Countdown der Katastrophe

Kein Frieden um jeden Preis Trotz der Abkehr von ihrer Politik des Appeasement konnten die westlichen Demokratien Hitler 1939 nicht von der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges abhalten

Es gab wohl nur wenige Jahre im Laufe der Geschichte, in denen die Menschheit mit einer solch großen Gewissheit auf eine Katastrophe zusteuerte wie 1939. Permanent rechneten Regierungen und Bevölkerung mit dem Ausbruch eines Krieges, der kaum zu verhindern, sondern nur mit fatalistischem Gleichmut zu erwarten war.

In den acht Monaten zwischen Jahreswechsel und Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September spielte die Presse eine wichtige Rolle. In dem "Nerven­krieg", wie ihn die National­sozialisten nannten, galt es, die Vorherrschaft über die öffentliche Meinung zu gewinnen und die Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten. Der Freitag wird aus diesem Grund in diesem Jahr in lockerer Folge und zu bestimmten Anlässen verfolgen, wie die zeitgenössische Presse im In- und Ausland die Vorgeschichte des Krieges wahrgenommen und interpretiert hat.

Es bedurfte zum Jahreswechsel 1938/39 keiner besonderen prophetischen Gaben, um mit Joseph Roth in seinem "Leitfaden für Zeitungsleser anno 1939" in der Pariser Tageszeitung festzustellen: "Nichts deutet darauf hin, dass Diktatoren aufhören werden, die Welt mit ihrem Frieden zu überziehen." Den meisten Beobachtern war klar, dass sich in den folgenden zwölf Monaten entscheiden würde, ob der Konfrontationskurs der faschistischen Mächte Deutschland und Italien mit den westlichen Demokratien in einer kriegerischen Auseinandersetzung münden würde. Denn die Welt wollte 1939 - anders als im Jahr zuvor - den "Frieden" der Diktatoren nicht mehr um jeden Preis akzeptieren und deren Expansionsdrang stoppen.

Spätestens seit den Judenpogromen vom November 1938 hatte man sich in den Demokratien keine Illusionen mehr darüber gemacht, einen modus vivendi mit dem deutschen Nazi-Regime finden zu können. Zu groß war die Abscheu über den "Rückfall in die Barbarei", wie es in der New York Times am 12. November 1938 in einer Presseschau hieß, mit der die Zeitung ihren Lesern die einhellige Empörung der amerikanischen Medien über die Pogrome vermittelte. Es war offensichtlich, dass Adolf Hitler selbst nach der Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im September 1938 seine Expansionspolitik fortsetzen würde.

Krieg ist "reale Gefahr"

Allenthalben betonten die Kommentatoren in den westlichen Medien zum Jahreswechsel daher den Wert und die Stärke der Demokratie, auch und vor allem in der bevorstehenden Krisenzeit. "Es ist an der Zeit, dass die Demokratie aus ihrer Defensive kommt", schrieb die New York Times. "Wir wissen, dass es das einzige System ist, das sich um die Würde und das Glück des einfachen Mannes sorgt."

Zu Optimismus sah man wenig Anlass. "Wir ahnen", äußerte Karl Zimmermann in der Neuen Zürcher Zeitung seine Sorge, "dass wir in ein Jahr von weltgeschichtlichen Entscheidungen eintreten, ein Jahr, in dem die Erdstöße und Erschütterungen, die Krisen und Umwälzungen in den Bereichen der Politik, des kulturellen Lebens und des menschlichen Geistes weiterdauern, weitergreifen und zu ganz unberechenbaren Auswirkungen in allen möglichen Teilen der Erde führen können."

Die Stimmung, die zum Jahreswechsel in der amerikanischen Regierung unter Präsident Franklin D. Roosevelt herrschte, brachte eine Analyse der New York Times auf den Punkt: "Nach dem Abschluss eines Friedensabkommens mit Großbritannien und Frankreich setzt Hitler sein wahnsinniges Rüstungsrennen und sein ungehobeltes Verhalten den Demokratien gegenüber fort." Im Laufe des kommenden Jahres bestehe die "reale Gefahr eines Krieges". Ebenso gebe es jedoch die "reale Aussicht auf Frieden". Edwin L. James, geschäftsführender Redakteur der Zeitung, machte sich keine Illusionen darüber, wie der Frieden vielleicht gesichert werden konnte: "Auf Stärke, und Stärke allein, ist im Umgang mit Hitler und Mussolini zu setzen." Diese Stärke konnte letztlich nur militärischer Art sein, denn nach Ansicht der Zeitung basierten die außenpolitischen Erfolge Hitlers 1938 auf der Überlegenheit der deutschen Luftwaffe: "Zehntausend Flugzeuge standen in Deutschland für den Waffengang bereit. ... Die deutsche Überlegenheit in der Luft hätte enorme Zerstörungen und den Tod hunderttausender Zivilisten in London, Paris und anderen Städten Großbritanniens und Frankreichs bedeutet." Im Falle der umgekehrten Drohung hätte sich Hitler in München sicher nicht durchsetzen können, schrieb James.

Doch es war für die westlichen Staaten alles andere als einfach, in kurzer Zeit den Rüstungs- und Mobilisierungsvorsprung des Deutschen Reiches aufzuholen, selbst wenn die angegebene Zahl von 10.000 Flugzeugen übertrieben sein mochte. Vor allem Roosevelt waren durch die bestehenden Neutralitätsgesetze die Hände gebunden, so dass er die wirtschaftliche Stärke der USA zugunsten Großbritanniens und Frankreichs nicht voll in die Waagschale werfen konnte.

Roosevelts Kampfansage

Dennoch schwang er sich in einer viel beachteten Kongressrede Anfang Januar 1939 zum Antipoden Hitlers und zum Anwalt der bedrohten Werte auf: "Die Verteidigung von Religion, Demokratie und zwischenstaatlichem Vertrauen bedeutet ein und denselben Kampf. Um eines davon zu retten, müssen wir uns jetzt entscheiden, alle retten zu wollen." An die Adresse Berlins, Roms und Tokios gerichtet, warnte er: "Worte mögen nutzlos sein, aber Krieg ist nicht die einzige Möglichkeit, einen angemessenen Respekt für die Ansichten der Menschheit einzufordern. Es gibt viele Methoden, die noch keinen Krieg bedeuten, aber stärker und wirksamer als bloße Worte sind."

Die Rede Roosevelts wurde in Deutschland als die Kampfansage verstanden, als die sie gemeint war. "Roosevelts Kriegshetze" lautete folgerichtig auch die Überschrift eines Leitartikels, in dem der Völkische Beobachter den US-Präsidenten als gescheiterten Politiker vorführte, der mit Hilfe eines neuen Krieges seine dritte Amtszeit sichern wolle. Doch die Drohung aus den USA verfehlte ihre Wirkung. Anstatt die Nazi-Führung von ihren Kriegsplänen abzuschrecken, bestärkte Roosevelts Kampfansage eher die Absicht Hitlers, den Rüstungsvorsprung möglichst bald militärisch auszunutzen.

Das erste politische Opfer dieser Radikalisierung war Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, der die fortdauernde Aufrüstung auf Schuldenbasis ablehnte und gegen Ende Januar 1939 entlassen wurde, weil er sich gegen die Ruinierung der Reichsfinanzen sträubte. "Die Entlassung Schachts als Reichsbankchef ist symptomatisch für die Tatsache, dass die Extremisten die letzten Elemente von Expertenwissen, interner Kritik und Widerstand aus den Reihen der Regierungsberater beseitigen wollen", kommentierte die New York Times die Entwicklung. Mit Spannung erwartete die Weltgemeinschaft daher Hitlers Rede zum sechsten Jahrestag der Machtübernahme am 30. Januar 1933.

Hitler verspielt letztes Vertrauen

Mit unverhülltem Stolz stellte der Völkische Beobachter fest, diese Rede "habe im Mittelpunkt des Weltinteresses" gestanden. Für die Kriegsfurcht des Auslandes hatte das Blatt nur Spott übrig: "Der inneren Geschlossenheit eines 80-Millionen-Volkes stand, wie wäre es nach den Erfahrungen der letzten Jahre auch anders zu erwarten, seit Wochen eine künstlich erzeugte Unruhe in einem gewissen Teil des Auslandes gegenüber." Wie berechtigt diese Unruhe gewesen war, machte Hitler sechs Wochen später deutlich. Ohne Rücksicht auf die außenpolitischen Konsequenzen ordnete er die Zerschlagung der so genannten Rest-Tschechei an. Damit verspielte er in London und Paris den letzten Rest an Vertrauen. "Mit welcher Abscheu die öffentliche Meinung in allen Staaten auf dieses jüngste Beispiel der Verachtung, die die Nazis den Gepflogenheiten internationaler Beziehungen entgegen bringen, reagiert hat, zeigt schon ein oberflächlicher Blick in die Weltpresse sehr deutlich", schrieb die britische Times: "Nun herrscht der allgemeine Eindruck vor, dass man kein Vertrauen mehr in das Wort der Nazi-Regierung setzen darf."

Entscheidend für den weiteren Verlauf der Entwicklung war die Erkenntnis in den westlichen Staaten, dass "militärische und wehrwirtschaftliche Erfordernisse der deutschen Expansionspolitik, des nationalsozialistischen Imperialismus, Deutschland dazu bewogen haben, in diesem Augenblick die im Münchner Abkommen wohl bereits vorgezeichnete, aber durch weitgehende Respektierung des Nationalitätenprinzips und des Selbstbestimmungsrechts der Tschechen noch gemilderte Machtverschiebung mit rücksichtsloser Konsequenz durchzusetzen", wie die Neue Zürcher Zeitung schrieb.

Im deutschen Vorgehen gegenüber der Tschechoslowakei erkannte die Weltöffentlichkeit nun eine Art Drehbuch, mit dem auch weitere Nachbarstaaten wie Polen unter Druck gesetzt werden konnten. "Ein isolierter Nutzen aus diesem erbärmlichen Geschäft besteht darin, dass die Nazi-Methoden nun deutlicher als je zuvor in all ihrer Gerissenheit und Rücksichtslosigkeit offengelegt wurden", wetterte die Times. Damit war klar, dass die polnische Regierung in der Frage nach der Rückkehr Danzigs ins Deutsche Reich in den folgenden Monaten zu keinem Zugeständniss mehr bereit sein sollte.

Vor allem die britische Regierung versuchte nun angestrengt, eine "Friedensfront" gegen Deutschland und Italien aufzubauen. Beistandsgarantien gegenüber Staaten wie Polen, Rumänien und Griechenland sollten Hitler und Mussolini deutlich machen, dass keine weitere gewaltsame Expansion der Achsenmächte mehr hingenommen würde. Doch trotz der starken Aufrüstung Englands und der erstmaligen Einführung der Wehrpflicht in Friedenszeiten ließ sich Hitler nicht von seinen Kriegsplänen abhalten. Wie kaum anders zu erwarten, verschärften sich im Laufe des Sommers daher die Spannungen zwischen Deutschland und Polen. Es kam zu Zwischenfällen in Danzig und innerhalb Polens zu Zusammenstößen mit der deutschen Minderheit, was von der deutschen Presse kampagnenmäßig aufgebauscht wurde. Die Zeitungen war weltweit im August voll mit Berichten über umfangreiche Heeresmanöver in allen Ländern.

Moskau will nicht in die Friedensfront

Zur Eskalation der Situation trug auch bei, dass es Großbritannien und Frankreich im Laufe von mehrere Monate andauernden zähen Verhandlungen nicht gelang, die Sowjetunion auf ihre Seite zu ziehen und in die Friedensfront einzubinden. Nach der Ankündigung des Hitler-Stalin-Paktes schrieb die New York Times am 22. August 1939 besorgt: "Wenn sich dies als reale Vereinbarung herausstellen sollte, ist es offensichtlich ein Ereignis von äußerster Schwere und Wichtigkeit. Es würde bedeuten, dass Russland entschieden hat, sich aus Europa herauszuhalten, und damit auch aus jedem europäischen Krieg. Man kann sich Stalin leicht vorstellen, wie er den verschärften Streit zwischen den Faschisten und den demokratischen Mächten überblickt und sich entschließt, dass diese ihn auskämpfen sollen." Polen schien den Beobachtern nun praktisch schutzlos den deutschen Angreifern ausgeliefert, ohne auf eine militärische Hilfe Großbritanniens und Frankreichs rechnen zu können.

Die schlimmsten Befürchtungen, die den Jahreswechsel 1938/39 überschattet hatten, erfüllte sich im August 1939. Was sich die Neue Zürcher Zeitung zu Beginn des Jahres gewünscht hatte - "dass wir doch den Film dieser 365 Tage, nur auf seine Hauptereignisse beschränkt, vorausnehmen und in einer Stunde abrollen lassen dürften!" -, käme hinsichtlich der Wirtschaftskrise auch 2009 zupass. So bleibt wohl nur, was Joseph Roth schon dem Leser anno 1939 riet: Er möge "rückhaltlos nur den Fragesätzen" trauen.

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00:00 09.01.2009

Ausgabe 25/2021

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