Crime Watch

Wenn man ein »Thema« unter die Leute bringen will, baut man es am besten in eine Mordgeschichte ein. Das Vergnügen des Publikums an Mordgeschichten ...

Wenn man ein »Thema« unter die Leute bringen will, baut man es am besten in eine Mordgeschichte ein. Das Vergnügen des Publikums an Mordgeschichten ist seit Jahrtausenden eine sichere Bank. Wenn auch eine fatale.

Wir können täglich im Fernsehen, im Kino und bei der Lektüre jeder Art von Büchern sehen, daß es heutzutage nicht mehr nur um das Vergnügen an gruseligen Gegenständen geht, sondern daß alle Art von Gegenständen mit Grusel versehen werden müssen, um überhaupt Vergnügen zu bereiten. Der Westen übernimmt gern kulturelle Muster aus den USA, auch wenn die sozialen differieren. Deswegen ist auch eine australische Studie über Mord. Eine Erzählung vom modernen amerikanischen Leben unproblematisch übertragbar, zumal deren Verfasserin, Sara L. Knox, die leichten Unterschiede der Gesellschaften mitdenkt.

Knox fächert das Faszinosum an Mordgeschichten auf. Ihre Grundthese lautet: Das soziale factum brutum »Mord« sei ein unübersehbares Chaos von Faktoren und Tatsachen, die sich zunächst jeder »Sinnhaftigkeit« entziehen. Um »Sinn« zu erzeugen, müssen sie angeordnet werden. Diese Anordnung passiere immer auf narrativem Wege. Welche narrative Option (unter vielen möglichen) jeweils realisiert wird, hängt von Intentionen ab, die sich kreuzen und vermischen können. Narrative Muster wiederum fallen nicht vom Himmel, sie stehen Gesellschaften immer schon zur Verfügung, beziehungsweise sie tragen dazu bei, Gesellschaften zu definieren. Ob es sich dabei um juristische (von der Gesetzgebung bis zu Plädoyers), um fiktionale (Romane, Filme), halbfiktionale (true crime), sozialpolitische (Fall-Analysen) oder sonstige Formen handelt, ist sekundär. Alle sind »Erzählung«, das heißt: das Faktenchaos folgt einer Ordnung, die die Fakten wertet, akzentuiert, einige wegläßt, einige hinzuerfindet, viele interpoliert, um die soziale Bearbeitung des Skandalons »Mord« überhaupt möglich zu machen. Wie das im Einzelfall funktioniert, illustriert Knox an Fallbeispielen: Zum Beispiel dem der sogenannten »Honeymoon-Killer«, eines Killerpärchens in den Fünfzigern, dessen Darstellung vor Gericht und in der medialen Aufbereitung (erst in Gerichtsreportagen, dann im Genre des true crime und schließlich als Kinofilm) sich der Kulturtechnik der true romance fügt. Das Killerpärchen erscheint wider etliche Fakten so als Liebespaar, besessen von einer folie à deux. Und die führt, Liebe ist stärker als der Tod, schließlich zur Hinrichtung. Deutlicher kann man die Macht des Narrativen über Leben und Tod nicht zeigen.

True romance ist nur eine unter vielen Kulturtechniken, die die tales of murder strukturieren. Aber alle können einen entscheidenden Punkt nicht verdecken: Unter der Hand gerät die Mordgeschichte zur Geschichte des Mörders, nicht der Geschichte der Opfer. Für letztere bedürfe es, laut Knox, der »Gegenerzählung«, wie zum Beispiel in James Baldwins Reportage über die in Philadelphia 1982 ermordeten schwarzen Kinder. Um diesen Opfern »Sinn« abzugewinnen, mußte von Medien und Behörden ein Einzeltäter installiert, also »herbeierzählt« werden, obwohl viele Tatsachen dagegen sprachen. Indem Baldwin die »Erzählung« vom Einzeltäter demontiert, initiiert er allerdings nolens volens eine neue Erzählung von vielen Tätern oder von einer ganzen rassistischen Gesellschaft als Täter. Und dabei verschwinden die Opfer wieder. Knox zeigt diesen fatalen Mechanismus auch an Beispielen, bei denen feministische »Gegenerzählungen« in dieselbe Falle dieses narrativen Grundmusters tappen.

Das ist bis dahin sehr nützlich, scharfsinnig und bedenkenswert. Auch daß Knox weitere Kontexte - die Versessenheit der Amerikaner auf die Todesstrafe, das grundsätzlich hysterische Verhältnis zur Sterblichkeit oder die rassistisch-sexistischen Implikationen aller Erzählmuster - mitdenkt, trägt zum hohen Anregungswert der Studie bei. Bei den »Warum«-Fragen jedoch bleibt sie verblüffend stumm. Aber es ist natürlich keine schöne Erkenntnis, daß in Mordgeschichten letztlich immer der Mörder der Gewinner ist. Er ist der interessantere, nicht das Opfer. Und das sollten sich alle überlegen, die anhand von Mordgeschichten jedwede Banalität »transportieren« möchten.

Sara L. Knox: Murder. A Tale of Modern American Life. Duke University Press, Durham London 1998, 283 Seiten, Importpreis 34,- DM

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00:00 02.04.1999

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