Die eine Welt, die eine Natur

Taifun Haiyan Die Philippinen wurden zum Opfer einer Katastrophe, die wir alle mit verursacht haben

Als sich die Regierungen der Welt vor einem Jahr zu den jährlich stattfindenden Klimaverhandlungen in Doha trafen, lernte ich Naderev Saño kennen. Der philippinische Chefunterhändler war völlig außer sich. Taifun Bopha, ein „Super-Taifun“ der Kategorie fünf, war soeben erst mit einer Geschwindigkeit von 282 Stundenkilometern über die Insel Mindanao hinweg gerast. Es war der 16. schwere Sturm des Jahres 2012. Hunderttausende Menschen hatten ihr Zuhause und über 1.000 ihr Leben verloren. Saño und sein Team kannten die Orte, die von der Katastrophe im November 2012 am stärksten getroffen wurden.

Saño sagte in Doha: „Jede Taifun-Saison kostet uns zwei Prozent unseres Bruttosozialprodukts, und der anschließende Wiederaufbau verschlingt weitere zwei. Das bedeutet – jedes Jahr verlieren wir vier Prozent unserer Wirtschaftsleistung durch Naturkatastrophen. Wir erhalten von außen keinerlei finanzielle Hilfe, um uns auf die durch den Klimawandel stärker werdenden Taifune oder andere extreme Wetter einstellen zu können. So werden wir keine Zukunft haben. Es kann nicht sein, dass wir einen Teil unseres Lebens auf der Flucht vor Stürmen verbringen.

Deshalb können die Verhandlungen über die Konsequenzen des Klimawandels nicht bei dem verharren, was wir gegenwärtig als Fortschritt betrachten. Dies hieße, sich mit den Missständen planetarischer, wirtschaftlicher und ökologischer Natur abzufinden. Die ganze Welt und besonders die Entwicklungsländer, die gegen Armut kämpfen und sich um soziale Standards bemühen, sehen sich den gleichen Realitäten gegenüber. Ich spreche im Namen von 100 Millionen Filipinos, nicht als Führer meiner Delegation, sondern als Filipino ...“ An diesem Punkt brach Naderev Saño ab.

Unfassbare Geschwindigkeit

Nach dem jüngsten Inferno, das der Taifun Haiyan verursachte, war Saño telefonisch nicht zu erreichen. Die Leitungen nach Manila waren tot. Vermutlich war er ohnehin bereits auf dem Weg zur diesjährigen UN-Klimakonferenz, die seit Wochenbeginn in Warschau tagt.

Im November 2013 wurden die Philippinen von einem noch stärkeren Taifun heimgesucht als im Vorjahr, einem der stärksten, die je gemessen wurden – 40 Kilometer breit und mit Spitzengeschwindigkeiten von unfassbaren 322 Stundenkilometern.

Noch können wir nicht wissen, wie viele Menschen ums Leben kamen. Aber dass die Schäden an die Folgen eines Tsunamis erinnern, lässt sich absehen. Wir ahnen, dass die Stärke tropischer Stürme wie Haiyan oder Bopha mit der Meerestemperatur zusammenhängt. Wenn sich die Ozeane im Zuge des Klimawandels stärker erwärmen, gerät zusätzliche Energie ins System. Die Stürme treten vielleicht nicht häufiger auf als früher, aber der Pazifische Ozean erwärmt sich schneller als erwartet. Es gibt heute einen breiten wissenschaftlichen Konsens darüber, dass Taifune dadurch an Stärke gewinnen.

Ebenso wie Bopha wird auch Haiyan in den Entwicklungsländern Afrikas und Asiens von vielen Menschen als Vorspiel dessen empfunden, was die Zukunft – zusätzlich zu einem steigenden Meeresspiegel und zu knappen Wasserressourcen – für sie bereithält. Was aber die Regierungen der dadurch am meisten gefährdeten Länder noch stärker beunruhigt als derart dramatische Aussichten, ist etwas anderes: Sie glauben, dass die reichen Länder den politischen Willen verloren haben, mit dem Tempo gegen den Klimawandel vorzugehen, das geboten wäre, um zu verhindern, dass in den kommenden Jahren das geschieht, was sich derzeit bereits abzeichnet.

Stattdessen scheint man weiter dem Irrglauben verfallen zu sein, dass unsere Beherrschung der Natur stetig vervollkommnet wird, dass es einen Fortschritt gibt, der keine Endlichkeit kennt – weder die des Menschen noch die der Welt. Es sind ja wieder nur die Ärmsten der Armen, die der Sturm geholt hat – die Leute vom Rand einer Restwelt, die sich auf einem meterologisch gefährlichen Breitengrad zu behaupten sucht.

Noch vor wenigen Jahren stand der Klimawandel ganz oben auf der internationalen politischen Agenda. Heute wird das Thema von den politischen Eliten in London, Washington, Tokio, Berlin oder Paris immer seltener erwähnt. Australien schickt noch nicht einmal einen Staatssekretär zum Warschauer Treffen, und Gastgeber Polen nutzt die Gelegenheit, um seine Kohleindustrie zu feiern. Selbst die erbärmlich geringen Summen, die von den reichen Ländern armen Staaten wie den Philippinen, Kambodscha, Vietnam oder Bangladesch versprochen wurden, um den Klimawandel zu meistern, sind die selbst ernannten Geber bisher schuldig geblieben. Die Subventionen für fossile Brennstoffe allerdings belaufen sich inzwischen weltweit auf über 500 Milliarden Dollar pro Jahr. Noch schlimmer ist, dass die Interessen des Großkapitals seit einigen Jahren immer stärkeren Einfluss auf die Verhandlungen der Klima-Emissäre nehmen.

Selbst ist der Staat

Daher sehen die meisten der bedrohten Länder keine Alternative, als die Sache allein in Angriff zu nehmen. Länder wie Bangladesch, Nepal, die kleinen pazifischen und karibischen Inselstaaten sowie etliche afrikanische Nationen beginnen endlich damit, Landwirtschaft, Fischerei, die Landstraßen und die Infrastruktur ihrer Städte den veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen.

Doch um immer schwereren Stürmen, dem Anstieg der Meeresspiegel und der Wasserknappheit Herr zu werden, bräuchten diese Regionen Billionen Dollar. Woher sollen sie die nehmen? „Die Zeit läuft ab“, sagte Naderev Saño der Welt vor zwölf Monaten. „Sorgen Sie bitte dafür, dass wir uns an das Jahr 2012 als eines Zeitpunktes erinnern, an dem die Welt den Mut fand, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Ich frage uns alle hier: Wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, wo sonst?“

John Vidal ist Guardian-Korrespondent für Umweltpolitik und Autor des 1998 erschienenen Buches Burger Culture on Trial

06:00 27.11.2013
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