Schwarze Arielle: Was in der Fantasie beginnt

Kino Die schwarze Arielle in Disneys neuer Realverfilmung erhitzt die Gemüter. Über Grenzen und Möglichkeiten des „Colorblind Casting“
So könnte ein absolut perfektes Colorblind Casting aussehen
So könnte ein absolut perfektes Colorblind Casting aussehen

Foto: Shiraaz Mohamed Xinhua/eyevine/laif

Seit Beginn der Pandemie hat sich vieles verändert, der aufgeregte Diskurs über Diversität in der Film- und Serienlandschaft gehört nicht dazu: Nachdem kürzlich beim Disney-Fan-Event D23 Expo der erste Trailer zur neuen Realverfilmung von Arielle, die Meerjungfrau präsentiert wurde, herrschte in den sozialen Medien Aufregung – und natürlich nicht nur im positiven Sinn. So störten sich einige erwachsene Menschen daran, dass die Hauptrolle in diesem Remake eines höchst erfolgreichen Zeichentrickfilms aus dem Jahr 1989 mit einer schwarzen Schauspielerin besetzt wurde – und versahen ihre wütenden (und eben trotz gegenteiliger Bekundungen sehr nach Rassismus klingenden) Tweets mit dem Hashtag #NotMyAriel. Dieses Hashtag wurde bereits verwendet, als Disney 2019 erstmals verkündete, dass die junge afroamerikanische Sängerin Halle Bailey, die mit ihrer Schwester Chloe das fünffach Grammy-nominierte Musik-Duo Chloe x Halle bildet, die rothaarige Meerjungfrau spielen sollte. Der Tenor: Die kalkulierte „Wokeness“ von Medienkonzernen nehme überhand und mache nicht einmal vor traditionell weißen Figuren Halt.

Dass Disneys Arielle nicht nur eine fiktionale Figur ist, sondern als Meerjungfrau auch ein Fantasiewesen und ihre Geschichte nur sehr lose auf Hans Christian Andersens traurigem Märchen Die kleine Meerjungfrau (1837) beruht, sollte die Debatte um ihre Hautfarbe eigentlich schon überflüssig machen. Nichtsdestotrotz verwies Regisseur Rob Marshall darauf, dass Halle Bailey ausdrücklich aufgrund ihrer Stimmgewalt für die Rolle erwählt wurde. Viele Medien feierten Disneys Entscheidung für Bailey als Triumph des sogenannten „Colorblind Casting“, das sich besonders in Theater-Adaptionen seit einigen Jahren verbreitet hat.

Mauern einreißen

Beim Colorblind Casting lautet das Besetzungsprinzip, Rollen ungeachtet der Herkunft und Hautfarbe der Darsteller zu besetzen, sofern diese Faktoren für die Entwicklung der Figur oder des Stoffes nicht von Belang sind. Die weiter gefasste Definition bezieht hier auch Faktoren wie Geschlecht, Gender, Alter und Körperform mit ein und wird als „inklusives“ oder „nicht traditionelles“ Casting bezeichnet. Als 1986 das erste, von der amerikanischen Schauspielgewerkschaft Actors’ Equity Association (AEA) organisierte nationale Symposium zu Colorblind Casting stattfand, wurde noch vor allem diskutiert, wie man SchauspielerInnen, die ethnischen Minderheiten angehörten, mehr Zugang zu Rollen in klassischen und traditionell weißen Stücken verschaffen kann. „Wir müssen versuchen, die Mauern niederzureißen, die so viele von uns bislang ausgeschlossen haben“, äußerte damals die afroamerikanische Schauspielerin und Bürgerrechtlerin Ruby Dee.

Während das Colorblind Casting in der internationalen Theaterszene Einzug hielt, war von diesem Konzept in der Film- und Fernsehlandschaft selten explizit die Rede. Unerwartet diverse Besetzungen blieben in der Regel die Initiative von im Einzelfall dafür offenen Regisseuren. So entschied sich George A. Romero bei der Suche nach dem Hauptdarsteller seines Zombie-Films Die Nacht der lebenden Toten (1968) für den schwarzen Schauspieler Duane Jones, weil dieser beim Vorsprechen einfach die beste Leistung gezeigt hatte. Dass Romero damit seinem gesellschaftskritischen Schocker eine weitere Bedeutungsebene (vor allem in Anbetracht des bitteren Finales) hinzufügte und dem afroamerikanischen Kinopublikum auch endlich einen lang ersehnten schwarzen Filmhelden präsentierte, waren Nebeneffekte, die Filmgeschichte schreiben sollten. Nimmt man die umfassendere Definition von Colorblind Casting, kann man an dieser Stelle auch Ridley Scotts Sci-Fi-Erfolg Alien (1979) nennen: Die Konzeption des Figuren-Ensembles sah damals keine konkreten Geschlechtszuweisungen vor, was Sigourney Weaver für die Hauptrolle als Ripley ins Spiel brachte, die bis heute als rares Beispiel für eine universell gefeierte resolute Filmheldin gilt.

Einen ähnlich offenen Besetzungsansatz wählte in jüngerer Zeit auch der Regisseur Armando Iannucci, als er Charles Dickens’ Entwicklungsroman David Copperfield neu verfilmen wollte: Von Beginn an habe er für die Titelrolle an den britischen, indischstämmigen Schauspieler Dev Patel gedacht. Nachdem er Patel überzeugt hatte, entschied sich Iannucci dafür, seinen gesamten Film für ein Colorblind Casting zu öffnen, obgleich Charles Dickens’ Romane zwar grundsätzlich von allen Gesellschaftsschichten im viktorianischen England handeln, dabei aber nie People of Colour inkludierten. „Ich hoffe, das ändert die Einstellung der Leute dazu, wie sie Filme besetzen. Ich sage nicht, dass dies vorgeschrieben ist und so jede Sendung oder jeder Film gemacht werden sollte. Aber ich denke einfach, dass es dort so viel Talent gibt“, erklärte Iannucci der BBC nach dem Kinostart von David Copperfield (2020), der es Dev Patel und vielen anderen nicht weißen SchauspielerInnen ermöglichte, in einem Period-Drama tragende Rollen und eben nicht wie sonst üblich nur die dialoglosen Bediensteten zu spielen. Für Dev Patel sollte es nicht die letzte Hauptrolle in einem historischen Film sein: In David Lowerys prächtigem Helden-Epos The Green Knight von 2021 spielte er als Gawain eine Figur aus der König-Artus-Sage und trug zu den zeitgemäßen Akzenten dieser interessanten Adaption einer altenglischen Vorlage bei.

Eingebetteter Medieninhalt

Nichtsdestotrotz gibt es auch viel Kritik am Colorblind Casting, wobei immer wieder die Argumente des afroamerikanischen Dramatikers August Wilson (Fences, Ma Rainey’s Black Bottom) aufgegriffen werden: Dieser hatte sich in seiner Rede The Ground on Which I Stand (1996) für eine verstärkte Förderung von schwarzem Theater, aber explizit gegen das Colorblind Casting ausgesprochen. Er konnte darin lediglich ein Werkzeug zur Glorifizierung europäischer Kultur und der weiteren Marginalisierung schwarzer Erfahrung und Kunst sehen.

Man muss Wilson vielleicht insofern recht geben, als ein Film wie Iannuccis David-Copperfield-Adaption zwar einerseits den Ritt durch die britische Klassengesellschaft im viktorianischen England vollführt, aber andererseits den ihr doch auch inhärenten Rassismus durch die diverse Besetzung über alle Klassen hinweg komplett negiert. Ähnliches wurde auch Shonda Rhimes’ schmonzettiger, in der Regency-Epoche spielender Serien-Kreation Bridgerton (2020) vorgeworfen.

Diversität als Zugabe

Selbstverständlich ist diese differenziertere Kritik am Colorblind Casting auch SerienmacherInnen nicht verborgen geblieben. So gaben sich die Showrunner hinter den aktuellen Fantasy-Franchise-Ablegern Herr der Ringe: Die Ringe der Macht und House of the Dragon beachtliche Mühe, ihre Besetzungsentscheidungen nicht explizit auf Colorblind Casting, sondern auf die akzeptiertere Praxis des „Color-Conscious Casting“ zurückzuführen, das die ethnische Herkunft der DarstellerInnen zumindest bewusster in den Plot integrieren will. In House of the Dragon etwawurde das Oberhaupt des Hauses Velaryon mit dem schwarzen britischen Schauspieler Steve Toussaint besetzt und dieses somit als Dynastie nobler, silberhaariger, aber eben bewusst schwarzer Seefahrer mit Außenseiter-Status deklariert. Ein Teil des auf die Vorlage pochenden Fantasy-Publikums reagierte dennoch irritiert bis unverschämt. Ähnliches ereignete sich auch bei der Amazon-Produktion Die Ringe der Macht, wo einige Fans der notorisch weißen Fantasiewelten von J. R. R. Tolkien ihre Fantasie damit überfordert sahen, dass es in Mittelerde auch etwas bunter zugehen könnte.

Diese Aufregung ist so ärgerlich wie aufschlussreich besonders auch hinsichtlich des Eurozentrismus mancher ZuschauerInnen – und wer generell Unwohlsein wegen einer schwarzen Meerjungfrau empfindet, sollte wohl die eigenen Sehgewohnheiten dringend auf rassistische Vorurteile abklopfen.

Nichtsdestotrotz verweist die Frequenz solcher Auseinandersetzungen auf ein zugrunde liegendes Problem mit den Traditionen der Film- und Serienbranche: Aktuell wird das höchste Budget in Adaptionen, Remakes, Reboots und Prequels bereits bestehender, häufig jahrzehntealter und eben auch deshalb vornehmlich „weißer“ Stoffe investiert. Die Diversität in den Neubesetzungen ist mithin meistens ein spätes, rein reaktives Hinzufügen. Die Alternative dazu wäre tatsächlich, neue Originale zu finden und das Wagnis einzugehen, der Film- und Serienlandschaft damit von vornherein mehr echte Diversität einzuverleiben und zuzumuten. Und damit dann neue Geschichte zu schreiben.

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