Crime Watch 62

Beinahe wäre sie in den Bücherfluten untergegangen: Jenny Siler, Erzählerin aus den USA und im Moment eine der wenigen starken, neuen Stimmen der ...

Beinahe wäre sie in den Bücherfluten untergegangen: Jenny Siler, Erzählerin aus den USA und im Moment eine der wenigen starken, neuen Stimmen der Kriminalliteratur. Zwei Bücher gibt es bis jetzt von ihr auf deutsch: Schnelle Beute, ihr Erstling von 1998 und das bekanntlich (oder doch nur anscheinend?) schwierigere zweite Buch, Auf dünnem Eis von 2001. Ernstzunehmende, laute Jubelschreie habe ich in Deutschland außer von Gaby Fauser und Jan Christian Schmidt - "Glatteis"-Buchhändlerin in München die eine und Macher des Internetmagazins Kaliber38.de der andere - noch nicht gehört. Und das ist betrüblich, wenn es auch einer ziemlich üblen Logik folgt. Denn Jenny Siler schreibt Romane, die in die derzeitige Vorstellung von "Krimi", "Thriller" oder sonst dergleichen nicht passen. Sie hat keine netten Heldin, respektive Heldinnen: Alison Kerry in Schnelle Beute ist Kurierin für alles, was illegal ausgeliefert werden muss und ein Ex-Junkie; Meg Gardner aus Auf dünnem Eis ist Repo-Frau (das sind die Leute, die überschuldeten Menschen die Autos, Fernseher und Stereoanlagen wieder abnehmen, notfalls mit eher robusten Mitteln) und kommt aus dem Knast.

Beide sind low lifer, white trash, autonom und vor allem durchaus nicht von Gewaltverzicht geprägt. Solche Typen sind vermutlich nach den Huren als obsiegenden Hauptfiguren das Schlimmste, was man Leserinnen beiderlei Geschlechts zumuten kann. Gegenbilder setzt Jenny Siler nicht: Korrupte Politiker, besoffene native Americans, schmierige Dealer, rauschgiftsüchtige Transen und verzweifelt unfähige Kleinganoven sind das Milieu, in dem sich Silers Ladies bewegen müssen. Was bekanntlich immer den empörten, vorauseilenden Protest: "Also, ich kenne solche Leute nicht" provoziert.

Zudem sind Silers Schauplätze nicht schick, mondän oder Reiseführer-relevant: Das flache Land der USA und die Sümpfe in Florida, dort, wo sie nicht pittoresk sind, im ersten Buch; und ein eiskaltes, dunkles und heruntergekommenes Montana im zweiten. In diesen Gegenden gibt es keine Gemütlichkeitsfaktoren, kein Tüddeldaddel mit netten Kinderchen, keine kulturhistorischen Dauerbrenner, keine putzigen Haustiere und schon gar keine kulinarischen Jauchzer. Außerdem wird gequalmt, was zugebenermaßen für das amerikanische Publikum gerade noch ein wenig schauderhafter ist als für das unsere.

Genauso wenig konsumentenfreudig für ein Publikum, das doch nach Leon, Mankell, Christie und Hammesfahr inzwischen genau weiß, wie "Krimi" geht, sind Silers Handlungsführungen. Alison Kerry und Meg Gardner geraten in dumme Situationen und müssen sehen, wie sie wieder herauskommen, lebend. Und nicht gegen ihren Stolz. Da gibt es keine glatte Auflösungen, kein Trostversprechen der Form, da winkt kein Prinz am Ende der Geschichte. Es geht bei Jenny Siler am Ende ums Überleben - und das ist der wahre Unbehaglichkeits-Faktor an ihren Romanen, den man angesichts der Rissigkeit der westlichen Gesellschaften im Spaßrausch nicht gerne unter die Nase gerieben bekommt.

Natürlich ist das nicht ganz originell und könnte leicht beim Kitsch noir enden, wenn es sich bei Jenny Siler nicht um fein gemachte Literatur handeln würde. Damit gehört sie zu einer ganzen Gruppe von wichtigen Autoren wie James Crumley, Ray Ring, oder Tom Kakonis, deren allmähliches Verschwinden vom Buchmarkt lediglich ein Beweis dafür ist, dass "der Markt" vielleicht vieles regeln kann, aber gewiss keine ästhetischen Sachverhalte, die dadurch politische werden. Weil aber die genannten Autoren keinen Formendogmatismus pflegen, kann Jenny Siler innerhalb einer gewissen Zugehörigkeit ihre eigenen Strategien ausfalten. Zum Beispiel die sorgfältige Zeichnung aller Figuren mit knappen Mitteln, die virtuose Rückblendentechnik in Momenten der spannendsten Action, die das Verhalten der Figuren begründen und immer wieder das Insistieren mit literarischen Mitteln darauf, dass die Vergangenheit für Individuen und Gesellschaft gleichermaßen konstitutiv wichtig ist. Jenny Siler ist eine große Erzählerin.

Jenny Siler: Schnelle Beute (Easy Money, 1999) Deutsch von Kristian Lutze. Goldmann Tb, München 2001, 250 S., 7,50
Jenny Siler: Auf dünnem Eis. (Iced, 2001). Deutsch von Doris Styron. Goldmann Manhattan, München 2002, 249 S., 9,00

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 05.07.2002

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare