Rudolf Walther
26.07.2011 | 11:35 17

Codewort Sigurd

Norwegen Das Manifest des Massenmörders Breivik zeugt weniger von geistiger Verwirrung, Wahnsinn oder Irrsinn als von intellektueller Verhetzung und Kenntnis der Geschichte

Der norwegische Bombenbastler und Mörder Anders Behring Breivik bezeichnet sich in seinem 1.500 Seiten starken Internet-Manifest als „Kulturkonservativer“, als christlicher Kämpfer („Tempelritter“) gegen Marxismus und Multikulturalismus. Freilich wäre es ein unzulänglicher Kurzschluss, Breivik wegen seiner Nähe zur „Islamkritik“ oder zum christlichen Fundamentalismus umstandslos als Produkt dieser beiden Ideologiefabriken zu bezeichnen. Die Geschichte anderer Terroristen und Terrorgruppen zeigt, dass es keine linearen Verbindungen gibt zwischen Gewissen, Ideologie und Tat. Mit anderen Worten, „islamkritisches“ Talk-Show-Gerede von Broder-Kelek-Sarrazin und Konsorten ist so wenig eine Keimzelle von Terrorismus, wie die „klammheimliche Freude“ über Terrorakte an linken Stammtischen die Wiege bildete für neue „Generationen“ von Terroristen.

Solche eilfertigen Zuschreibungen sind so durchsichtig und hilflos wie die Beschreibung der Taten als „nicht zu erklärende Geschehnisse“, auf die als „einzige Kategorie … Wahnsinn“ zutreffe (Georg Paul Hefty, FAZ vom 25. 7.) oder mit schiefen historischen Vergleichen. Thomas Steinfeld (Süddeutsche Zeitung vom 25. 7.) wollte in Breivik „ein Ein-Mann-Freikorps“ sehen und belegt damit nur, dass seine Kenntnisse über die kriminellen Freikorps nach Kriegsende 1918 erweiterungsbedürftig sind. Auch der norwegische Premier Jens Stoltenberg vergriff sich in den historischen Dimensionen, als er die Attentate als „schlimmsten Ausbruch der Gewalt seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnete. Der Norwegen-Feldzug der Wehrmacht kostete 4.000 deutsche, 1.400 norwegische, 530 polnische und 3.400 britische Soldaten das Leben – Zivilisten nicht mitgezählt. Mit der deutschen Besetzung wurden im Oktober 1942 fast die Hälfte der 1.700 norwegischen Juden in deutsch-norwegischer Zusammenarbeit deportiert und ermordet.

Andererseits reagierte Stoltenberg auf den Massenmord nicht mit der hierzulande üblichen Forderung nach mehr Sicherheitsgesetzen, mehr Datenspeicherung und „roten“ Listen, sondern mit dem Ruf nach „noch mehr Demokratie, noch mehr Offenheit, noch mehr Humanität“. Das spricht nicht nur für das politische Format des Sozialdemokraten, sondern führt auch zum Kern des Problems. Der Täter und seine Tat müssen im Kontext des Erfolgs von rechtspopulistischen, europa- und fremdenfeindlichen sowie islamophoben Parteien in Skandinavien gesehen werden – von der Dänischen Volkspartei bis zur Fortschrittspartei in Norwegen, die bei den Wahlen 2009 rund ein Viertel der Stimmen gewann und der Breivik nahe stand, bevor er sich radikalisierte.

Breiviks Vorbild

Der Prozess dieser Radikalisierung liegt noch ziemlich im Dunkeln. Immerhin ist bekannt, dass er sich langsam vollzog und fast zehn Jahre dauerte. Breivik wählte als Codewort den Namen des Kreuzfahrers Sigurd. Sein Manifest trägt den Titel 2083. Europäische Unabhängigkeitserklärung. Er spielt damit auf das Jahr 1683 an, als die Türken vor Wien standen. Das ganze Manifest Breiviks zeugt weniger von geistiger Verwirrung, Wahnsinn oder Irrsinn als von intellektueller Verhetzung. Breiviks Vorbild ist Theodore Kaczynski, genannt der Unabomber, der zwischen 1976 und 1995 16 Briefbomben verschickte und damit drei Menschen tötete. Er war ein brillanter Mathematiker, bevor er sich aus seiner Karriere in Berkeley zurückzog und in die Berge Montanas ging, wo er in einer kleinen Holzhütte hauste und ein Manifest mit dem Titel Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft (1995) verfasste, das 2005 als Unabomber-Manifest in der Edition Nautilus auf Deutsch erschien.

