefolgt von Operation Neptune, der Landung an den Stränden Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword. Operation Overlord hieß ursprünglich Operation Sledgehammer, die von der passenden Operation Anvil an der französischen Mittelmeerküste begleitet werden sollte. Aus Operation Anvil wurde aber Operation Dragoon und aus Sledgehammer eben Overlord. Uwe Buckesfeld

N

Noms de guerre sollen die wahre Identität einer Person verheimlichen und sie vor Verfolgung schützen. Zugleich können Kampfnamen (➝ Militär) zum Markenzeichen werden. Bekannte Beispiele dafür sind Lenin, Subcomandante Marcos und Trotzki. Der zum spanischen Nationalheld gewordene El Cid („Der Herr“) erwarb seinen Namen im Zuge der Reconquista. Gattamelata, „gefleckte Katze“, nannte sich ein gefürchteter venezianischer Söldnerführer der Renaissancezeit. PKK-Chef Abdullah Öcalan menschelte als Apo („Onkel“) herum. Ein Sumoringer verhalf der Influenza in Japan zu ihrer Bezeichnung. Weil der unter seinem Nom de guerre gefeierte Tanikaze Kajinosuke 1795 an der Grippe starb, nennt man die Krankheit in Nippon Tanikaze. Tobias Prüwer

S

Sans, Souci. Es mag stolzere Schlösser geben als Sans Souci („ohne Sorge“), erbaut 1745-47 als prunkvolles (➝ Zahlung) Lustschloss zu Potsdam. Doch keins hinterließ der Welt solch ein Rätsel: Auf dem Gesims steht – oft übersehen – Sans, Souci. Mit Komma und Punkt. Was dies im Kontext der Geheimschriftenmode des 18. Jahrhunderts bedeuten mag, spielte der Historiker H. D. Kittsteiner in seiner von vielen unterschätzten Untersuchung Das Komma von Sans, Souci. von 2001 durch, indem er die bis dahin in Leserbriefspalten der Potsdamer Neuesten Nachrichten schlummernde Kommaforschung von ihrer fehlenden Stichhaltigkeit erlöste und diverse Theorien ausbreitete.

Könnte die seltsame Interpunktion ein Hinweis auf ein chirurgisches Malheur sein, das den Alten Fritz den Phallus kostete? Das französische Wort für Komma, virgule, leitet sich nämlich von „Rute“ ab: „ohne Rütchen keine Sorgen“ – gewendet in „Sorgenfrei ohne Ehe“ – die Gattin verbannte er bekanntlich nach Schloss Schönhausen. Es könnte aber auch ein Bekenntnis zum Freidenkertum sein. Die Welt, schrieb Kittsteiner, ist für Rätselfreunde voller Rätsel. Sarah Khan

Secret Service Schon mal von den Staatsoberhäuptern Renegade oder Kittyhawk gehört? Der US-Secret-Service (➝ Watergate) dekoriert seine wichtigsten Schützlinge mit teils sehr kreativen Codenamen. Es begann aus Sicherheitsgründen in noch verschlüsselungsfreien Zeiten und ist heute eine schöne Tradition. Die Namen sind größtenteils sogar öffentlich bekannt. Hier eine Auswahl: Renegade (B. Obama), Lancer (J. F. Kennedy), Searchlight (R. Nixon), Rawhide (R. Reagan), Timberwolf (G. H. W. Bush), Tumbler, später: Tailblazer (G. W. Bush), Scorecard (D. Eisenhower), Sundance (A. Gore), T-Rex (N. Gingrich), Eagle (B. Clinton), Evergreen (H. Clinton), Mogul (D. Trump), Intrepid (B. Sanders).

Aber auch Personen außerhalb der US-Politik können mit Kosenamen geadelt werden: Kittyhawk (Queen Elizabeth II.), Unicorn (Prince Charles), Napoleon (Frank Sinatra), Halo (Papst Johannes Paul II). So was könnte doch auch in Deutschland funktionieren! Meine Vorschläge wären: Streethawk (A. Merkel), Ahab (U. von der Leyen), City-Cobra (S. Gabriel), Mambotime (J. Wanka), Sonic-Boom (A. Dobrindt), Dentist-Daughter (T. de Maizière). Felix-Emeric Tota (Captain Harmony)

T

Tucholsky Literarische Größen verbergen sich gern hinter Pseudonymen (➝ Genderswap). Neben Jane Austen, Agatha Christie und Stephen King gilt das auch und vor allem für Deutschlands größten Satiriker: Kurt Tucholsky. Als Peter Panter sinnierte er in Ich gehe mit einer langen Frau mit Stift und Charme über die gesellschaftliche Stellung eines unterschiedlich situierten Paares. Als Theobald Tiger richtete er sich direkt an Peter Panter, diente diesem in hochgestimmter Manier als politischer Wegweiser und humoristischer Ratgeber. In der Tat, Tucholskys lyrische Persönlichkeit war gespalten, sie schweifte ab und setzte sich wieder zusammen.

Seine Pseudonyme verkörperten unterschiedlichste Winkel seines Wesens, repräsentierten verschiedene „Bezirke“ seines Ichs. So kam es vor, dass einige Leser der Zeitung Weltbühne, für die Tucholsky regelmäßig schrieb, Ignaz Wrobel aufrichtig liebten, mit Peter Panter dagegen als „einem offenbar alten Herrn“ (➝ Avatar) nicht viel anfangen konnten. Es dauerte eine ganze Weile, bis klar wurde, dass hinter diesen Namen immer ein und dieselbe Feder steckt. Umso interessanter scheint es, wie die Kultivierung verschiedener Pseudonyme gleichzeitig auch verschiedene Schreibstile des Schreibenden, gar separate Autorenbilder bei den Lesern erschaffen kann. Büşra Delikaya

W

Watergate Fast jeder journalistische Scoop braucht geheime Quellen. Auch bei den Watergate-Enthüllungen gab es einen wichtigen Informanten. Der hörte allerdings nicht auf den eher lahmen Namen ➝ John Doe, sondern wurde von der Redaktion der Washington Post weitaus illusterer „Deep Throat“ genannt. Dahinter verbarg sich Mark Felt, damals stellvertretender Direktor des FBI. Er gab dem Reporter Bob Woodward entscheidende Hinweise und bestätigte dessen Theorien. So konnte der damalige US-Präsident Nixon mit dem Skandal in Verbindung gebracht werden.

Um seine Identität zu schützen, lieferte er jedoch nur Hintergrundinformationen – auf Englisch „on deep background“. So ergab sich der eigenwillige Spitzname, der zugleich auch von einem gleichnamigen Pornofilm inspiriert war, der zu jener Zeit in den USA für viel Wirbel sorgte. „Deep Throat“ wurde aufgrund der Debatte um den Film nicht den Watergate-Recherchen zugeordnet. Die Tarnung funktionierte. Zwar wurde immer wieder spekuliert, es könne sich bei der geheimen Quelle um Felt handeln, doch erst 2005 ging Felt an die Öffentlichkeit. Benjamin Knödler

Z

Zahlung Wie dumm müssen Bankangestellte sein, dass sie Terroristen für dumm halten? Wer im Geheimen arbeitet, nutzt Codenamen. Das haben jüngst die Mitarbeiter einer kalifornischen Bank offenbar nicht bedacht und witterten Gefahr bei einer Online-Überweisung mit dem Verwendungszweck „Dash“. Klingt ja so ähnlich wie „Daesh“, ein Name für den IS, der von der Terrorgruppe nicht mal selbst verwendet wird, weil sie sich lieber als „Islamischer Staat“ bezeichnet (➝ Noms de guerre). Die Bank stoppte die Buchung und informierte das US-Finanzministerium. Das fand heraus: Ein Hundehalter wollte Geld an den Hundesitter überweisen und gab einfach den Namen seines Lieblings an: Dash. Felix Werdermann

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 27.04.2016

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare