Correct verbonden

Fairphone Von No-Nonsense-Usern und Proud Pioneers: Wie die Community Teil des Produkts wird
Milena Fee Hassenkamp | Ausgabe 13/2015

Das niederländische Unternehmen Fairphone arbeitet seit 2013 an der Herstellung eines fairen Handys – und macht seinen Nutzern online die eigene Vorgehensweise zugänglich. Sie sollen am Prozess der Entstehung beteiligt werden. Das läuft meist online.

Vergangene Woche wurde zum ersten deutschen Offline-Communitynachmittag eingeladen. An diesem Nachmittag sollen sich in den verglasten Räumen des unabhängigen E-Mail-Diensts Posteo in Berlin-Kreuzberg also fremde Menschen treffen, die eines verbindet: das Telefon mit dem Sternlogo, das sie in der Tasche tragen.

In der einen Ecke des loftartigen Raumes hocken Menschen unterschiedlichen Alters auf Sitzsäcken und schauen einen an die Wand projizierten Dokumentarfilm über die Herstellung des Fairphones. Andere sitzen an Holztischen und schmieren sich Brote mit vegetarischem Aufstrich aus dem Bioladen. Sie reichen sich kauend ihre Smartphones über den Tisch, nehmen sie immer wieder auseinander und bestaunen die Einzelteile, ein bisschen wie Kinder.

„Den Akku kann man auch rausnehmen“, erklärt mir eine Nutzerin, zeigt auf mein iPhone und sagt: „Das geht bei deinem nicht!“ Gruppentreffen fände sie eigentlich doof, aber hier sei das etwas anderes, die Menschen seien ihr sympathisch, wenn sie ein Fairphone besitzen. Gibt es etwas, das sie an dem Handy stört? „Dass das Fairphone keine Öse für einen Handyanhänger hat“, antwortet sie und zeigt dann stolz, wie sie das Problem durch eine Schutzhülle, in der der Anhänger steckt, gelöst hat.

Ethische Unterstützer

Die meisten Leute, die heute gekommen sind, sind mittleren Alters – und haben auch einen Posteo-Account. Dabei wirken sie ganz anders als junge, hippe Technikfreaks. Warum begeistern sie sich so für diese beiden Start-ups? Kommt man mit ihnen ins Gespräch, sagen viele, dass sie vor dem Fairphone noch nie ein Smartphone besessen haben, dass sie Bio-Waren kaufen oder vegetarisch leben, kein Auto besitzen und sich auch sonst wenig aus Technik machen. Vom Fairphone habe sie von ihren technikbegeisterten Verwandten erfahren, erzählt eine Anfang 20-Jährige, die dem Gerät das neue iPhone vorgezogen hätte. Und hat es dann sofort gekauft.

60.000 Käufer haben die Produktion des ersten Fairphones ermöglicht. Jetzt wolle man sich für diese Unterstützung bedanken, sagt die junge Pressesprecherin und Organisatorin von Fairphone, Roos van de Weerd. Man möchte die ersten Nutzer an dem Prozess beteiligen, der nun die zweite Generation Fairphones entstehen lässt.

„Guck mal“, sagt eine käppitragende Besitzerin und zeigt mir die Gravur auf der Innenseite des Telefongehäuses. Sie wird dort als einer der ersten 10.185 Menschen gewürdigt, die in das Produkt investiert haben. Sie steckte 325 Euro in eine Firma, die noch nie zuvor ein Handy hergestellt hatte, und ohne das Produkt je gesehen zu haben. Mit dieser Investition haben sie und ihre Mitstreiter eine Idee gekauft. Die soll nun im Austausch mit ihren Nutzern wachsen. Doch wie sieht dieser Austausch denn konkret aus?

Wenn es nach den Fairphone-Machern geht, soll zum Beispiel transparent werden, dass ihr Telefon nicht vollkommen korrekt ist. „Die Grundidee ist, zu sagen: Wir stellen kein faires Telefon her“, erklärt Roos van de Weerd. Aber es sei fairer als andere, und das fairste, das es momentan auf dem Markt gibt. Viele würden allerdings Superlative erwarten, sobald auf einer Marke fair draufstehe. Und erwarteten von Mitarbeitern, dass sie auch kein Leder tragen oder Fleisch essen. Aber darum gehe es nicht, sagt van de Weerd. Sondern eher darum, eine Debatte anzustoßen: Wie viel Fairness ist bei den momentanen Marktbedingungen überhaupt möglich?

An diesem Nachmittag zumindest soll alles bio sein. Man nippt an nachhaltigem Wasser und klebt bunte Punkte auf Zettel, die auf dem Holztisch ausliegen. Darauf stehen die verschiedenen Fairphone-Nutzer-Typen: Vom technisch versierten DIY-Techie über den ethisch bewussten Ethical Supporter, den Vorreiter einer neuen Produktform, Proud Pioneer, bis zum zweifelnden Thoughtful Critic zum dem No-Nonsense-User können sich die Anwesenden jemanden aussuchen, mit dem sie sich identifizieren. Die meisten Punkte erhalten die Ethischen Unterstützer. Auch Besucher Yerum, ein etwa 40-jähriger Niederländer, hat seinen Punkt an sie vergeben. Und er wünscht sich so wie viele der Anwesenden, dass das nächste Fairphone noch fairer ist.

Zinn und Tantal

Das aktuelle Fairphone enthält vier Konflikt-Mineralstoffe, zwei bekommen die Macher schon auf einem fairen Weg: Zinn und Tantal. Die Stoffe Zinnstein und Gold sind noch nicht konfliktfrei. Und auch Kinderarbeit konnte man bislang nicht ausschließen. Bei der kleinen Stückzahl, die zunächst produziert wurde, war es schwer genug, einen Hersteller zu finden, der bereit war, auf die Anforderungen der Firma einzugehen. Fairphone hat inzwischen seinen Hersteller gewechselt, bei der neuen Firma Hi-P soll es nun noch fairer werden. Durch eine transparente Arbeitsweise soll Schritt für Schritt erreicht werden, dass die Arbeitsbedingungen sozialer und effektiver gestaltet werden.

Im Moment arbeite Fairphone daran, das Handy länger haltbar zu machen, erklärt Roos van de Weert. Man soll es leichter auseinanderbauen können, um Einzelteile auszutauschen. Manche Nutzer bemängeln zu kurze Akkulaufzeit, schlechte Updates oder lange Lieferzeiten – durch ihre Kommentare auf der Website sollen sie diese Prozesse begleiten und helfen, das Handy besser zu machen.

An diesem Nachmittag wurde aus der Community eine ganz reale, und mittlerweile trägt sie blaue Fairphone-T-Shirts und macht Selfies mit den Machern. Seltsam, wenn Kapitalismuskritiker so eine Marke feiern. Aber es geht ja um mehr als um ein Produkt. Mit dem Fairphone kauft man auch das Gefühl, die Welt ein bisschen besser zu machen.

06:00 27.03.2015

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