Vom ersten bis zum 232. und letzten Satz ist das Manifest so wenig ein Dokument des Wahnsinns wie Breiviks Textcollage, in der er sich auf Churchill, Atatürk, Herzl, die Frankfurter Schule, Bismarck und viele andere bezieht. Gefährlich wird Breiviks Pamphlet erst durch seine hermetische Abdichtung und die Imprägnierung mit Parolen rechtskonservativer Parteipolitik zur „kulturellen marxistischen Vergewaltigung seit 1968“, zur „marxistisch-islamischen Allianz“ oder zum „Krieg für das europäische Christentum“. Breivik sog sich förmlich voll mit derlei Gebräu und verdickte es – im rechtspopulistisch geprägten Klima – zum mörderischen Gemisch. Über den langen Weg von der Rede zur Tat kann man nur spekulieren, bevor das Gericht vielleicht Licht ins Dunkel von Breiviks Leben bringt.
 

Kommentare (17)

Magda 26.07.2011 | 15:45

Ich denke mir, dass es durchaus einen Wahnsinn gibt bei Breivik und seinen Schriften. Wenn man das Wort "Wahnsinn" ernst nimmt. Auch wenn er eine psychische Störung hat oder vielleicht hat, ist doch wesentlich, mit welchem "Gebräu" er sich "wahnhaft" vollgesogen hat, dass es das mörderische Gemisch wurde. Auch ein Wahnsinniger, ein Verrückter bewegt sich in dieser Welt.
Er hätte ja auch - in seinem Wahn - ganz andere Feinde sehen oder sich in eine komplette Egoshooter-Welt verflüchtigen können.

Sie schreiben: "Mit anderen Worten, „islamkritisches“ Talk-Show-Gerede von Broder-Kelek-Sarrazin und Konsorten ist so wenig eine Keimzelle von Terrorismus, wie die „klammheimliche Freude“ über Terrorakte an linken Stammtischen die Wiege bildete für neue „Generationen“ von Terroristen."

Nee, aber das bildet das finstere Hintergrund-Ostinato, in dem sich so ein Täter bestätigt fühlen mag. Sonst hätte er den Broder ja nicht zitiert.

txxx666 26.07.2011 | 17:01

Die Saat der Gewalt
Geert Wilders und Heinz-Christian Strache, Thilo Sarrazin, Stefan Herre und Henryk M. Broder - gegen all diese "christlich-jüdisch-abendländischen" Fundamentalisten und ihre rechtspopulistischen und Hass gegen Muslime predigenden Gesinnungsgenossen quer durch Europa und auch in Nordamerika wirken klassische Nazis (etwa die Loser von der NPD) fast schon wie harmlose Trachtenvereine.
misanthrope.blogger.de/STORIES/1860125/

lebowski 26.07.2011 | 17:18

"Vom ersten bis zum 232. und letzten Satz ist das Manifest so wenig ein Dokument des Wahnsinns wie Breiviks Textcollage, in der er sich auf Churchill, Atatürk, Herzl, die Frankfurter Schule, Bismarck und viele andere bezieht."

Ich hab das Manifest des Una-Bombers gelesen. Hochinteressant und intelligent. Aber für die Gesellschaft ist es bequemer, solche Leute als armselige Irre auszuweisen. Wenn Kaczynski schreibt, dass ihm die Morde leidtun, ihm aber keine andere Wahl geblieben ist, um die nötige Aufmerksamkeit für sein Pamphlet zu kriegen, so hat Kaczynski die Mechanik der Medien verstanden.
Die Medien urteilen diese Leute von oben herab, obwohl sie selbst nichts anderes als lächerliche Schachfiguren sind, die von Breivik und Co. übers Spielfeld geschoben werden.
Wenn ein Doofmann wie Andreas Rosenfeld auf WON schreibt, dass Breiviks Manifest "eine krude Mischung aus zusammenkopierter Theorie, kulturkritischen Aphorismen, romanhaften Tagebuchpassagen und technischen Anleitungen" ist, dann sollte ihn mal jemand darauf aufmerksam machen, dass das Blatt, für das er arbeitet, zu einem Großteil aus nichts anderem besteht.

