Courage und Cleopatra

Porträt Catarina Martins könnte den Weg bahnen für die erste Linksregierung in Portugal nach mehr als 40 Jahren
Miguel Szymanski | Ausgabe 43/2015
Courage und Cleopatra
Catarina Martins stammt aus einer armen Bauernfamilie
Foto: Globalimagens/Imago

Theaterbesucher kannten die kleine, begnadete Darstellerin Catarina Martins aus dem Theater Carlos Alberto in Porto. Der breiten Öffentlichkeit in Portugal dagegen war sie unbekannt. In den bliebten Telenovelas, die oft bis spät in die Nacht von allen Fernsehkanälen ausgestrahlt werden und ein Gesicht in Portugal erst richtig bekannt machen, wollte sie nie eine Rolle spielen. Derzeit jedoch hängt das Publikum an jedem Satz der 42-jährigen Linkspolitikerin, die Authentizität ausstrahlt, als wäre sie die vertraute Nachbarin von nebenan und würde als solche das Fach Politik beherrschen. Bereits zwei Legislaturperioden hat Martins seit 2009 hinter sich. Bei ihren Auftritten war stets ein gewisses Unbehagen auf der Regierungsbank spürbar.

Seit Anfang 2015 ist Martins Vorsitzende der Linksallianz Bloco de Esquerda und bewegt sich auf der politischen Bühne mit der Sicherheit einer routinierten Schauspielerin, die sie 20 Jahre lang war. Ihre als Bewegung linker Intellektueller, unorthodoxer Kommunisten und einiger Trotzkisten Ende der 90er entstandene Partei hat bei der Parlamentswahl am 4. Oktober in Portugal überraschend zehn Prozent der Stimmen gewonnen. Seither ist Martins eine der Galionsfiguren in der portugiesischen Politik. Dank ihrer Entschlossenheit, auf die Sozialisten und deren Spitzenkandidaten António da Costa zuzugehen, könnte es zur ersten Linksregierung in Portugal seit der Nelkenrevolution von 1974 kommen. Wenn nur der konservative Präsident Cavaco Silva nicht wäre, der wohl in den nächsten Tagen erneut der bisherigen Rechtskoalition die Regierungsverantwortung übertragen dürfte, obwohl die mit nur 38 Prozent die Mehrheit verloren hat. Neuwahlen wären dann wohl unvermeidlich.

Catarina Martins ist im Norden, in der Großstadt Porto geboren. Sie stammt aus einer armen Bauernfamilie. Ihr Vater gehörte zu den ersten aus seinem Clan, der eine Universität besuchte und Lehrer wurde. Wie viele engagierte Dozenten in Portugal gingen die Eltern als „Cooperantes“ nach Afrika. Catarina wurde in São Tomé und Príncipe eingeschult, lebte danach ein Jahr in Kap Verde, ebenfalls ein Inselstaat und wie São Tomé einst portugiesische Kolonie. Heute sagt sie, die Jahre in Afrika und später das Nomadenleben als Schauspielerin hätten ihr Lebenserfahrungen verschafft, wie sie die Lissabonner Elite nicht kenne. Aber Portugal ist weiterhin ein Land der Kasten und nichts so wichtig wie der Familienname. Mütterlicherseits stammt Catarina Martins aus einem bürgerlichen Milieu, das den Kommunisten nahe stand. Im Landhaus der Familie wurde ihr Onkel Carlos Ferreira Soares, bekannt als „Arzt der Armen“, von der politischen Polizei des Diktators Salazar erschossen, weil er der damals illegalen KP angehörte. Damit zählte Catarina Martins zur kommunistischen Aristokratie des Landes und hätte jederzeit auch bei den Kommunisten Karriere machen können. Sie entschied sich stattdessen früh für die offenere, modernere Version des Bloco de Esquerda mit marxistischen und trotzkistischen Gruppierungen wie FER-Ruptura und dem Partido Socialista Revolucionário .

Am Tag nach der Parlamentswahl vom 4. Oktober wollte sie Tatsachen schaffen. Martins hat den Sozialisten, die sich seit Jahrzehnten mit der Mitte-Rechtspartei PSD beim Regieren des Landes abwechseln, eine Linksregierung angeboten. Schließlich wollte der Partido Comunista Português (PCP) erstmals seit Jahrzehnten aus seinem selbstauferlegten Schattendasein heraustreten und mit dem Sozialisten sowie dem Bloco de Esquerda ein Bündnis eingehen – oder zumindest ein Minderheitskabinett tolerieren. Die Sozialisten verfügen nur über ein Drittel der Parlamentsmandate.

Die Schicksalsfrage lautet nun: Kann die Rechtskoalition wieder die Regierung stellen? Wird sie ihren bisherigen Austeritätskurs weiter fortsetzen und die harten Sparauflagen aus Berlin und Brüssel auch künftig befolgen? Oder finden die drei linken Parteien zueinander und bieten eine Lösung an, die der Staatspräsident nicht übergehen kann? Oder gibt es am Ende doch einen Kompromiss zwischen den Sozialisten und der amtierenden Rechtsregierung, wie sich das Cavaco Silva eigentlich wünscht? Niemand kann das derzeit sagen.

Dabei waren sich die Kommentatoren vor der Parlamentswahl fast einig, dass der vor 15 Jahren gegründete Bloco de Esquerda nach dem freiwilligen Ausscheiden seines geistigen Vaters, des Ökonomie-Professors Francisco Louçã, von der Bühne gefegt würde. Außerdem hatten sich zuletzt einige prominente Mitglieder abgesetzt und für das jüngste Votum neue Bewegungen oder Koalitionen aus Mikroparteien gegründet.

In dieser Situation bewies Catarina Martins als Vorsitzende, dass sie eine Partei zusammenhalten und nach außen überzeugend auftreten kann. Wenn der Bloco jetzt mit 10,2 Prozent auf das beste Wahlergebnis seit seiner Gründung 1999 kam, dann war das entscheidend der Vorsitzenden und ihrer 29-jährigen Fraktionskollegin Mariana Mortágua zu verdanken. Beide Frauen zeigten im männerdominierten Parlament Woche für Woche, dass sie besser vorbereitet waren als die meisten ihrer Kollegen. Angesichts der Korruptionsskandale und der Debatten über Rettungspakete für marode Banken konnten sie neue Anhänger gewinnen. Auch wenn die Vorbehalte gegen eine Regierung, die neben den Sozialisten auch die Kommunisten und den Bloco umfasst, bei vielen Portugiesen groß sein mögen – unüberwindbar erscheinen sie nicht.

Miguel Szymanski lebt in Deutschland und in Portugal. Er ist Autor des Buches Ende der Fiesta. Südeuropas verlorene Jugend

09:30 22.10.2015

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