Commander Zukunft?

JÜRGEN RÜTTGERS Von den jungen Fröschen küsst die CDU ihn sich zum ersten Prinzen

Jürgen Rüttgers ist Spitzenkandidat der CDU bei den nordrhein-westfälischen Landtagswahlen. Er gibt sich pragmatisch und bürgernah. Hinter dieser Fassade steckt aber eine Profillosigkeit, die ihn zur idealen Integrationsfigur der Union machen könnte, sollte der Parteivorsitz der CDU doch noch frei werden.

Tschukunft", ein eigenartiges Zischen dringt ins Mikrofon. Der leichte Sprachfehler gehört bereits zum Markenzeichen des Mannes auf dem Podium. Stille im Raum und angespanntes Zuhören. Egal, wo Jürgen Rüttgers - derzeit auf Wahlkampftour in Nordrhein-Westfalen (NRW) - hinkommt, die Kameras sind schon da, aufgeregte Journalisten und eine Horde Bodyguards. Doch der hagere Mann mit dem dünnen grauen Haar, langem Kinn und einer großen Brille lässt sich von dem Wirbel nicht stören, gibt mit stoischer Ruhe Auskunft, ist immer cool und gut drauf.

Jürgen Rüttgers ist eines der eigenartigsten Phänomene, das die krisenerschütterte CDU derzeit personell zu bieten hat. Er verkörpert die Synthese der CDU-Pole, ist ein Mann, der die Widersprüchlichkeit seiner konservativen Herkunft und progressiven Inhalte zum Programm erhoben hat. Bei ihm ist für jeden etwas dabei: Die Traditionalisten sehen in ihm die Fortpflanzung der Kohlschen Linie. Für die Reformer und Parteilinken ist er stets Mister "Z" wie "Zukunft", der Mann von morgen, der Zukunfts-Jürgen eben.

Charisma: Seine Stärke liegt eher darin, dass er keines hat

Eigene Charakterzüge sind hinter der ewig gleichen Fassade des gebürtigen Kölners schwer auszumachen. Seine Stärke liegt nicht im Charisma, eher darin, dass er keines hat. Vieles, was an anderen Politikern stört, ist bei ihm nicht zu finden: Keine Verbissenheit, kein Verlieren im Detail, keine aggressiven Töne, keine Anspielungen, die man nicht versteht und keine überzogene Polemik. Doch das alles ist nicht etwa so konzipiert, sondern authentisch. Rüttgers hat eben wenig Profil, ist eher langweilig.

Bei seinen Wahlauftritten und Reden betont er immer gerne die Zufälligkeit, mit der er zur Union, zu seinem Studium, zum Katholizismus, ja letztlich zu allem, was ihn prägte, gekommen sei. Ein bisschen rheinische Frohnatur, ein bisschen Bürokrat, ein bisschen Katholik, ein bisschen Reformer - das alles habe sich halt so ergeben: Abitur, Jurastudium, katholische Jugendarbeit. Dann Junge Union (JU) und 1987 mit 36 Jahren das Bundestagsmandat. Dicke Ellenbogen und gute Kontakte zu Helmut Kohl beschleunigten seine Karriere: 1989 wurde er Parlamentarischer CDU/CSU-Geschäftsführer im Bundestag, schließlich von 1994 bis 1998 "Zukunftsminister", Commander "Tschukunft", oder einfach Bundesbildungsminister.

Nach der Bundestagswahl vom September 1998 kam es zum ersten Mal seit längerer Zeit hart auf hart für Rüttgers. Zähe Kampfabstimmungen um den stellvertretenden Fraktionsvorsitz im Bundestag, das Zittern um den stellvertretenden Bundesvorsitz der Partei und schließlich die Wahl zum CDU-Vorsitzenden in NRW. Gerade dieser Posten war das größte Sorgenkind: Würde Rüttgers die CDU in NRW, die unter ihrem bisherigen Vorsitzenden Norbert Blüm vollkommen verrottete, auf Zack bringen können? Würde der ewige Lückenfüller zur Zugmaschine eines der größten CDU-Landesverbände werden. Reicht es, einfach nur gut drauf zu sein und gute Laune zu machen, ohne geistige Tiefe zu vermitteln? Die sensationellen Erfolge für die CDU bei den Kommunalwahlen im vergangenen Sommer ließen schon glauben, dass Rüttgers' Spiel aufgeht. Doch auch er weiß, dass es eigentlich kein großes Kunststück ist, einen Landesverband besser als Norbert Blüm zu führen. Der war durch anderthalb Jahrzehnte im Kabinett Kohl vollkommen entleert und entkräftet.