Joachim Petrick 27.07.2011 | 15:29

@Rudolf Walther

"Als bekannt wurde, dass der Täter kein Islamist sondern ein weißer Norweger ist, redete plötzlich keiner mehr von einem terroristischen Angriff auf unseren Lebensstil"

Keiner redet vielleicht mehr davon, aber viele fühlen es nun erstmalig, die ganze sogenannte Islamkritik mit ihrem kruden Zuschnitt war nie ein Angriff gegen islamisch geprägte Despoten, sondern ein Angriff auf unseren demokratisch geprägt friedensstiftenden Lebenstil.

siehe:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/von-der-formierten-gesellschaft-zum-formatierten-breivik-krieg

26.07.2011 | 16:48
Von der "Formierten Gesellschaft" zum "Formatierten Breivik Krieg"?
nine eleven nato ernstfall norwegen euro weltfinanzkrise breivik putin formierte gesellschaft formatierte ludwig ehrhard new deal ethnischer nationalist 1999 2001 2083 neonazis christliche fundamentalisten kreuzritter crusaders serbien islam christentum templer orden freimaurer asymmetrischer krieg

Der ethnische Nationalist, Anders Behring Breivik

Von der "Formierten Gesellschaft" zum "Formatierten Outlook Breivik Krieg"?

Führt Breivik den Krieg, den die NATO im Jahr 2001 ausrief?

Joachim Petrick 27.07.2011 | 15:37

@Magda

Der 1560 Breivik "Manifest 1683 plus 400= 2083"
Text ist , wenn auch krude, nur eine Meinung, erst die Reaktion und Schlussfolgerungen von Breivik offenbaren des Wahnsinns Züge im graunehaften Uniform Anzug.
Breivik hätte ja statt des Wahn die zeitgemäß reaktive Depression wählen können!, oder?

Darin stimme ich mit Deiner Wahrnehmung der Wahnsinnstat Breiviks überein.
Meinungen bleiben Meinungen, sind keine Produkte des Wahnsinns, auch wenn diese krude wie obskur daherkommen. denke ich.

MChristian 28.07.2011 | 13:32

Kaczynski hat seine Aufmerksamkeit bekommen, manche haben seine Streitschrift sogar gelesen. Und? Hat sich seitdem irgendwas verändert in der Welt?

Sollen Leute die was gegen die herrschenden Verhältnisse haben, was auch immer der einzelne darunter versteht, jetzt massenhaft Menschen verletzen oder töten um Aufmerksamkeit zu erlangen.

"Äehm, sorry Leute, dass ich grad ein Paar umgebracht habe, aber Ihr müsst das unbedingt mal lesen."??

Not really.

Querköpfe von links oder rechts oder sonstwo her, die auf diese Art die Blicke auf sich ziehen müssen, sind am Ende eben doch nicht ganz bei Trost.

Uwe Theel 28.07.2011 | 19:42

Joachim Du verdrehst wirklich alles:

Keiner redet vielleicht mehr davon, aber viele fühlen es nun erstmalig, die ganze sogenannte Islamkritik mit ihrem kruden Zuschnitt war nie ein Angriff gegen islamisch geprägte Despoten, sondern ein Angriff auf unseren demokratisch geprägt friedensstiftenden Lebenstil.

Die (klein)bürgerliche Mitte "fühlt(e)" sich schon immer bedroht - daher ihre Potenz zur Faschisierung. Jetzt redet sie darüber, mehrheitlich in Form der sogenannten "Islamkritik". Damit verteidigt sie objektiv das bestehende System und sei es nur dadurch, dass sie ein Klima (sich selbst) schafft, dass den Herrschenden die Repression gegen die demokratische Linke erlaubt, die wiederum deren Deprivation weiter befördert. Breivik ist ein radikaler Ausdruck bürgerlicher "Mitte". Bis auf weiteres stellen diese Kräfte nur eine Barriere für eine weitere demokratisch-sozialistische Entwicklung dar, für das bestehende System ("unseren demokratisch geprägt friedensstiftenden Lebenstil"; JP) sind sie objektiv stabilisierend. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob dies Weltgeschichtlich zum zweiten Mal in die Kathastrophe des Faschismus führen wird, was nicht nur Gott verhüten möge.

Deine Behauptung über das, was Du den Krieg der Nato nennst, würde nicht geredet ist sowieso empirisch ohne Beleg und ist nur Reflex Deines verschwörungstheoretischen Ansatzes, nur Du und einige wenige "wüßten" um den wahren Charakter des von Dir so genannten "Nato-Krieges".