Falsche Freunde

Gesellschaft Für einige ist der aktuelle Antikapitalismus eine versteckte Form des Antisemitismus. Der Philosoph Slavoj Žižek geht dieser These nach
Falsche Freunde
„Ich kenne euch sehr gut“, sprach der Präsident zu einem jüdischen Publikum, „ihr seid überhaupt keine netten Menschen“

Foto: Win McNamee/Getty Images

Ein Hauptgrund für die Niederlage der Labour-Partei bei den Parlamentswahlen in Großbritannien im letzten Dezember war die gut organisierte Rufmord-Kampagne gegen Jeremy Corbyn. Er wurde vom Simon Wiesenthal Center (noch vor tatsächlichen Terroristen!) sogar zum Top-Antisemiten des Jahres 2019 gekürt – ein Fall von ausländischer Einmischung in nationale Wahlen, der mindestens so gravierend sein dürfte wie die Einmischung der Russen in die letzten US-Präsidentschaftswahlen. Das ist aber nichts Neues und nur ein kleiner Teil einer globalen Offensive, unter deren Opfern sich auch viele Juden befinden, die der israelischen Politik kritisch gegenüberstehen. Wie etwa der „Hamas-Propagandist“ Gideon Levy, der am 8. Dezember letzten Jahres in der israelischen Zeitung Haaretz Folgendes schrieb: „Gesetze, die den Antizionismus und die Bewegung gegen die Besatzung als antisemitisch bezeichnen, werden mit überwältigenden Mehrheiten verabschiedet. Jetzt spielen sie Israel und dem jüdischen Establishment noch in die Hände, aber sie könnten auch den Antisemitismus neu entfachen, wenn Fragen nach dem Ausmaß dieser Einmischung aufkommen.“

Ich halte Levy für einen wahren „patriotischen Israeli“, und so hat er sich auch selbst einmal bezeichnet. Er sagt ganz richtig voraus, dass die Verschmelzung einer Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus eine neue Welle des Antisemitismus erst auslösen wird. Aber auf welche Art und Weise? Um seine zionistische Politik zu rechtfertigen, macht der Staat Israel einen katastrophalen Fehler: Er hat beschlossen, den sogenannten „alten“ (traditionell europäischen) Antisemitismus herunterzuspielen und sich stattdessen auf den „neuen“ und vorgeblich „progressiven“ Antisemitismus in der Maske der Kritik an seiner zionistischen Politik zu konzentrieren.

In diesem Sinne schrieb auch der französische Publizist Bernard-Henri Lévy vor kurzem, der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts werde „progressiv“ oder gar nicht vorhanden sein. Am Ende zwingt uns diese These dazu, die alte marxistische Interpretation des Antisemitismus als mystifizierter/verschobener Antikapitalismus (statt dass dem kapitalistischen System die Schuld gegeben wird, konzentriert sich die Wut auf eine bestimmte ethnische Gruppe, die beschuldigt wird, das System korrumpiert zu haben) umzukehren: Für Lévy und seine Verbündeten ist der aktuelle Antikapitalismus eine versteckte Form des Antisemitismus.

Ihr seid Mörder, sagt Trump

Das unausgesprochene, aber deshalb nicht weniger effiziente Verbot, den „alten“ Antisemitismus zu attackieren, greift in genau dem Moment, in dem dieser „alte“ Antisemitismus zurückkehrt, vor allem in den postkommunistischen osteuropäischen Ländern.

Eine ähnlich seltsame Situation können wir in den USA beobachten: Wie können die christlichen US-Fundamentalisten, die sozusagen von Natur aus antisemitisch sind, jetzt leidenschaftlich die zionistische Politik des Staates Israel unterstützen? Es gibt nur eine Lösung für dieses Rätsel: Nicht die amerikanischen Fundamentalisten haben sich geändert, sondern der Zionismus selbst ist in seinem Hass auf Juden, die sich nicht vollständig mit der Politik des Staates Israel identifizieren, paradoxerweise antisemitisch geworden. Das heißt, er hat die Figur des Juden konstruiert, der analog zum Antisemitismus das zionistische Projekt anzweifelt.

Donald Trump machte genau dasselbe, als er antisemitische Klischees benutzte, um Juden als geldgierig und als Israel gegenüber nicht loyal genug zu beschreiben. Die Überschrift eines Vanity-Fair-Artikels sagt schon alles: „Trump Goes Full Anti-Semite in Room Full of Jewish People“ – „Trump wird in einem Raum voller Juden zum kompletten Antisemiten“. Warum aber reagieren so viele Zionisten trotzdem positiv auf Trumps Botschaft? Hier ist das Wesentliche dessen, was gesagt wurde:

„In seiner Ansprache beim Israeli American Council in Hollywood, Florida, am Samstagabend hat Trump all seine liebsten antisemitischen Stereotype in einem Raum voller Juden benutzt. Er begann mit dem uralten Klischee der ,gespaltenen Loyalität‘ und sagte, es gäbe Juden, die ‚Israel nicht genug lieben‘. Nach dieser Aufwärm-Übung tauchte er direkt in die beliebte Klischeevorstellung vom Juden und vom Geld ab: ‚Viele von euch sind im Immobiliengeschäft, denn ich kenne euch sehr gut. Ihr seid brutale Mörder und überhaupt keine netten Menschen‘, so Trump. ‚Aber ihr müsst für mich stimmen – ihr habt gar keine Wahl. Ihr werdet nicht für Pocahontas stimmen, das kann ich euch jetzt schon sagen. Ihr werdet nicht für die Vermögenssteuer stimmen. Yeah, wie wäre es, wenn wir euch 100 Prozent eures Vermögens wegnähmen?‘ Er fuhr fort: ‚Manche von euch mögen mich nicht. Manche von euch mag ich überhaupt nicht, um ehrlich zu sein. Aber ihr werdet meine größten Unterstützer sein, denn ihr seid in etwa 15 Minuten arbeitslos, wenn sie die Vermögenssteuer durchbringen. Also muss ich nicht viel Zeit darauf verwenden.‘“

Der Gedankengang könnte kaum klarer formuliert werden: Ihr seid Juden, und als solchen ist euch nur das Geld wichtig, und euer Geld ist euch wichtiger als euer Land, also mögt ihr mich nicht und ich mag euch nicht, aber ihr müsst für mich stimmen, denn sonst verliert ihr euer Geld …

Israel spielt ein gefährliches Spiel: Vor einiger Zeit musste sich der Sender Fox News, die wichtigste Stimme der radikalen Rechten in den Vereinigten Staaten und ein entschiedener Verfechter der israelischen Expansionspolitik, von seinem beliebten Moderator Glenn Beck trennen, weil dessen Kommentare offen antisemitisch geworden waren.

Und als Donald Trump bei der diesjährigen Chanukka-Party eine umstrittene Verordnung zum Antisemitismus unterzeichnete, war auch John Hagee dabei, der Gründer und Vorsitzende der christlich-zionistischen Organisation „Christians United for Israel“.

Hagee hält das Kyoto-Protokoll für eine Verschwörung, die darauf abzielt, die US-amerikanische Wirtschaft zu manipulieren. In seinem Bestseller-Roman Jerusalem Countdown ist der Antichrist gleichzeitig auch EU-Präsident. Aber Hagee hat auch Aussagen gemacht, die klar antisemitisch klingen: Er hat den Holocaust den Juden selbst angelastet; er hat erklärt, Hitlers Verfolgung der europäischen Juden wäre Teil eines „göttlichen Plans“ zur Gründung des Staates Israel gewesen; für ihn sind liberale Juden „vergiftet“ und „spirituell blind“; er gibt zu, dass der von ihm favorisierte präventive Atomangriff gegen Iran zum Tod der allermeisten Juden in Israel führen würde (als Kuriosum behauptet er in Jerusalem Countdown, Hitler entstamme einer Traditionslinie von „verfluchte(n), völkermörderische(n) Mischlingsjuden“). Mit solchen Freunden braucht Israel wirklich keine Feinde mehr.

Nicht ohne Palästinenser

Im Juli 2008 erschien in der Wiener Tageszeitung Die Presse eine schockierende Karikatur: Sie zeigt zwei gedrungene Österreicher, die aussehen wie Nazis. Der eine hat eine Zeitung in der Hand und sagt zum anderen: „Hier sieht man mal wieder, wie vollkommen gerechtfertigter Antisemitismus für eine billige Kritik an Israel missbraucht wird!“ Wenn die heutigen christlich-fundamentalistischen Unterstützer der Politik Israels eine linke Kritik an dieser Politik ablehnen, kommt dann ihre implizite Argumentation der Karikatur nicht frappierend nah?

Doch während der Kampf zwischen zionistischen Hardlinern und Juden, die offen für einen wahren Dialog mit den Palästinensern eintreten, von entscheidender Bedeutung ist, sollten wir den Hintergrund dieses Kampfes nicht vergessen – die Palästinenser in der West Bank, die täglichem administrativen und sogar physischen Terror ausgesetzt sind, Manipuliert von den arabischen Regierungen um sie herum.

Und während dieser Konflikt keiner zwischen „Juden“ und „Arabern“ ist, ist er genauso wenig eine Art kollektives Psychodrama der über die israelische Politik zerstrittenen Juden, in dem die Palästinenser nicht mehr als eine Hintergrundstimme darstellen würden. Denn ohne eine authentische palästinensische Stimme wird es keinerlei Ausweg geben.

Info

Von Slavoj Žižek erschien zuletzt Wie ein Dieb bei Tageslicht. Macht im Zeitalter des posthumanen Kapitalismus bei S. Fischer 2019

Übersetzung: Christina Borkenhagen
06:00 11.02.2020

Ausgabe 08/2020

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