Was Rüttgers auch in NRW zugute kam, das ist seine Unfähigkeit, sich über Dinge aufzuregen und sich durchzubeißen. Er lässt den Ortsverbänden viel Freiraum, taucht ab und zu auf und macht gute Stimmung. Mehr will und kann er nicht bieten. Rüttgers - so scheint es - war in NRW mal wieder zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, hatte Glück. Denn seine Lässigkeit und Ausstrahlung ist das, was die CDU in NRW braucht. Auch die Mitglieder an der Basis sind zufrieden. Zwar würde für ihn niemand die Hand ins Feuer legen - zu groß ist die Distanz, die Rüttgers sein Gegenüber stets spüren lässt. "Aber besser als vorher ist es so allemal", erzählt ein 43-jähriger Unternehmer und CDU-Mitglied aus Duisburg.

Für Kohl war Rüttgers stets ein treuer, stiller und unproblematischer Gefolgsmann, der keine Probleme macht und ab und zu eigene Ideen hat, nachzulesen in seinem vor kurzem erschienem Buch Zeitenwende - Wendezeiten. Doch richtig zu überzeugen mögen sie nicht. Sätze wie der folgende sind reines Allgemeingeplänkel mit kritischem Anstrich: "Die entstehende Wissensgesellschaft erfordert daher auch ein neues Selbstbewusstsein der Geistes- und Sozialwissenschaften." Auch zum Thema Werte und Ethik meldet Rüttgers sich gerne zu Wort: "Werte werden nicht nur für das eigene Handeln benötigt. Selbst die deskriptive Wissenschaft kann auf die Selektion ihres Materials nicht verzichten. Strategien zur Informationsselektion müssen sich unweigerlich an bestimmten Werten orientieren."

Hört man Rüttgers öfter zu, so merkt man die Schäden, die der Kohlsche Impetus bei ihm angerichtet hat. Zu wirklicher Programmatik nicht fähig, durch Denk- und Sprechverbote geistig stillgelegt - eben ein typischer Vertreter einer jüngeren CDU-Generation, an der die Folgen des Systems Kohl offen zu Tage treten. Stets hat sich Rüttgers zurückgezogen, wenn er zu laut wurde und gegen obere Meinungen verstieß. So strich ihm Kohl mehrmals bereits zugesagte Millionen für seinen Bildungsetat wieder zusammen, ohne dass er jemals protestierte.

Wer dem ewigen Sunnyboy etwas übel nimmt, degradiert sich selbst zum Sadisten

Rüttgers ist kein Mann der politischen Grabenkämpfe und erbitterten Fights. Was er als vornehme Erhabenheit verkauft, ist auch sein etwas langsames Denken und Schalten, in Talkshows und Debatten kann er nicht spontan reagieren, findet er keine überzeugenden Argumente. Das lässt er dann gekonnt so aussehen, als wolle er sich gar nicht mit der Blödheit der anderen abgeben, verkauft seine Ansichten als quasi-sakrale Weisheiten. Er vermittelt den Eindruck, als wäre alles, auch er selbst, von übergeordneten Kräften gelenkt, schlüpft für einen Moment in die Rolle des politischen Metaphysikers, spricht von Zukunft und Visionen, gibt sich messianisch.

Es ist dieses Schweigen mit erhobenem Kopf, das ihn bisher davor rettete, sich in der Partei die Finger zu verbrennen. Dazu wäre es schon mehrmals beinahe gekommen, hätte Rüttgers nicht im passenden Augenblick seine Hauptwaffe gezogen: das charmante Schulknabenlächeln, das Verlegenheit und Hochmut zugleich ausdrückt. Es bewegte stets Parteifreunde und Gegner dazu, selbst starke Vorwürfe gegen ihn fallen zu lassen. Denn wer dem ewigen Sunnyboy etwas übel nimmt, degradiert sich selbst zum Sadisten. Doch wer es mit Rüttgers zu tun hat, weiß auch, dass er bereits mit leiser Kritik ruhig zu stellen ist. Da ist er ein ganz traditioneller Christdemokrat mit tiefer Hierarchiegläubigkeit.

Zuletzt bewahrte ihn das sanfte Grinsen vor der parteiinternen Zerfleischung, als er sich im vergangenen Sommer für ein Überdenken traditioneller Werte der CDU einsetzte. Er forderte eine bessere Anerkennung nichtehelicher Lebensgemeinschaften und Homosexueller, eine liberalere Drogenpolitik, einen offeneren Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen und ein Überdenken des Verhältnisses zur Kirche. Das stockschwarze Grundwasser der vollkommen veralteten Ethik der CDU sollte kräftig umgerührt werden. Der Ärger der Parteiführung war groß, die Schelte hingegen nur sanft, und Rüttgers schwieg fortan zu seinen Plänen.

Aber ebenso wie sein unverwechselbares Grinsen gibt es ein Wort, das ihn ständig begleitet, das er zu seinem stillen Teilhaber erwählt hat, zum persönlichen Leitmotiv seiner politischen Karriere: "Zukunft". Denn da, wo Jürgen Rüttgers auftritt, geht es nicht nur um die quälenden Fragen der Alltagspolitik, sondern um das, was kommen wird. Gegenwart ist für ihn eine Pflicht, Vergangenheit eine Last, Zukunft aber die wahre Erfüllung des 49-Jährigen. Deshalb hatte er sich auch 1994 nicht nur mit dem Titel eines Bildungsministers zufrieden gegeben, sondern sein Ministerium gleich zum "Zukunftsministerium" ernannt, zur Raumstation der politischen Weichenstellung. Zukunftsminister - das ist für Rüttgers der Aufstieg in die hohen Sphären der politischen Metaphysik.

Doch davon spricht er nicht im NRW-Wahlkampf. Da gibt er sich pragmatisch, will er der Macher sein. Doch wer ihn kennt, der weiß, dass er nur Ministerpräsident auf Zeit sein würde, dass Rüttgers kein guter Landesvater wäre. Dies versucht er nun krampfhaft zu vertuschen, spricht von Bürger- und Praxisnähe, wettert gegen Designermöbel in Politikerbüros und bekennt sich stolz als Renault-Fahrer. Gedanklich wirkt er dabei allerdings abwesend, schwebt er immer noch als Zukunftsminister in seiner Raumstation durch das Futur.

Wegen der CDU-Spendenskandale wird nun aus dem Zukunftstraum vom Düsseldorfer Regierungschef vermutlich nichts. Anders vielleicht, wenn es auf dem CDU-Bundesparteitag im April noch um die Frage des Parteivorsitzes gehen sollte. Die CDU wird sich fragen müssen, welche Strategie sie bei der neuen Imagefindung, um die sie nicht herumkommen wird, fahren will. Zu einer solchen Strategie gehört dann auch der passende Parteivorsitzende. Zur Auswahl stehen ein stockkonservativer Hardliner wie Bernhard Vogel oder ein weiser Vater im persönlichen Format eines Bundespräsidenten wie Kurt Biedenkopf, ein aufmüpfiger Besserwisser wie Christian Wulff oder ein energischer Macher wie Volker Rühe. Oder eben ein bisschen von allen in einem: Jürgen Rüttgers könnte das sein. Für den CDU-Vorsitz wäre Rüttgers derzeit sicherlich keine schlechte Besetzung. Er gibt sich nachdenklich und hält sich von vorschnellen Urteilen zurück, beispielsweise wenn es um Johannes Rau und dessen Flugaktivitäten als ehemaliger Ministerpräsident in NRW geht. Außerdem versöhnt er als Kohl-Zögling ältere Parteimitglieder, die in dem Patriarchen aus der Pfalz immer noch die Fleischwerdung der Partei sehen.

Rüttgers ist zudem jemand, der ohne Probleme weitere Details der Spendenskandale offen und ohne Pathos der Öffentlichkeit verkaufen könnte. Außerdem täte der Bundes-CDU ein freiheitliches Regiment, wie es Rüttgers in NRW führt, eine Zeit lang gar nicht schlecht, damit die Parteibasis endlich wieder Luft zum Atmen, nicht das Maul mit Geld gestopft oder die Ohren mit Skandalgejammer zugeheult bekommt.

Allerdings geht Rüttgers in letzter Zeit mit seiner früheren Kohlnähe vorsichtiger um: Als ehemaliger Kohl-Jünger lebt es sich derzeit nicht einfach in manchen CDU-Kreisen. Doch in einem Punkt ist er unschlagbar: Keiner seiner Konkurrenten genießt soviel Popularität bei den jungen Wählern und Parteimitgliedern wie Rüttgers. Und es ist gerade das vielfach propagierte Werben um das Vertrauen der Jungen, das die CDU wegen der nicht enden wollenden Kette von Finanzskandalen dringender nötig hat als je zuvor.

Rüttgers Nachteil: Er darf nicht zu lange im Amt bleiben, denn dann fällt auf, dass er eigentlich außer guter Stimmung nicht viel vermitteln kann. Er wäre eine gute Übergangslösung für die CDU, um im Hintergrund einen passenden Kanzlerkandidaten langsam aufzubauen für den nächsten Bundestagswahlkampf in zwei Jahren - beispielsweise Volker Rühe. Das ist aber andererseits schwierig mit ihm, denn eines wissen seine Parteikollegen auch: Wo sich Rüttgers einmal festsetzt, da kriegt man ihn nicht mehr so schnell weg. - Auch das hat er sich von Kohl abgeguckt.

Aber jetzt ist erst mal Wahlkampf in NRW. Und obwohl Rüttgers wegen der CDU-Spendenskandale kaum noch eine Chance hat, die Wahl zu gewinnen, lässt er sich nicht entmutigen, denn wer weiß, für welche hohen Posten er noch bestimmt sein wird in seiner viel beschworenen Zukunft ...

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 42/2021

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